Würzburg
Unfälle im Einsatz

Diskussion um Rettungskräfte: So gefährlich sind Blaulichtfahrten

Rettungsdienst, Polizei und Feuerwehr haben im Einsatz Sonderrechte im Verkehr. Alle paar Sekunden kommen sie in eine gefährliche Situation.
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Dieses spektakuläre Bild wurde vor zwei Jahren im Allgäu aufgenommen, als der Rettungswagen im Einsatz mit einem Auto zusammengestoßen und umgekippt war.  Foto: Thomas Pöppel/dpa
Dieses spektakuläre Bild wurde vor zwei Jahren im Allgäu aufgenommen, als der Rettungswagen im Einsatz mit einem Auto zusammengestoßen und umgekippt war. Foto: Thomas Pöppel/dpa

Es brennt. Die Freiwillige Feuerwehr in Reichenberg (Kreis Würzburg) ist schnell, muss schnell sein. Der Rettungswagen des BRK auch. Beide sind mit Blaulicht unterwegs, beide haben Sonderrechte im Straßenverkehr. Sie müssen sich nicht an Tempolimits halten und dürfen bei Rot über die Ampel fahren. An einer Kreuzung krachen die Fahrzeuge ineinander.

Wie sicher sind Einsatzfahrten?

Ein paar Wochen sind seit diesem Unfall vergangen, der Brand ist längst gelöscht, die leichten Verletzungen der Retter in den Unfallfahrzeugen verheilt und der Sachschaden von etwa 8000 Euro ein Versicherungsfall. Aber der Unfall ist jetzt Teil einer Diskussion, die um die Sicherheit bei Blaulichtfahrten entbrannt ist.

Vor einem guten Monat ist ein Rettungswagen in Oberfranken auf dem Weg zu einem Einsatz selbst in einen dramatischen Unfall geraten. Erst vor wenigen Tagen waren unterfränkischen Polizeibeamte auf dem Weg zum Einsatz, als ihr Wagen in einer Engstelle auf ein Auto traf. Obwohl sich die Fahrerin und die Polizisten sahen, traf sie das Einsatzfahrzeug seitlich. Anstatt zu warten, fuhr sie weiter.

 

Blaulichtfahren: Im Schnitt 1,3 Unfälle pro Tag

Der Würzburger Fachanwalt für Rettungsdienstrecht Bernd Spengler kritisiert, dass keine repräsentativen Zahlen über solche Unfälle vorhanden seien. "Unfälle bei Einsatzfahrten werden eher unter den Teppich gekehrt", ist auch die Auffassung des Münchner Anwalts Alexander Stevens. Und der Verkehrsrechtsprofessor Dieter Müller von der Polizeihochschule Sachsen sagt gar: "Keine Organisation traut sich an dieses brisante Thema heran, weil es auf mögliche Fehler hinweist."

Sohrab Taheri-Sohi, Sprecher des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), will sich nicht nachsagen lassen, dass seine Organisation etwas vertuscht. Die Zahlen hat er auf unsere Nachfrage parat: Im vergangenen Jahr meldete das Rote Kreuz 519 Unfälle an die Haftpflichtversicherung. Darunter fallen auch Lappalien wie abgefahrene Spiegel. Bei zwei Millionen Einsätzen mit 55 000 000 Kilometern kam es in 0,03 Prozent zu einem Unfall. Aber es kracht jeden Tag - im Schnitt 1,3 Mal. "Jeder Unfall ist zuviel", sagt Taheri-Sohi. Um die Sicherheit zu erhöhen, rüstet das BRK die Fahrzeuge nach, beispielsweise mit Abbiegekameras und Kotflügel-Blaulicht.

Stress im Sekundentakt für die Rettungskräfte

Überholen an einer Engstelle, Autos, die unerwartet scharf bremsen, wenn sie das Blaulicht wahrnehmen, Fußgänger, die beim Überqueren der Straße erschrocken stehen bleiben: Alle 19 Sekunden erleben Rettungskräfte auf der Straße eine kritische Situation. Diese Zahl stammt von der Bundesanstalt für Straßenwesen - und ist 25 Jahre alt. Es wird vermutet, dass der Stressfaktor heute größer ist, weil der Verkehr dichter ist.

Karlheinz Utzmann, Leiter des BRK Rettungsdienstes in Bamberg, sagt: "Wir reagieren darauf mit Schulungen und Fahrsicherheitstraining, viel mehr können wir nicht tun. Der Rest ist Realität." Und die sieht überall ein bisschen anders aus. "Bei unseren Bamberger Straßen ist unvermeidlich, dass ein Rettungsfahrzeug mal an einem Spiegel hängen bleibt. Das kann auch jedem Lieferanten passieren." Dafür gebe es in Bamberg vielleicht drei, vier kritische Kreuzungen.

"Wir hatten seit 2017 keinen Kreuzungsunfall mehr. Ampeln, stehende Fahrzeuge, Fußgänger, alles schlecht einsehbar - das gibt's in Großstädten wie Nürnberg häufiger."

Die Retter haben zwölf Minuten

Gesetzlich sind die Retter verpflichtet, innerhalb von zwölf Minuten am Einsatzort zu sein. Wenn dann aus mehreren Richtungen Fahrzeuge mit Sonderrechten aufeinander zufahren, erhöht sich das Unfallrisiko.

Anne Höfer vom Polizeipräsidium Oberfranken in Bayreuth berichtet, dass auch die Polizei sich mit speziellen Fahrtrainings auf solche Situationen vorbereitet. "Trotzdem ist der Stress groß, wenn man zum Beispiel zu einem schweren Unfall muss und hat eine weite Strecke zurückzulegen." Egal ob im Ort oder auf der Autobahn: Viele Verkehrsteilnehmer seien unaufmerksam. "Die Leute reagieren oft spät."

Nach wie vor ist ein großes Problem, dass keine Rettungsgasse gebildet wird. Auch die Polizei ist immer wieder mal in Unfälle verwickelt. "Personenschäden sind aber die ganz große Ausnahme", sagt Höfer. Heuer wurde ein Beamter bei einem Unfall verletzt, vergangenes Jahr waren es neun - da hatte ein Flüchtiger versucht, sich davon zu machen und eine ganze Reihe Polizeiautos nahm die Verfolgung auf.

Bei einem Autobahn-Unfall in Mittelfranken landete ein Anhänger mitsamt eines amerikanischen Straßenkreuzers auf dem Dach. Der Besitzer hatte den Oldtimer erst kurz zuvor gekauft.

 

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