Berlin
Rente

2016: Stärkste Rentenerhöhung seit mehr als 20 Jahren

Die Renten steigen dieses Jahr so stark wie schon seit langem nicht. Mit einem so kräftigen Plus ist dann erstmal nicht mehr zu rechnen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Foto: Jens Büttner/dpa
Foto: Jens Büttner/dpa
Die gut 20 Millionen Rentner können sich in diesem Jahr auf die stärkste Rentenerhöhung seit mehr als 20 Jahren freuen. In Westdeutschland steigt die Rente zum 1. Juli um 4,25 Prozent, im Osten um 5,95 Prozent. Das gab das Bundessozialministerium am Montag in Berlin bekannt.


Gute Beschäftigungslage und gestiegene Einkommen ermöglichen die Rentenerhöhung

Es ist die höchste Rentenerhöhung seit 23 Jahren. Bei einer Monatsrente von brutto 900 Euro bringt sie rund 38 Euro mehr im Westen und 54 Euro mehr im Osten. Die Erhöhung wird auch nicht durch die Preisentwicklung aufgefressen. Die Europäische Zentralbank erwartet eine Teuerungsrate von nur 0,1 Prozent in diesem Jahr.
Das hohe Rentenplus wird durch die gute Beschäftigungslage und die gestiegenen Einkommen ermöglicht. Für die alten Länder wurde eine Lohnsteigerung von knapp 3,8 Prozent eingerechnet, für die neuen knapp 5,5 Prozent. Es gibt aber auch einen Sondereffekt: 2015 fiel die Erhöhung wegen einer Änderung bei der Lohnstatistik um rund einen Prozentpunkt niedriger aus. Dies wird nun ausgeglichen. Im vergangenen Jahr waren die Renten um 2,1 Prozent (West) und 2,5 Prozent (Ost) gestiegen.


Kluft zwischen Ost- und Westrenten sinkt

Bundessozialministerin Andrea Nahles (SPD) sagte, die Rentner profitierten nun von der guten Arbeitsmarktlage und vom Wachstum. Die durch Umlagen finanzierte Rente bewähre sich. "Das ist eine gute Nachricht, gerade in Zeiten niedriger Zinsen." Der Beitragssatz bleibe in den kommenden Jahren bei 18,7 Prozent.
Die Kluft zwischen Ost- und Westrenten sinkt weiter - erkennbar an der Entwicklung des Rentenwerts, quasi der monatlichen Rente für ein Jahr Beschäftigung mit Durchschnittsentgelt. Im Osten beträgt der Wert nun 94,1 Prozent des Westwertes, bisher 92,6 Prozent. Denn im Westen steigt der Wert um 1,24 auf 30,45 Euro, im Osten um 1,61 auf 28,66 Euro. Zum 1. Juli will die Koalition prüfen, wie weit die bis Ende 2019 geplante Ost-West-Rentenangleichung gekommen ist.


Langfristig wird das Rentenniveau trotzdem weiter sinken

Opposition und Sozialverbände kritisierten das längerfristig sinkende Rentenniveau. Das ist das Verhältnis zwischen Arbeits- und Renteneinkommen. Es soll laut Rentenversicherungsbericht von rund 48 Prozent 2014 auf knapp 45 Prozent 2029 sinken. "Die seit Jahren sinkenden Neurenten zeigen, dass die Rentnerinnen und Rentner mit immer kleineren Einkommen in den Ruhestand starten müssen", sagte die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Ulrike Mascher. Bei vielen ärmeren Senioren werde die Erhöhung mit der Grundsicherung verrechnet.

"Die diesjährige Rentenanpassung ist lediglich eine kurze Verschnaufpause bei einem stetig weiter sinkenden Rentenniveau", mahnte der Linken-Politiker Matthias W. Birkwald. Der Grünen-Experte Markus Kurth meinte, die Regierung versäume es, "die gute Finanzlage zu nutzen und die Rentenversicherung zukunftsfest zu machen". Der politische Wille, das Rentenniveau weiter zu senken, bleibe aktuell, kritisierte der Präsident des Sozialverband Deutschland, Adolf Bauer. Alexander Gunkel vom Arbeitgeberverband BDA hielt dem entgegen, die Rentenanpassung werde auf längere Sicht bei durchschnittlich rund 2,5 Prozent liegen. "Die Kaufkraft der Renten wird trotz sinkenden Rentenniveaus sogar weiter steigen."


Fragen und Antworten zur Rentenerhöhung

Wie entwickelt sich die Rente in diesem Jahr?
Zum 1. Juli steigt die Rente um 4,25 Prozent in den alten Ländern, im Osten um 5,95 Prozent. Bei 1200 Euro brutto sind das 51 Euro (West) und 71,40 Euro (Ost). Zuletzt gab es so eine Erhöhung 1993 mit 4,36 Prozent (West) und 14,12 Prozent (Ost).

Wie ist die starke Erhöhung zu erklären?
Sie rührt von der Entwicklung der Bruttolöhne in Deutschland her - getrennt errechnet für West (3,78 Prozent) und Ost (5,48 Prozent). Aber nicht nur. Es gibt einen statistischen Sondereffekt, der in diesem Jahr einmalig zu Buche schlägt: Im vergangenen Jahr wurde das Niveau der Durchschnittslöhne aufgrund von EU-Vorgaben niedriger ausgewiesen. Die Rentenerhöhung fiel deshalb um rund einen Prozentpunkt niedriger aus. Dies wird nun ausgeglichen. Außerdem wirkt die Senkung des Beitragssatzes Anfang 2015 von 18,9 auf 18,7 Prozent rentenerhöhend.

Wie geht es weiter mit der Rente? 
Die Renten sollen auch künftig steigen - bis 2029 im Schnitt aber um nur rund zwei Prozent pro Jahr. Von den Löhnen koppeln sich die Renten dabei immer mehr ab. Faktoren wie die Nachhaltigkeitsrücklage dämpfen das Rentenplus. Sie sollen sicherstellen, dass die Rente bezahlbar bleibt, auch wenn geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand gehen.

Wie entwickelt sich die Rente im Verhältnis zu den Löhnen?
Das wird mit dem Rentenniveau angegeben. Heute liegt es noch bei 48 Prozent. Unter 43 Prozent soll es laut politischer Vorgabe bis 2030 nicht fallen. Derzeit sind knapp 45 Prozent bis 2029 vorhergesagt. Trotzdem dürften die Rentenreserven dahinschmelzen. Nach 2020 soll deshalb der 18,7 Prozent betragende Beitragssatz deshalb steigen. Nach einer neuen Umfrage meint nur jeder Dritte, von der gesetzlichen Rente künftig gut leben zu können. Besonders starke Zweifel haben demnach Befragte zwischen 18 und 34 Jahren.

Wie groß ist das Problem der Altersarmut?
258 000 Menschen im Rentenalter waren 2003 auf Grundsicherung angewiesen - 2014 waren es 512 000. Doch wegen des sinkenden Rentenniveaus und vermehrt auftretender gebrochener Erwerbsbiografien vor allem bei Frauen warnen Sozialverbände wie der Paritätische Wohlfahrtsverband: "Altersarmut droht künftig immer mehr älteren Menschen." Die Arbeitgeber weisen auf künftige Rentensteigerungen hin und meinen: "Die Sorgen vor Altersarmut aufgrund angeblich sinkender Renten entbehren damit einer realen Grundlage."

Was plant die Koalition?
Eine Aufstockung kleiner Renten. Laut Koalitionsplan ab einer Rentenschwelle von heute 876 Euro im Westen und 812 Euro im Westen. Doch um soziale Pläne wie diese gibt es Streit. SPD-Chef Sigmar Gabriel pocht auf eine Realisierung eines Solidarpakts - und stößt auf Widerstand, wie eine Äußerung von CDU-Generalsekretär Peter Tauber zeigt. "Die kräftige Erhöhung der Renten zeigt, dass die vom SPD-Chef ausgelöste Neiddebatte an der Realität völlig vorbeigeht", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Im Wahlkampf 2017 dürfte es auch um die Rente gehen.

Was ist mit der Steuerbelastung?
Seit 2005 werden Renten ähnlich wie Pensionen nachgelagert besteuert. Der steuerpflichtige Teil der Rente steigt schrittweise: von 50 Prozent 2005 bis auf 100 Prozent im Jahr 2040, 2016 auf 72 Prozent. Somit sind nur noch 28 Prozent der ersten vollen Bruttojahresrente steuerfrei. Der steuerliche Grundfreibetrag beträgt 8652 Euro im Jahr.
Verwandte Artikel