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Boxen

Ulli Wegner in Bamberg: Zwei Pratzen für die Ewigkeit

An Ulli Wegner scheiden sich die Geister: Vergöttert oder belächelt- dazwischen gibt es wenig. Trotz seiner 71 Jahre kann die Trainer-Legende nicht vom Box-Sport lassen. Nun kämpfen seine Schützlinge wieder in Bamberg. Ausgerechnet hier.
Ein bisschen Show vor dem Kampfabend am Samstag: Eduard Gutknecht (l.) und Ulli Wegner. Neben Gutknecht steht besonders IBF-Cruisergewichts-Weltmeister Yoan Pablo Hernandez im Mittelpunkt.  Fotos: Matthias Hoch
Ein bisschen Show vor dem Kampfabend am Samstag: Eduard Gutknecht (l.) und Ulli Wegner. Neben Gutknecht steht besonders IBF-Cruisergewichts-Weltmeister Yoan Pablo Hernandez im Mittelpunkt. Fotos: Matthias Hoch
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Ulli Wegner ist noch zu Tisch, als Eduard Gutknecht schon im Ring tänzelt, sich aufwärmt und erste Trockenübungen macht. Dann ist auch Wegner, Boxtrainer-Legende und offensichtlich ein Salami-Pizza-Fan, bereit. Noch schnell kauen, Mund abwischen - und schon hält der 71-Jährige die Pratzen hoch. Gutknechts Fäuste klatschen im Sekundentakt auf Wegners Handschuhe. Trotzdem verzieht der Coach nicht ein einziges Mal die Mundwinkel - die pure Routine, zumindest für jemanden, der seit über 40 Jahren als Trainer im Ring steht.

Wiedergutmachung ist angesagt

Die kleine Trainings-Session mit Gutknecht in einem Bamberger Möbelhaus ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was am Samstagabend in der Brose Arena folgen wird. Im Fokus steht der IBF-WM-Kampf zwischen Titelverteidiger Yoan Pablo Hernandez, auch ein Wegner-Schützling, und Pflichtherausforderer Alexander Alekseev im Cruisergewicht. "Das wird ein großer Kampfabend, wir haben hier in Bamberg noch etwas gutzumachen", sagt Wegner: "So wollen wir nicht in Erinnerung bleiben." Gemeint ist ein Hernandez-Kampf vor fast genau einem Jahr, da kämpfte der Deutsch-Kubaner schon einmal in Bamberg - am Ende stand ein umstrittener Punktsieg gegen Troy Ross, begleitet von einem Pfeifkonzert des Publikums.

Dann legte sich Wegner noch im Ring verbal mit den Hallen-Zuschauern an, monierte fehlende Unterstützung und drohte, nie wieder einen Kampf in Bamberg abhalten zu wollen. "Das, was ich gesagt habe, kam aus der Emotion heraus, direkt nach dem Kampf", sagt Wegner.

In einem Alter, in dem andere längst das Rentner-Dasein genießen, steht der 71-Jährige noch immer im Boxring, Tag für Tag, viele Stunden in der Woche. "Ich kann nicht aufhören, es geht einfach nicht. Ich bin vernarrt ins Boxen", sagt Wegner, zuckt mit den Schultern und kommentiert quasi zeitgleich das Training von Alekseev.
Im Möbelhaus haben sie dafür extra einen Ring aufgebaut, irgendwo am Rande der Teppich-Abteilung - es ist eben eine dieser üblichen Werbeveranstaltungen, die Lust machen sollen auf den Abend. Vollprofi Wegner kennt das Spielchen. "Haut ruhig weiter, ich will was sehen", sagt Wegner, an den Seilen stehend, mit seiner unverwechselbaren und etwas zu hoch geratenen Stimme. Viel zu sehen bekommt er aber nicht vom Hernandez-Gegner, zumindest keine taktischen Feinheiten. Auch das ist bei einem solchen Termin normal.

Verlängerung mit 71 J<hren

Dass Ulli Wegner jetzt, im November 2013, noch immer als Trainer für den Sauerland-Stall in der Ringecke steht, ist aber keine Selbstverständlichkeit. Das Boxjahr war kein leichtes, der gebürtige Stettiner geriet in Zweifel; über sich, seine Boxer und seine eigene Zukunft. Auch ist noch unklar, ob und zu welchen Konditionen die übertragende Fernsehanstalt ARD den Ende 2014 auslaufenden Vertrag mit Sauerland verlängert.

"Es war ein Jahr voller holpriger Entscheidungen", nennt Wegner es und meint damit etwa den nicht überzeugenden Punktsieg von Robert Helenius gegen Michael Sprott, die Niederlage von Marco Huck gegen den späteren Klitschko-Herausforderer Alexander Powetkin oder die Gutknecht-Pleite gegen Jürgen Brähmer. Hinzu kam der erneut lethargische Auftritt von Arthur Abraham im Oktober gegen Giovanni De Caroli - ein äußerst schmuckloser Punktsieg auf boxerisch schwachem Niveau.

Die Kritiker Wegners, die ihm taktische Einfallslosigkeit im Training und Phrasendrescherei im Ring vorwerfen, sahen sich bestätigt. Und Wegner? Der nahm die Kampfausgänge persönlich, fühlte sich in seiner Ehre verletzt - und wird besonders beim Gedanken an den desolaten Abraham-Kampf fast kirre. "Der Arthur", sagt Wegner und fasst sich an die Stirn, "macht mir wirklich Sorgen, mir geht das an die Nieren. Ich weiß nicht, warum er kämpft, wie er kämpft. Der Junge bereitet mir Kopfzerbrechen. Ich kann und werde ihn aber nicht im Stich lassen", sagt Wegner. Man nimmt ihm diese väterliche Fürsorge vollumfänglich ab, auch wenn es etwas schwer fällt, diese Worte in Einklang mit Wegner im Boxring zu bringen. Da wird ein jammernder und nach Luft schnappender Arthur Abraham mit doppelt gebrochenem Kiefer im Kampf gegen Edison Miranda schon mal angemault, er solle sich nicht so haben.

Hungrig nach Erfolgen

Letztlich geht Wegners Blick aber immer nur nach vorne, die vielen Titel, die seine Boxer in all den Jahren gesammelt haben - von Markus Beyer, Sven Ottke bis zu Marco Huck - gehören der Vergangenheit an. Alte Boxer gehen, neue kommen dazu, Wegner bleibt: "Ich kann mich nicht zurücklehnen und all das Revue passieren lassen. Ich brauche die Herausforderung und suche den Erfolg, egal, wie alt ich bin. Noch spielt der Körper ja mit."

Nach dem Abraham-Fight verlängerte Wegner schließlich seinen Vertrag bei Sauerland - und das bis mindestens 2016. Aus Wegners Sicht eine untypische Verlängerung, war er es doch bislang gewohnt, seinen Kontrakt am Ende eines Jahres immer nur für das folgende zu verlängern. "Ich wollte meinen Jungs ein Zeichen setzen, nach dem Motto: ,Seht her, ich bleibe, ihr könnt auf mich zählen'".

Abstriche muss Ehefrau Margret machen - mal wieder, sie ist es irgendwie schon gewohnt: "Meine Frau weiß ja, was mir das Boxen bedeutet. Wäre sie gegen ein weiteres Engagement gewesen, hätte ich auch nicht verlängert." So gab sie aber grünes Licht. Wegner weiß, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist - und steht Gewehr bei Fuß, wenn die Gattin ruft. "Antreten, Herr Wegner, wir gehen jetzt", sagt sie höflich lächelnd, aber auch bestimmt. Es gibt also doch noch Wichtigeres als Boxen.




Die wichtigsten Fakten zum Kampfabend in Bamberg

Keine Frage: Im Mittelpunkt des Boxabends in der Brose Arena steht der IBF-WM-Kampf im Cruisergewicht zwischen Yoan Pablo Hernandez (GER) und Alexander Alekseev (RUS). Insgesamt stehen aber sieben Kämpfe auf dem Programm. Wie gestalten sich die wichtigsten Paarungen? Um was geht es? Und wo gibt es Tickets?

Hernandez - Alekseev

Das Beste kommt zum Schluss, so auch in Bamberg. Wobei es natürlich eine hypothetische Frage ist, ob der Hauptkampf auch tatsächlich der sehenswerteste Kampf ist. Die Ausgangslage ist klar: Hernandez will seinen Titel behalten, Alekseev ihn erobern. Für Hernandez ist es der erste Kampf nach seinem in Bamberg erlittenem Handbruch vor über einem Jahr. Hält die Hand? Ja, sagt Hernandez. Coach Wegner legt noch eins drauf: "Seine Schlagstärke hat sogar noch zugenommen." Wobei: Auch Alekseev ist ein gefürchteter Punsher, bei 24 Siegen knockte er seine Gegner 20 Mal aus. Hernandez kommt zwar auf eine geringere K.o.-Quote (13 von 27), hat aber auch stärkere Gegner in seiner Vita stehen. Beide Boxer gelten als technisch versierte Rechtsausleger. Auch, was die Erfahrung in der Ringecke angeht, nehmen sich beide Lager nichts: Ulli Wegner (71) coacht Hernandez, mit Fritz Sdunek (66) steht ein ebenfalls erfahrener Trainer bei Alekseev in der Ringecke. Eine Prognose ist kaum möglich.

Leapai - Boytsov

Wer bekommt als nächstes Wladimir Klitschko vor die Fäuste? Eine Frage, die zwischen dem Australier Alex Leapai und Denis Boytsov beantwortet wird. Der Gewinner des Duells darf als WBO-Pflichtherausforderer gegen den Ukrainer antreten. Für den schlaggewaltigen Boytsov (33 Siege, keine Niederlage, 27 KOs) ist es nach dem Aus des Universum-Boxstalls der erste Auftritt für Sauerland. Während Leapai hierzulande ein unbeschriebenes Blatt ist, warnt Trainer Karsten Röwer vor der Explosivität und Schlagkraft des 34-Jährigen.

Sukhotsky - Gutknecht

Es wäre nicht fair, den Kampf als "Duell der Verlierer" zu bezeichnen, ein wenig trifft es aber schon zu: Sowohl Sukhotsky als auch Gutknecht standen zuletzt gegen Jürgen Brähmer im Ring - und verließen jeweils als Verlierer die Halle. Für Gutknecht (31) könnte es schon die letzte Chance sein, um einen WM-Titel zu kämpfen. Der Sieger sichert sich nämlich das Pflichtherausforderungsrecht des Verbandes IBF, der Verlierer wird wohl in den Niederungen der Weltrangliste verschwinden.

Tickets

Für den Kampfabend gibt es noch Tickets in unterschiedlichen Kategorien - erhältlich an den bekannten Vorverkaufsstellen oder an der Abendkasse. Einlass ist ab 18 Uhr, der erste Kampf beginnt um 19.40 Uhr.

Kampffolge

1. Kampf, Schwergewicht: Ladislav Kovarik (CZE) - Otto Wallin (SWE)
2. Kampf, Supermittelgewicht: Stephane Cuevas (FRA) - Wanik Awdijan (GER)
3. Kampf, Halbweltergewicht: Michal Vosyka (CZE) - Anthony Yigit (SWE)
4. Kampf, Cruisergewicht: Sandro Siproshvili (GEO) - Noel Gevor (GER)
5. Kampf, IBF-Ausscheider im Halbschwergewicht: Dmitry Sukhotsky (RUS) - Eduard Gutknecht (GER)
6. Kampf, WBO-Asia-Pacific-Meisterschaft im Schwergewicht: Alex Leapai (AUS) - Denis Boytsov (RUS)
Hauptkampf, IBF-Weltmeisterschaft im Cruisergewicht: Alexander Alekseev (RUS) - Yoan Pablo Hernandez (GER)
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