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Trendsport

Poledance: Vom Strip-Club an die Würzburger Uni

Wie entwickeln sich Nischensportarten zu Trends? Mit dieser Frage befassen sich Wissenschaftler der Uni Würzburg. Ab dem Wintersemester wird - weltweit wohl einzigartig - ein Poledance-Kurs als Teil des Sportstudiums angeboten. Auch als mögliche olympische Disziplin ist die Tanzsportart, die man bislang eher aus Stripclubs kennt, im Gespräch.
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Poledance als offizielle Lehrveranstaltung an der Universität Würzburg: Dozentin Juliane Marx (rechts) bei einer Übung ("Elbow Grip Ayesha") mit der erfahrenen Schülerin Jana Niemeyer. Thomas Obermeier
Poledance als offizielle Lehrveranstaltung an der Universität Würzburg: Dozentin Juliane Marx (rechts) bei einer Übung ("Elbow Grip Ayesha") mit der erfahrenen Schülerin Jana Niemeyer. Thomas Obermeier

Wie schafft es eine Sportart heraus aus der Nische und wird zum Trend? Sportwissenschaftler an der Universität Würzburg gehen dieser Frage nach und widmen sich dabei einer Bewegungskunst, die bis dato eher mit Strip-Clubs in Verbindung gebracht wird: Poledance. Weltweit wohl einmalig, wird der Stangentanz im nächsten Wintersemester ins offizielle Lehrangebot der Uni aufgenommen.

Figuren mit Anmut, Technik und Kraft

Wenn Jana Niemeyer zu Musik Figuren an der vier Meter hohen Stange, der Pole, tanzt - dann tut sie dies mit Anmut, Akrobatik, Ausdruck, Technik und natürlich: mit ausgebildeter Muskulatur nicht nur in den Armen. Es sind Körperhaltungen, die Schwerkräfte auszuschalten scheinen. So spielerisch elegant wirken Drehungen und Wendungen - ein Gesamtkunstwerk mit viel nackter Haut. Die braucht es allein schon, um nicht von der Stange abzurutschen. Textil stört. Dafür gehören blaue Flecken und Hornhaut zum Alltag von Pole-Tänzerinnen.

Die 24-jährige Niemeyer ist im Würzburger Studio Vertical zugleich Schülerin und Trainerin. Auf den Geschmack kam sie bei einem Junggesellinnenabschied, zu dem sie einer Freundin eine Poledance-Probestunde geschenkt hatte. Das kommt in Studios - drei gibt es derzeit in Würzburg, eines in Schweinfurt - durchaus häufiger vor.

Sportliche und tänzerische Poledance-Richtung

Niemeyer turnte schon als Kind in der rhythmischen Sportgymnastik, Poledance schließt hier für sie an. Wobei es laut Juliane Marx, Gründerin und Leiterin des Studios Vertical, verschiedene Ausrichtungen gibt: eine mehr sportliche und eine mehr tänzerische, wozu sie ihr eigenes Angebot rechnet. Zu sich selbst finden, sich über eine gute Choreografie entfalten - das will die 29-Jährige den aktuell rund 100 Aktiven ihres Poledance-Studios im Alter zwischen 14 und Ende 50 vermitteln.

"Ich will Frauen helfen, sich in ihrer Haut wohl zu fühlen und glücklich zu sein. Dafür lebe ich", sagt die promovierte Chemikerin, die seit Januar 2017 ihr Studio in der Würzburger Pleich hauptberuflich betreibt, mittlerweile mit acht Trainerinnen, von der Schnupper- und Anfängereinheit bis zum höchsten der sechs Levels. Nur selten kommen auch professionelle Stripperinnen zum Trainieren vorbei.

Wird Poledance bald ein olympischer Wettbewerb?

Und Männer? Praktisch Fehlanzeige - auch wenn es international mittlerweile sogar Männerwettbewerbe gibt. Das ist eine Voraussetzung, um möglicherweise irgendwann so olympisch zu werden wie Beachvolleyball (seit 1996), Triathlon (seit 2000) oder Sportklettern (ab 2020). Immerhin: Poledance hat bereits den offiziellen olympischen Beobachtungsstatus.

Die Entwicklung hat laut Marx einen rasanten Aufschwung genommen, das Rotlicht-Schmuddelimage habe man hinter sich gelassen. Noch vor sieben bis acht Jahren sei die Branche sehr klein gewesen. "Heute ist es ein Trendsport." Nationale und internationale Verbände haben sich gegründet, Meisterschaften werden ausgetragen.

Poledance als "Luftakrobatik" im Lehrplan der Uni

Für Olaf Hoos, Leiter des Sportzentrums an der Universität Würzburg, war es deshalb - nach einer zufälligen Begegnung mit Juliane Marx auf einer Fitnessmesse - naheliegend, Poledance in das Lehrangebot der Sportwissenschaft aufzunehmen. Als Lehrbeauftragte hält Marx in ihrem Studio nun im Wintersemester mit zwei Wochenstunden die Veranstaltung "Luftakrobatik - Vertical Fitness". Sie ist als Wahlangebot eingebettet in das Modul "Trends im Freizeit- und Gesundheitssport verstehen" und wendet sich an Studierende für das Sportlehramt.

Wegen der begrenzten Zahl von sechs Stangen ist die Kurskapazität auf zwölf Plätze limitiert. Die Anmeldefrist beginnt am 24. September, das öffentliche Echo ist aber jetzt schon enorm. Wissenschaftler Hoos hat bisher nur positive Reaktionen erfahren, wie er auf Anfrage berichtet. "Wir stellen den sportlichen Charakter in den Vordergrund und nicht den Erotik-Touch."

Sportwissenschaftler: "Sehr nah am Turnen"

Der Sportexperte sieht Poledance sehr nah am Turnen "mit einer großen Schnittstelle zur Akrobatik" - und verweist auf das Reckturnen, ebenfalls an einer Stange, nur horizontal. Auch sportpsychologisch seien "Pole Sports" interessant: "Man tut etwas für das Selbstbild und das Körperbewusstsein." Im Übrigen gehört zur Lehrveranstaltung nicht nur der bekanntere Poledance, sondern auch "Aerial Hoop" mit Figuren unter, in und auf einem Luftring sowie "Aerial Silks": Hier wird an zwei von der Decke herabhängenden Tüchern geturnt.

Wissenschaftler Hoos will die Poledance-Lehrveranstaltung auch gleich mit einer kleinen Studie zur Belastung, zum Fitnessgehalt und zum Gesundheitsfaktor der neuen Sportart verbinden. Und Juliane Marx freut sich, mal wieder wissenschaftliche Luft zu atmen - nicht mehr als Chemikerin, sondern für ihre große Leidenschaft, den Poledance.



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