Würzburg
Interview

"Volksmusik muss sich weiterentwickeln"

An der Definition von fränkischer Volksmusik scheiden sich mitunter die Geister. Kilian Moritz, ehemaliger BR-Radiomoderator und leidenschaftlicher Musiker, erklärt unter anderem, was ihn an manchem Weinfest stört.
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Kilian Moritz (hier mit Tuba) stammt aus einer Volksmusik-Familie in der Rhön und spielt mehrere Instrumente.  Foto: Aurelia Moritz
Kilian Moritz (hier mit Tuba) stammt aus einer Volksmusik-Familie in der Rhön und spielt mehrere Instrumente. Foto: Aurelia Moritz

Was macht fränkische Volksmusik heute aus? Darüber diskutieren bei einer öffentlichen Tagung des Frankenbundes am Samstag im baden-württembergischen Grünsfeld (Main-Tauber-Kreis) Musiker und Forscher. Im Interview erklärt Kilian Moritz, Organisator der Tagung sowie Journalistik-Professor und ehemaliger Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks, vor allem, warum eine Definition von Volksmusik äußerst schwierig ist. Sie und andere Vertreter der Fränkischen Volksmusik tagen am Samstag in Grünsfeld im Main-Tauber-Kreis. Müssen sich Frankens Volksmusiker jetzt schon in Baden-Württemberg verstecken? Kilian Moritz: (lacht) Nein, die Tauberfranken fühlen sich historisch und kulturell als Franken. Und sie haben uns mit offenen Armen empfangen. Dass es im großen Franken immer für irgendjemand eine weite Anreise ist, lässt sich nicht vermeiden. "Volksmusik in Franken heute" ist die Tagung überschrieben. Was hat sich denn im Vergleich zu gestern geändert? Ich kann mich erinnern an die 1970er Jahre, als man anfing, die Volksmusik wieder zu entdecken. Damals gab es eine Riesenaufbruchsstimmung. Unter anderem wurde 1977 die Arbeitsgemeinschaft Fränkische Volksmusik gegründet. Dieser Schwung war auch noch in den 80er Jahren zu spüren. Aber seit einigen Jahren geht es rückwärts, und zwar bei denen, die sagen: Wir spielen nur die Musik von gestern, nur die alten Lieder. Stichwort: nur GEMA-frei. GEMA-frei heißt, ohne Aufführungsgebühren. Wo liegt das Problem? Meine Diagnose ist: Liebe Traditionalisten, wenn ihr euch immer nur auf alte, GEMA-freie Musik stützt, dürft ihr euch nicht wundern, dass die Leute die alten Lieder nicht zum 124. Mal hören wollen. Ist die Volksmusik in Franken also immer mehr auf dem Rückzug? Es gibt zum Glück viele junge Gruppen, die ganz erfolgreich mit neu gemachter Volksmusik sind, zum Beispiel Boxgalopp oder Gankino Circus. Im Blasmusikbereich, also bei Jugendblaskapellen, tut sich übrigens auch qualitativ viel zum Positiven hin. Bei Frankens Blaskapellen gibt es seit ein paar Jahrzehnten eine sehr ausgeprägte Richtung, die sich die böhmische Blasmusik nennt. Ist das inzwischen schon fränkisches Volksgut? Die Musik mit Urvater und Perfektionist Ernst Mosch würde ich nach wie vor als böhmisch bezeichnen. Aber sie ist ein elementarer Bestandteil der Musikkultur hier in Franken. Ich würde sie nicht fränkisch nennen, aber sie ist in Franken nicht mehr wegzudenken. Ab wann wird denn etwas fränkische Volksmusik?Wo würden Sie bei Einflüssen von außen eine Grenze ziehen? Grenzen zu ziehen ist in der Musik, in der Kultur, in der Kunst immer extrem schwierig. Wir haben momentan so eine Definition, dass irgendwie das, was vor 100 oder 150 Jahren gespielt und aufgeschrieben wurde, als fränkisch anerkannt wird. Ganz ulkig ist: In dem Moment, wo man nicht mehr weiß, wo das Stück herkommt, sagt man, das sei fränkisch. In Wirklichkeit ist es vielleicht aus einem alten Schlager. Ein Beispiel ist der Tanz, der in Gochsheim bei Schweinfurt zum Kirchweih-Plantanz gespielt wird. Dieser "Gochshumer" stammt aus einer mehr als hundert Jahre alten Berliner Operette mit dem Liedtext "Ja, das haben die Mädchen so gerne". Ach was, sehr interessant!Das dürfte aber kein Einzelfall sein. Es ist sogar normal, dass Stücke von der Hochkultur in die Volkskultur heruntersinken. Aber eine Definition, ab wann etwas dann fränkische Volksmusik ist, kann ich nicht geben. Kriterien könnten sein, dass sich etwas an die Harmonik und Melodik anlehnt, die hier in der Region üblich sind, oder, dass fränkischer Dialekt dabei ist. Ihr vor drei Jahren verstorbener Vater Ludwig Moritz war ein bekannter und extrem engagierter Rhöner Volksmusiker. Was haben Sie von ihm übernommen und in welchen Ansichten unterscheiden Sie sich von ihm? Von ihm habe ich meine große Liebe zur Musik, eine Verbundenheit zur Heimat und das Spielen nach Gehör, also beim Musizieren die Ohren aufzumachen. Unterschiedlich ist der Musikgeschmack. Mein Vater liebte Blasmusik, Chormusik, Volksmusik, Evergreens und Dixie. Ich dagegen höre mir auch gerne zeitgenössische Musik und moderne Jazzmusik an. Und wie dachte Ihr Vater über die GEMA? So wie alle früher dachten: Volksmusik und GEMA passen nicht zusammen. Diese Denkweise hat sich stark gewandelt. Die meisten, die Volksmusik komponieren, sind auch GEMA-Mitglieder. Viele Urheber sagen: Wenn jemand mit meiner Musik kommerziellen Erfolg hat, dann möchte ich doch bitteschön auch a wengerla was davon haben. Die Volksmusikblätter, die Ihr Vater herausgegeben hat, konnte man aber einfach mal so freiweg spielen. Das ist ja gut, dass es auch das gibt. Die Sache hat halt einen Haken. Wenn ich etwas seit 40 Jahren in einem unveränderten und recht einfachen Arrangement spiele, dann hat das Abnutzungserscheinungen. Selbst meine 81-Jährige Mutter, ein Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Fränkische Volksmusik, sagt, man müsste endlich aufbrechen zu neuen Ufern. Die denkt mit 81 weiter, als mancher, der nur an dem alten Denken festhalten will. Die böhmische Blasmusik macht das seit Jahren anders. Da wurden immer wieder neue Stücke jenseits von Ernst Mosch herausgegeben. Der Riesenvorteil ist zunächst, dass dieses ehemalige Spitzenorchester von Ernst Mosch, die Original Egerländer Musikanten, die Stücke damals zu Hits, also bekannt, machte. Der eine oder andere fränkische Titel könnte genauso bekannt sein, wenn so ein tolles Orchester ihn gespielt hätte. Und dann haben sie natürlich recht. Diese großflächige Erneuerung mit neuen Stücken fehlt der fränkischen Volksmusik etwas. Was wollen Sie, auch mit Ihrer Tagung, verbessern? In den letzten Jahrzehnten hat sich das Niveau in Blasmusik, Chormusik und Volksmusik stark verbessert, weil die Musikausbildung verbessert wurde. Ein Sonderlob da an den Nordbayerischen Musikbund mit den Leistungsabzeichen als Motivation für junge Musiker. Auch viele Chordirigenten kommen inzwischen aus den Berufsfachschulen für Musik. Sie sehen Blasmusik und Chormusik als Bestandteil der Volksmusik? Genau. Die reine Volksmusikszene hat immer so getan als würden beide nicht dazugehören. Ich würde mich freuen, wenn man da weiter aufeinander zugehen würde. Von der volkstümlichen Musik und Personen wie Marianne und Michael oder Florian Silbereisen wollte man sich aber immer abgrenzen. Angebot und Nachfrage regeln den Markt. Wenn viele Millionen Menschen am Samstagabend "Frühlingsfest der Volksmusik" angucken wollen, bin ich völlig schmerzfrei. In den Bierzelten ist die Volksmusik aber inzwischen nahezu verschwunden. Die Stimmungskapellen spielen in Nordrhein-Westfalen das Gleiche wie in Franken, oder? Das ist schade, aber es ist so. Es werden landauf landab die gleichen Stimmungshits gespielt. Und was ich auch noch sehr schade finde, dass hier in Franken immer mehr Kapellen auf pseudo-bayrisch machen. Da versuchen mir auf einem fränkischen Weinfest irgendwelche Menschen, die aus der Region stammen, in weiß-blau und bayrisch Stimmung zu präsentieren. Das finde ich furchtbar. Das Volk und die Volksmusik - eine gestörte Beziehung?" lautet das Thema eines Fachvortrags. So richtig zufrieden wirken die Volksmusiker im Jahr 2019 nicht, oder? Können sie auch nicht. Die traditionelle Volksmusik spielt nicht die Rolle im Leben der Menschen, die Rolle im Alltag, die der Begriffsbestandteil Volk suggerieren würde. Sie wird nur von einer Nische genutzt. Das ist der Grund, warum ich bei der Tagung morgen Blasmusik-, Chormusik-, Popularmusikvertreter und den Liedermacher Wolfgang Buck mit ins Boot geholt habe. Das Gespräch führte Matthias Litzlfelder.

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