Herzogenaurach
EM 2021

Löw-Ära vorbei: Das enttäuschende Ende des Weltmeister-Coaches

Es war das letzte Turnier für Fußballtrainer Joachim Löw - das stand schon vor der Europameisterschaft fest. Dass es allerdings bereits im Achtelfinale endet, nicht. Nationalcoach Löw zeigte sich mit leerem Blick vor der Kamera zu seinem letzten Interview als Bundestrainer nach der Niederlage gegen England.
Löw-Ära als Bundestrainer zu ende
Mit dem frühen EM-Aus der deutschen Nationalmannschaft gegen England, geht auch die Zeit von Joachim Löw als Bundestrainer vorbei. Foto: Petter Arvidson, dpa

Plötzlich war für Joachim Löw da nur noch Leere. Das monotone Brummen der Rasenmäher auf dem heiligen Rasen von Wembley war für den Rekord-Bundestrainer nach dem 0:2-K.o. gegen England der bittere Abschiedssound nach dem abrupten Ende seiner Ära. "Die Enttäuschung ist da. Viel mehr Gedanken sind nicht möglich", sagte Löw. Mit seiner letzten Turnier-Mission ist der 61-Jährige im Achtelfinale mit der Fußball-Nationalmannschaft zu früh gescheitert - zwölf Tage vor dem erhofften letzten Endspiel-Date bei der Europameisterschaft.

"Mannschaft muss noch reifer werden": Löw im Interview frustriert

Auf der Tribüne hatte Englands Fußball-Idol David Beckham kurz zuvor gegrinst und sich die Hände gerieben. Die englischen Fans sangen nach dem ersten K.o.-Sieg gegen Deutschland seit 55 Jahren inbrünstig «Football's coming home». Im Gegensatz zum WM-Endspiel 1966 brauchten die Three Lions am Dienstagabend kein historisch zweifelhaftes Lattentor, um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erstmals wieder in einem entscheidenden Turnierspiel zu bezwingen. Löw hatte wieder einmal, als es schief lief im deutschen Spiel, keinen Plan B parat.

Raheem Sterling (75. Minute) und Harry Kane mit seinem ersten EM-Treffer (86.) erzielten die Tore der Engländer gegen eine in der spannungsgeladenen Stimmung viel zu harmlose DFB-Elf. Thomas Müller vergab in der 81. Minute bei einer der wenigen deutschen Tormöglichkeiten die Chance auf den Ausgleich. "Wir hätten uns natürlich was anderes erhofft", sagte Löw. "Im Moment ist bei allen Spielern Totenstille, alle Spieler sind maßlos enttäuscht." Routinier Toni Kroos bezeichnete das Aus als insgesamt "sehr, sehr bitter".

Löw wirkte aber auch schnell wieder gefasst. Frustration ja, Schwarzmalerei nein. So schlimm wie 2018 nach dem historischen WM-K.o. ist die Bilanz nicht. In seiner letzten Pressekonferenz als Bundestrainer blieb er auch nach dem zu mutlosen Spiel vor mehr als 40 000 euphorisierten England-Fans nicht hoffnungslos.

Dieser, seiner letzten DFB-Mannschaft, traut er beim EM-Heimturnier 2024 unter Nachfolger Hansi Flick den großen Wurf zu, der diesmal Wunschdenken blieb. "Kaltschnäuzigkeit" fehlte, konstatierte Löw. "Die Mannschaft muss noch reifer werden", sagte er - und verschwand mit einem letzten "vielen Dank" in den Katakomben von Wembley.

DFB-Pressekonferenz: Löw denkt nicht an einen Ruhestand

Doch an einen ruhigen Schlaf war nicht zu denken. Am Mittmochmorgen (30. Juni) lud der Deutsche Fußball-Bund zu einer Abschlusspressekonferenz, auf der sich Löw gemeinsam mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff noch einmal zum frühen Turnier-Aus äußern wollte. Um kurz vor 1.00 Uhr war die DFB-Chartermaschine in Nürnberg gelandet. Löw stieg als Erster aus, in Bussen und Vans ging es danach - eskortiert von zwei Polizeiwagen - weiter ins nahe Herzogenaurach.

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Von einem grundsätzlichen vorzeitigen Ruhestand wollte er nichts wissen. Aber ein gewisser Abstand ist wichtig. "Von Ruhestand habe ich noch nie gesprochen. Klar ist, dass eine Pause jetzt mal wichtig ist. Auch eine emotionale Pause", sagte er.

Zumal die Enttäuschung tief sitzt. "Vielleicht muss ich erst alles zulassen, Enttäuschungen, die Leere, die kommt. Mit Sicherheit gibt es neue Aufgaben für mich, die interessant sind", sagte Löw. Er habe "keine konkreten Pläne". Konkrete Pläne für Fußball-Deutschland braucht jetzt ein anderer, Hansi Flick.

Auf Löw folgt Flick: So geht es weiter mit dem neuen DFB-Coach

Mit dem Abschied von Löw endet nach 15 Jahren die längste Strecke eines Bundestrainers. Sieben Turniere sind unerreicht. Auch wenn die letzten beiden im Schockzustand (WM 2018) oder einem Gefühl der großen Unzufriedenheit (EM 2021) endeten. Der 2014 noch gefeierte damalige Weltmeister-Coach Löw übergibt die DFB-Elf an seinen früheren Assistenten Hansi Flick mitten in einem nicht abgeschlossenen Transformationsprozess.

Flick wird klare und kluge Entscheidungen treffen müssen. Mit wem soll Deutschland die Rückkehr zur Fußball-Dominanz gelingen? Es wird Gespräche geben. Toni Kroos (31)? Ist nicht mehr sakrosankt. Ilkay Gündogan (30)? Fand keine Bindung zum Team. Die glücklosen Rückkehrer Hummels (32) und Thomas Müller (31)? Werden sie womöglich diesmal selbst entscheiden, bevor sie erneut auf's Abstellgleis geschoben werden? Bei Kapitän Manuel Neuer (35) gibt es keine Anzeichen, dass er Schluss macht.

Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der Flick gut kennt und mit ihm befreundet ist, rechnet mit einem eher sanften Umbruch. Und er ist überzeugt, dass der bisherige Bayern-Coach Müller "sicher nicht aussortieren" werde, wie Matthäus in seiner "Sport Bild"-Kolumne schrieb: "In eineinhalb Jahren startet die WM in Katar, dort muss er eine schlagkräftige Mannschaft haben. Zu dieser wird Thomas gehören. Denn Hansi will nicht alles auf ein Langzeitprojekt und die EM 2024 in Deutschland ausrichten, er will schon im Winter 2022 in Katar Erfolge feiern, Weltmeister werden."

aa/dpa