Schwarzach am Main
Interview 

Woher und wohin? Was verrät der Himmel?

Er sagt: "Der Glauben gibt dem Leben einen Sinn, den die Wissenschaft nicht geben kann."
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Strudel- oder auch Whirlpool-Galaxy wird dieses gut 30 Millionen Lichtjahre entfernte, spiralförmige Himmelsprodukt (M51) im Sternbild Jagdhunde genannt. Es handelt sich dabei  um  eine Anhäufung von  Gas- und Staubmassen mit etwa 100 Milliarden Sternen. (Bildbelichter) Schüler des Friedrich-König-Gymnasiums/ (Entwickler) Pater Christoph Gerhard
Strudel- oder auch Whirlpool-Galaxy wird dieses gut 30 Millionen Lichtjahre entfernte, spiralförmige Himmelsprodukt (M51) im Sternbild Jagdhunde genannt. Es handelt sich dabei um eine Anhäufung von Gas- und Staubmassen mit etwa 100 Milliarden Sternen. (Bildbelichter) Schüler des Friedrich-König-Gymnasiums/ (Entwickler) Pater Christoph Gerhard
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G anz still ist es. Kühl. Und stockdunkel. Nur am Himmel nicht. Wie Tausende erstarrte Glühwürmchen leuchten die Sterne, die in Wirklichkeit durch die Weiten des Weltraums fliegen, einem unbekannten Ziel entgegen. Die Dachluke der Klostersternwarte steht weit offen. Pater Christoph hat das Spiegelteleskop, dessen Bauweise Isaac Newton schon im 17. Jahrhundert erfunden hat, auf den Kugelsternhaufen im Sternbild Herkules gerichtet. Er ist 25 000 Lichtjahre von uns entfernt. Mit bloßem Auge kann man höchstens ein verwaschenes Fleckchen am Himmel entdecken, nicht größer als der Nagel des kleinen Fingers bei ausgestrecktem Arm. Beim Blick durchs Teleskop offenbart sich der winzige Fleck als Versammlung unzähliger Sterne, die mal bläulich, mal orangefarben funkeln und ein gemeinsames Zentrum umkreisen. Die Kraft, der sie ihre Existenz verdanken, muss gigantisch sein.


Was passiert, wenn Sie nachts am Teleskop stehen und in den Himmel schauen?
Dann vergesse ich Zeit und Raum. Der Blick in den Sternenhimmel ist ein wirksames Gegenmittel, wenn der Alltag zu eng wird oder ich meine eigene Person allzu wichtig nehme.

Das heißt konkret?
Während der Woche, wenn ich tagsüber viele Sitzungen und Stress habe, gehe ich nicht oft in die Sternwarte. Ideal ist die Nacht auf Samstag; da kann ich gut ein paar Stunden Schlaf abzwacken. Dann suche ich - wenn es dunkel genug ist - bevorzugt nach Deep-Sky-Objekten, das heißt, nach Sternhaufen, Nebeln und Galaxien außerhalb des Sonnensystems.

Und wenn der Mond groß am Himmel steht?
Dann suche ich Kometen, Asteroiden und Erdbahn-kreuzende Objekte, fotografiere und vermesse sie. Meine Funde melde ich dem "Minor Planet Center" in den USA, bei dem meine Sternwarte unter dem Code K74 registriert ist; diese Einrichtung der Internationalen Astronomie-Union ist dankbar, wenn Leute wie ich mithelfen, den Himmel und seine Objekte zu vermessen.

Heißt das, noch immer kennt man nicht alle Objekte, nicht mal die in der näheren Umgebung?
Nein, noch längst nicht. Ich allein habe schon über 3000 Meldungen gemacht. Es waren Objekte darunter, die sehr nah an der Erde vorbeikamen, etwa nur 40 000 Kilometer entfernt waren. Zehn Minuten nach meiner Meldung konnte man die Koordinaten schon auf der "Minor Planet Center"-Seite im Internet finden. Das freut mich, spornt mich an - und ist mein wissenschaftlicher Beitrag zur Erforschung des Universums.

Waren Sie schon immer von den Weiten des Alls fasziniert?
Ja, ich habe mit zwölf Jahren das "Kosmos Himmelsjahr" verschlungen, nachdem mir einer meiner Onkel eines Nachts den Sternenhimmel erklärt hatte. Mein erstes selbst verdientes Geld aus einem Ferienjob habe ich in den Kauf eines Teleskops investiert und nächtelang versucht, die Grenze des Sichtbaren immer weiter hinauszuschieben. Die Physik, die wir auf der Erde kennen, funktioniert im All auch. Allerdings kommt man irgendwann eben an die Grenzen der Physik.

Wann kommt man an diese Grenzen?
Wenn man zum Beispiel versucht zu verstehen, was innerhalb von Schwarzen Löchern vor sich geht. Man vermutet, dass inmitten jeder Galaxie ein Schwarzes Loch existiert, das eine so starke Gravitation erzeugt, dass weder Materie noch Licht oder Radiosignale diese Umgebung verlassen können. Man kann ein solches Schwarzes Loch also nicht direkt beobachten, denn es "schluckt" ja alles Licht; man kann es nur indirekt beobachten, wenn beispielsweise andere Himmelskörper daran vorbeikommen.

Können Sie mit solchen Beobachtungen Ihre Mitbrüder begeistern?
Sagen wir so: Es ist nicht jedermanns Sache, stundenlang ruhig in Kälte und Dunkelheit auszuharren. Aber immer wieder einmal schaut eine Gruppe von Brüdern mit mir am Teleskop in die Sterne.

Wie kam es dazu, dass Sie in der Abtei eine Sternwarte errichtet haben? Oder gab es die schon vor Ihnen?
Nein, ein Teleskop gab es vorher nicht. Aber es gab einen Pater Godefried, der Mathematiker und Pfarrer in Sommerach war und sich Anfang des 18. Jahrhunderts mit astronomischen Phänomenen befasst hat. Er hat sogar Bücher darüber geschrieben. Als ich in die Abtei eingezogen bin, dachte ich erst, ich müsste mein Hobby jetzt aufgeben. Aber dann kam Pater Meinrad und sagte: Mach' weiter! Also habe ich - vor der Profess, vor der man alle irdischen Güter verschenkt - mit meinem letzten Geld ein leistungsstarkes Teleskop gekauft und es an die finsterste Ecke der Abtei gestellt. Meine Mitbrüder hatten dann wohl Mitleid mit mir und haben gemeint, ich solle mir halt 'ne Hütte drumrum bauen. So kam es dann auch. Durch die Hilfe von Lehrlingen, quasi als Vorübung auf die Gesellenprüfung, hat die Hütte dann ein Rolldach bekommen. Seit 1998 ist das die Sternwarte der Abtei.

Früher waren Sterne etwas Göttliches. Doch mittlerweile haben sich viele Menschen weit vom Glauben entfernt; wenn sie überhaupt an etwas glauben, dann an die Wissenschaft.
Zu Anbeginn der Menschheitsgeschichte gehörten Glaube und Astronomie zusammen. Die Sterne galten als göttliche Zeichen, Feste richteten sich nach bestimmten Konstellationen am Himmel. Erst später wurde die Sternenkunde eine eigene Wissenschaft. Astronomie und Theologie entfernten sich voneinander und versuchten sogar, sich gegenseitig zu widerlegen. In meinen Augen ist Naturwissenschaft aber nicht dazu geeignet, den Glauben an Gott zu beweisen oder zu widerlegen. Religion und Astronomie sind verschiedene Zugänge zu der Wirklichkeit, die uns umgibt. Ohne die jeweils andere Sichtweise wird unser Blick auf die Realität eindimensional und unvollständig.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, darüber ein Buch zu schreiben?
Ich hab' an einer Predigt für Dreikönig gearbeitet. Dabei ist mir bewusst geworden, dass die Weisen aus dem Osten ja Naturwissenschaftler der damaligen Zeit waren. Naturwissenschaftler, die zur Krippe und zum Glauben gefunden haben. Die Thematik "Naturwissenschaft und Glaube" fand ich spannend.

Wissenschaft - also das empirisch Beweisbare - und der Glaube als etwas nicht Beweisbares sind doch zwei genaue Gegenpole, oder?
Für mich sind Glaube und Wissenschaft die beiden Seiten einer Medaille. Mathematik und Physik machen wissenschaftliche Zusammenhänge im Universum klar, aber nicht dessen Ursprung. Der wird durch wissenschaftliche Berechnungen und Analysen nicht weniger geheimnisvoll und faszinierend. Die Naturwissenschaft vertieft eher noch das Wunder des Seins.

Aber eigentlich versucht sie doch, diesem Wunder auf den Grund zu gehen, es mit Logik und Mathematik zu entschlüsseln.
Jedes Rätsel, dass die Wissenschaft löst, rückt zehn neue in den Fokus. Das verweist auf ein tiefes Geheimnis, das eben nicht lösbar ist. Die Größe des Alls ist so gewaltig, dass wir sie mit unseren menschlichen Möglichkeiten kaum erfassen können. Denken Sie nur an die Problematik mit den Schwarzen Löchern...

Geben solche ungelösten Geheimnisse nicht auch der Astrologie Vorschub? Ist das Zufall, Humbug oder irgendwie erklärbar, dass Sternzeichen-Horoskope oft so gut passen?
Astrologie ist zusammen mit Astronomie entstanden. Man hat versucht, die Beobachtungen mit Erfahrungen des Alltags in Verbindung zu bringen. Das war in einer Zeit, in der man die Sterne für Götter hielt, vielleicht noch angebracht. Einen nach heutigen Maßstäben naturwissenschaftlichen Beweis für die Astrologie gibt es allerdings nicht - im Gegenteil. Sternzeichen-Horoskope passen meist deshalb gut, weil sie mehrere Angebote machen, von denen eines passt und damit "stimmt" das Horoskop.

Gibt es außerhalb der Erde Leben im Weltall?
Ich glaube schon, dass es irgendwo Leben gibt. Aber intelligentes Leben? Das ist sehr fraglich. Es gibt zwar Milliarden sonnenähnliche Sterne. Aber die bräuchten ja erst einmal die richtige Zusammensetzung der Elemente, die richtige Entfernung zu einem Licht und Wärme spendenden Planeten, eine Atmosphäre mit Treibhaus- und zugleich Kühleffekt. Ein großer Mond wäre zudem gut - ein solcher stabilisiert die Rotationsachse langfristig. Genauso wichtig wäre ein stabiles Sternen- und Planetengefüge im Umkreis. Für die Entstehung von intelligentem Leben auf der Erde war eine Jahrmillionen lange Durststrecke zu überwinden - allein zwei Milliarden Jahre trug die Erde einen Eispanzer, weitere Millionen Jahre machten Asteroiden und Vulkanausbrüche den Planeten lebensfeindlich. Damit intelligentes Leben entstehen kann, müssen also viele Faktoren zusammentreffen - und es vergeht viel Zeit.

Könnten sich nicht auch Lebensformen entwickelt haben, die sich unser menschliches Gehirn gar nicht vorstellen kann, weil diese vielleicht ganz andere Voraussetzungen zum Leben brauchen als wir Menschen?
Ja, das könnte sein. Wir kennen ja nur eine Form von Leben, das auf Kohlenstoff und seinen vielfältigen Verbindungen aufgebaut ist.
In der Bibel wird die Schöpfungsgeschichte als Sache von sieben Tagen beschrieben. Manche Menschen nehmen das noch immer wörtlich. Was sagen Sie?
Diese biblische Erzählung drückt meines Erachtens nach eine tiefere Wahrheit bildlich aus. Sie ist nicht wörtlich als naturwissenschaftlicher Bericht zu lesen, sondern erzählt anschaulich von einer schöpferischen, kreativen Kraft, dem Heiligen Geist, der alles ins Dasein gebracht hat.

An welches astronomische Erlebnis erinnern Sie sich besonders gern?
Da gibt es viele! Zum Beispiel erinnere ich mich an einen Kometen im Sternbild Kleiner Wagen, den ich mit 19 Jahren "entdeckt" hatte - ich war begeistert, besonders, weil das Foto, das ich vom Kometen gemacht hatte, ganz ähnlich aussah wie das, was am nächsten Tag in der Zeitung erschien! Oder die totale Sonnenfinsternis am 21. August 2017 über Nebraska. Ich war zu dieser Zeit in Nebraska - und genau an diesem Tag war der Himmel bedeckt. Wir sind im Auto losgefahren und haben online geschaut, wo weniger Wolken zu erwarten waren. Es war eine abenteuerliche Fahrt; meine Brüder wollten gen Süden, ich war eher für Westen. Wir fuhren dann den Wolken davon und konnten, gerade als die Finsternis in ihre totale Phase trat, die Sonne wieder sehen. Die blau-rote Korona um die vom Mond bedeckte Sonnenscheibe war gut zu sehen. Und wir erlebten die einzigartige Zwielicht-Atmosphäre, die eine SoFi hervorruft. Allerdings sind die Fotos wegen der doch zahlreichen Wolken nicht so klar geworden wie erhofft.

Haben Sie sich die Himmelsfotografie selbst beigebracht oder hatten Sie einen Lehrmeister?
Nein, ich bin Autodidakt. Ich arbeite mit zwei Kameras. Die eine fixiert das genaue Blickfeld, das ich ablichten will, und führt das Teleskop beständig nach, denn sonst würden die Fotos durch die Erdrotation ja verschwimmen. Die zweite Kamera nimmt in regelmäßigen Abständen einzelne Aufnahmen auf, oft viele Stunden lang. Das Schöne an der modernen Fotografie ist: Ich stelle die Maschine ein, sie macht zum Beispiel alle paar Minuten ein Bild und ich kann schlafen gehen. Am nächsten oder übernächsten Tag wähle ich dann am Computer um die hundert Fotos aus und setze sie zu einem Gesamtbild zusammen.
Welches Fazit ziehen Sie in Bezug auf Astronomie und Glauben?
Die Physik erklärt, was geschieht. Quantentheorie und Allgemeine Relativitätstheorie geben jedoch keine Antwort auf die Frage nach Sinn und Perspektive. Das schafft nur der Glaube. Man kann Geist und Materie nicht voneinander trennen. Es braucht die Verbindung. Der Gott des 75 Milliarden Lichtjahre großen Universums ist in einem kleinen, schwachen Baby Mensch geworden. Für mich ist das eine deutliche, Sinn stiftende Botschaft, die mir absolutes Gottvertrauen gibt.
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