Würzburg
Todesfahrt

Familie fassungslos: Betrunkener überfährt Frau (20) und bekommt bloß Geldstrafe - Urteil sorgt für Empörung

Nach einem aufreibenden Prozess um den Tod einer jungen Frau in Unterfranken steht nun ein Urteil, mit dem selbst der Richter hadert. Die Familie ist fassungslos, die Staatsanwaltschaft geht in Berufung.
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Vier junge Männer mussten sich in Würzburg vor Gericht verantworten.  Foto: Daniel Peter
Vier junge Männer mussten sich in Würzburg vor Gericht verantworten. Foto: Daniel Peter
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Mildes Gerichtsurteil sorgt für Empörung in sozialen Netzwerken.

Elke und Ronald Stahl sind entsetzt über das Urteil im "Eisenheim-Prozess". Die Eltern von Unfallopfer Theresa warteten, bis die Reporter und Prozessbeobachter den Gerichtssaal verlassen hatten. Danach haben sie sich minutenlang mit ihrem Anwalt beraten, denn sie waren als Nebenkläger aufgetreten. Später verließen sie wortlos das Gebäude. Die Eltern hatten Tränen in den Augen.

Eine Geldstrafe von 5000 Euro und ein weiteres Jahr Fahrverbot - so lautete am Mittwochmittag das Urteil gegen den Hauptangeklagten Niclas H., zweieinhalb Jahre nach dem Unfall bei Untereisenheim (Landkreis Würzburg). Nicht wegen fahrlässiger Tötung, wie ursprünglich angeklagt, sondern wegen fahrlässigen Vollrauschs.

Mit 2,89 Promille: Nach Weinfestbesucht Fußgängerin überfahren

Der heute 21-Jährige, daran hat Richter Bernd Krieger keinen Zweifel, hat sich in der tragischen Aprilnacht nach einem Weinfestbesuch mit mindestens 2,89 Promille Alkohol im Blut ans Steuer seines Golf gesetzt und die 20-jährige Fußgängerin Theresa mit bis zu 80 Stundenkilometern überfahren. Sie starb wenige Tage später an ihren schweren Verletzungen. Auch die drei Mitangeklagten, die mit im Unfallauto saßen, kamen mit einer Geldstrafe davon. 1000, 1500 und 2000 Euro müssen die 21 und 22 Jahre jungen Männer zahlen, weil sie keine Hilfe holten und sich stattdessen schlafen legten.

 

Alle vier Angeklagten wollen gegen das Urteil keine Rechtsmittel einlegen. Anders die Gegenseite. Wie Sprecher Boris Raufeisen auf Nachfrage dieser Redaktion am Abend bestätigt, hat die Staatsanwaltschaft nur wenige Stunden später Berufung gegen das Urteil eingelegt. Es ist ein Urteil, mit dem sich selbst Richter Krieger nicht wohlfühlte.

Die Begründung des Richters klingt wie Entschuldigung

Seine Begründung klingt in Teilen wie eine Entschuldigung für das Urteil. "Es fällt mir schwer, Ihnen in die Augen zu schauen", bekennt er. "Eigentlich werden Urteile ,Im Namen des Volkes‘ gesprochen. Heute wurde ein Urteil ,Im Namen des Gesetzes' gesprochen", das "das Volk" nur verstehe, wenn es "einige Semester Jura studiert hat".

Das psychiatrische Gutachten, das am ersten Prozesstag verlesen worden war, hatte Niclas H. aufgrund seiner Volltrunkenheit als schuldunfähig eingestuft, und so könne der 21-Jährige für die Tötung Theresas nicht belangt werden. Er verstehe, so Krieger, wenn nun jemand sagt, der Angeklagte habe "genug gesoffen", um davonzukommen.

"Das Gericht hat gegen das Gutachten des Dr. Flesch gekämpft", betont Krieger. Schließlich sei Niclas H. in der Lage gewesen, kontrolliert auf dem Parkplatz zu driften oder sein Auto lange unfallfrei durch die engen Gassen Eisenheims zu manövrieren. Außerdem habe er bei seiner eigenen Rettung "bewusstlos gespielt" und schon hier das Gerücht gestreut, jemand anderes habe Theresa überfahren. Doch auch wenn es Zweifel an dem Gutachten gebe, könne das Gericht es nicht ignorieren.

Nach Jugendstrafrecht verurteilt

So bleibe nur die fahrlässige Volltrunkenheit. Dafür sei der damals 18-Jährige nach Jugendstrafrecht zu verurteilen. "Leider", so Krieger, scheide aber auch eine Freiheitsstrafe nach Jugendstrafrecht aus. Dafür müssten eine "Schwere der Schuld" oder "schädliche Neigungen" beim Angeklagten festgestellt werden. Beides liege nicht vor.

Eine Erziehungsmaßnahme, so lange nach der Tat, sei auch nicht vertretbar. So steht am Ende lediglich eine Geldstrafe. Die bedeutet eine Niederlage für die Anklage. In ihrem Plädoyer hatte Staatsanwältin Martina Pfister-Luz noch vehement gefordert: "Auf keinen Fall darf am Ende nur eine Geldstrafe stehen."

Urteil für Kritiker zu mild - Entrüstung in sozialen Netzwerken

Kurz nach seinem Bekanntwerden hat das in vielen Augen äußerst milde Urteil gegen den alkoholisierten Unfallfahrer im Netz eine Welle der Empörung ausgelöst. Wie die Deutsche Presse-Agentur meldet, wurde das Urteil in den sozialen Netzwerken in Hunderten Postings scharf kritisiert. So schrieb eine Frau beispielsweise: "Ich finde es schlimm. Da wird gesoffen, dann ans Steuer gesetzt. Und wenn was passiert, heißt es unzurechnungsfähig."

Vater übt Kritik an deutschem Rechtssystem

Auch Roland Stahl, der Vater der getöteten Frau, nimmt das Urteil nur ungläubig wahr. Er zeigt sich enttäuscht vom deutschen Rechtssystem: "Wenn man genug Alkohol getrunken hat, darf man Menschen totfahren und kommt ohne Strafe davon. Es reicht, wenn man 5.000 Euro auf den Tisch legt." Die Schwester Anabel Wagner hätte zudem mehr Einsicht von dem jungen Mann und seinen Mitfahrern erwartet. Doch auf eine persönliche Entschuldigung wartet sie bis heute.

Gegen Alkohol am Steuer - Familie startet Aktion

Zum Andenken an ihre verstorbene Tochter beziehungsweise Schwester setzt sich die Familie nun gegen Alkohol am Steuer ein. Es wurden spezielle Aufkleber entworfen, die einen Pfeil sowie den Namen der Verunglückten zeigen und mit der Aufschrift "Gegen Alkohol am Steuer" versehen sind. Außerdem erzählt die Familie auf einer eigenen Homepage die gesamte Geschichte des Unfalls.

 

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