Würzburg
Fussball

Manuela Hoch und ihre lange Leidensgeschichte

Wie eine Verletzung das Leben von Fußballerin Manuela Hoch veränderte.
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Kann inzwischen auch mal wieder lachen: Manuela Hoch, Trainerin der DJK Würzburg.  Carolin Münzel
Kann inzwischen auch mal wieder lachen: Manuela Hoch, Trainerin der DJK Würzburg. Carolin Münzel
Oft sind es nur Bruchteile einer Sekunde, die ein Leben verändern können. Dieser Satz wird zwar oft gesagt und geschrieben, entfaltet seine grausame Wucht aber tatsächlich nur für diejenigen, die seine Wahrheit am eigenen Leib zu spüren bekommen. Auch bei Manuela Hoch war der Vorgang, dessen Folgen sie seit zwei Jahren begleiten, nur einen Wimpernschlag lang.

Am 3. April 2016, ihrem "Unglückstag", wie sie heute sagt, wurde der 47-Jährigen bei einem Fußballspiel der DJK Würzburg gegen den FSV Holzkirchhausen/Neubrunn das Schienbein zertrümmert. "Ich hab nur noch Beine auf mich zukommen sehen und schon, während ich gefallen bin, habe ich gehört, wie die Knochen brechen. Ich habe geschrien wie noch nie zuvor", erzählt sie. Und weiß heute, dass das der Moment war, in dem ihr Leben anfing sich zu wenden.

Es dauert lange, bis man Manuela Hoch vom Platz bringt, denn jede Bewegung tut ihr unendlich weh. Deshalb kann sie auch nicht im herbeigerufenen Krankenwagen transportiert, sondern muss vom Rettungshubschrauber abgeholt werden. In der Würzburger Uniklinik wird sie noch am gleichen Tag operiert, bekommt einen Nagel vom Knie bis zur Ferse ins Bein, außerdem zwei Schrauben ins Sprunggelenk und eine ins Knie. "Als ich aufgewacht bin, hatte ich Schmerzen ohne Ende und wusste erst gar nicht, was los ist", sagt die ehemalige DJK-Spielerin.

Langsam kommt die Erinnerung zurück, an ein Bezirksliga-Spiel, das von Anfang an hochemotional ist. Für die DJK Würzburg geht es um den Klassenerhalt, für den gastgebenden FSV Holzkirchhausen/Neubrunn um den Aufstieg in die Landesliga. Es überrascht also nicht, dass in der Begegnung gehörig Feuer ist. Wenn sie heute zurückdenkt, dann gibt es für die Würzburgerin eine Schlüsselszene, die das verheerende Ereignis in der zweiten Hälfte der Partie nach sich gezogen hat. "Ich bin kurz vor der Pause von einer Spielerin leicht am Fuß getroffen worden und der Schiedsrichter hat gepfiffen", erinnert sie sich und sagt, dass man diese Aktion ihrer Meinung nach nicht hätte bestrafen müssen. Dass es der Unparteiische dennoch tut, bringt Hoch erst zum Schmunzeln, dann zum Lachen - und ihre Gegenspielerin auf die Palme.


Kurz nach der Halbzeit...


Ihre Wut, so vermutet es die 47-Jährige, nimmt die FSV-Akteurin mit in die zweite Spielhälfte. Die läuft noch nicht lange, da erreicht ein Ball aus dem Mittelfeld Manuela Hoch. Sie holt ihn aus der Luft, fängt ihn mit dem Oberschenkel ab und sieht dabei zwei Gegenspielerinnen auf sich zustürmen. Eben jene, mit der sie schon kurz vor der Pause aneinandergeraten ist, springt ihr, so erinnert sich die 47-Jährige, von links ins Bein. "Jetzt hast du Grund zu schreien", soll sie zu Manuela Hoch gesagt und die auf dem Boden liegende Frau angeschrien haben, endlich aufzustehen und das Spiel nicht weiter zu verzögern.


Die Leidenszeit beginnt


Geahndet wird diese Aktion vom Schiedsrichter nicht. Das Sportgericht verurteilt die Frau, die Manuela Hoch von den Beinen geholt hat aber zu einem Busgeld von 50 Euro - wegen der Beschimpfungen. Für Manuela Hoch beginnt eine Leidenszeit. Zwei Wochen nach der Operation platzt die Naht am Sprunggelenk auf, die Wunde will nicht heilen und bereitet der Würzburgerin große Schmerzen. "Das erste halbe Jahr war ich nur zu Hause gelegen", sagt sie. Die Verletzung verändert sie, nimmt ihr für eine Weile sogar die Lust am Fußball, der bis dahin ihr Leben war. Drei Monate nach dem Unfall findet sie sich erneut auf dem OP-Tisch wieder. Die Schraube wird aus dem Sprunggelenk entfernt, doch die Heilung schreitet weiter nur langsam voran. Heute, vier Operationen später und ohne Nagel und Schrauben im Bein, ist Manuela Hoch immer noch nicht schmerzfrei, wird es vermutlich auch nie mehr sein.

Das hat auch Auswirkungen auf das Berufsleben. Vor dem Unfall hatte die Einzelhandelskauffrau eine Abteilung unter sich, heute räumt sie Regale ein. Wie sehr sie immer noch mit körperlichen Einschränkungen zu kämpfen hat, entsetzt auch den Schiedsrichter Roland Schmitt. Der Fußballer, den Manuela Hoch seit Kindertagen kennt, spricht sie vor rund zwei Monaten auf dem BFV-Kreistag in Rimpar an, weil er bemerkt, dass sie auch zwei Jahre nach ihrer Verletzung noch hinkt. Nachdem er ihre Geschichte gehört hat, ergreift er die Initiative und erwirkt gemeinsam mit Klaus Ullrich, einem Beisitzer beim Sportgericht, der die Krankheitsgeschichte von Manuela Hoch mitverfolgt hat, und Helga Schmitt, der Bezirksvorsitzenden im Frauen- und Mädchenausschuss des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV), dass sie Geld aus der BFV-Sozialstiftung bekommt. Die hat es sich unter anderem auf die Fahnen geschrieben, "alle am Leben der bayerischen Fußballfamilie beteiligten Menschen in Notsituationen zu unterstützen". So steht es auf der Homepage der Stiftung. Manuela Hoch bekam beim Bezirkstag 2000 Euro überreicht. "Ich freu mich total über die Unterstützung", sagt sie. Auch, wenn ihr das Geld nicht ihr altes Leben zurückgeben kann.

Das neue ist um einiges schwieriger. Für die schönen Momente sorgt aber inzwischen auch wieder der Fußball. Während der gesamten Verletzungszeit lässt ihre Mannschaft Manuela Hoch nicht im Stich. Die Frauen holen sie in den Anfangsmonaten zum Training ab und zu Spielen, besorgen ihr sogar einen Stuhl, damit sie am Spielfeldrand das kaputte Bein hochlegen kann. Die Hartnäckigkeit der Teamkolleginnen zahlt sich aus. Manuela Hoch geht heute wieder gerne zum Fußball, auch wenn sie nicht mehr selber spielen kann. Sie trainiert die beiden Frauenmannschaften der DJK Würzburg.


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