Zu Beginn des Festjahres zu 500 Jahren Reformation hat die evangelische Kirche die ökumenische Dimension der Feiern hervorgehoben. Der Reformationstag sei ein Tag der Neuentdeckung von Jesus Christus, der "uns heute zwischen den Konfessionen nicht mehr spaltet", sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, am Montag dem Radiosender WDR5. Er verwies darauf, dass bei der Eröffnung des Jubiläumsjahres an diesem Montag in Berlin die Martin-Luther-Medaille der EKD an Kardinal Karl Lehmann und damit an einen Katholiken verliehen werde.


Ökumenisch in das Jubiläumsjahr

Im schwedischen Lund werde zudem Papst Franziskus mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Bischof Munib Younan, zu einem gemeinsamen Gottesdienst zusammenkommen. "Ich bin fest überzeugt, dass die ökumenische Form, in der wir dieses Jahr begehen, die einzige ist, in der wir wirklich der Intention Martin Luthers gerecht werden", sagte der EKD-Ratsvorsitzende: "Denn Luther wollte nichts anderes als Christus neu entdecken."
Auch der frühere Vizepräses der EKD-Synode, Günther Beckstein, hob die ökumenischen Akzente des Jubiläums hervor. Die gemeinsame Feier mit dem Papst in Lund sei "ein großer Fortschritt", sagte der CSU-Politiker und frühere bayerische Ministerpräsident im Deutschlandfunk: "In meiner Jugendzeit waren die Evangelischen und die Katholischen noch wie Hund und Katz'." Der Begriff der "versöhnten Verschiedenheit" bringe das Verhältnis zwischen den Konfessionen wohl am besten auf den Punkt.


Im ganzen Land wird an den Reformationstag erinnert

Neben der Veranstaltung in Lund und dem Festgottesdienst und staatlichen Festakt mit Bundespräsident Joachim Gauck in Berlin wird am Montag auch in Wittenberg und zahlreichen anderen Städten in Gottesdiensten an die Reformation erinnert. Das Festjahr endet am 31. Oktober 2017, genau 500 Jahre nach dem legendären Thesenanschlag Martin Luthers in Wittenberg. Die Veröffentlichung der Thesen gegen die Missstände der Kirche jener Zeit gilt als Ausgangspunkt der weltweiten Reformation. Sie hatte auch die Spaltung in evangelische und katholische Kirche zur Folge.


Reformation als großer Schritt für die Demokratisierung

Die Reformationsbotschafterin der EKD, Margot Käßmann, bezeichnete die Reformation als großen Schritt der Demokratisierung. Martin Luther habe klargemacht, in Fragen des Glaubens sei jeder Mensch frei, sagte sie im Sender Bayern 2. Damit habe er den Weg für die Gewissensfreiheit in Deutschland frei gemacht. Außerdem habe er gefordert, dass jedes Kind zur Schule gehen solle - "also die Volksschule für alle, gleich welcher Herkunft".
Zugleich betonte sie, dass der Reformator nicht als Held verehrt werden solle. Kritisch sehe sie seine antisemitischen Äußerungen, sein Verhalten gegenüber Frauen und seine Rolle im Bauernkrieg, sagte Käßmann im Inforadio RBB. Es gebe aber "Seiten an Martin Luther, die ich unendlich bewundere". Als Beispiele nannte sie seine Leistung zur Übersetzung der Bibel und seinen Mut, den Regierenden seiner Zeit die Stirn zu bieten.

Für die Zukunft empfahl Beckstein der evangelischen Kirche mehr Zurückhaltung in politischen Fragen: "Ich warne davor, dass die Kirche sich in tagespolitische Fragen einmischt. Das sind nicht die Fragen nach der letzten Wahrheit." Pfarrer seien nicht zwangsläufig die besseren Politiker. Gleichwohl müsse sich die Kirche einmischen, wenn es um die Verteidigung der Menschenwürde geht. Die Kirche müsse sich um die "geschunden Menschen" kümmern. Das bedeute aber nicht, dass zum Beispiel alle Flüchtlinge nach Deutschland gelassen werden müssten.