Würzburg
Eklat

Kopftuchstreit an Uni Würzburg: Deshalb kam es bei einer Professorin in der Vorlesung zum Eklat

An der Universität Würzburg ist es zu einem Eklat wegen des Kopftuchs einer Studentin gekommen. Eine Professorin hatte sie aufgefordert, es abzunehmen.
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Die betroffene Studentin vor der neuen Uni Würzburg. Foto: Daniel Peter
Die betroffene Studentin vor der neuen Uni Würzburg. Foto: Daniel Peter

Während einer Veranstaltung in der Politikwissenschaft der Julius-Maximilians-Universität Würzburg in Unterfranken ist es am Mittwochnachmittag zu einem Eklat wegen des Kopftuchs einer Studentin gekommen. Eine türkischstämmige Studentin sollte nach Aufforderung durch die Professorin ihr Kopftuch abnehmen. Sie weigerte sich - und viele Studierende solidarisierten sich mit der 19-Jährigen.


Kopftuchstreit nach Eklat in Vorlesung

Übereinstimmend bestätigen mehrere Augenzeugen den Vorfall, der sich in einem Hörsaal im Philosophiegebäude am Hubland ereignete. Noch bevor Politik-Professorin Gisela Müller-Brandeck-Bocquet mit ihrer Vorlesung zu Internationalen Beziehungen begann, forderte sie alle Zuhörer auf, ihre Kopfbedeckungen abzunehmen. Das betraf Studenten mit Mützen, Käppis - aber auch jene Politikstudentin mit Kopftuch.

Die in Deutschland geborene junge Frau, Tochter türkischer Eltern, studiert im dritten Semester "Political and Social Studies" und hatte nach eigener Aussage an der Universität Würzburg noch nie Probleme mit ihrem Kopftuch. Von Müller-Brandeck-Bocquet aber wurde sie im voll besetzten Hörsaal direkt und persönlich angesprochen: Die Aufforderung gelte auch für sie.

Die Studentin konterte: Die Professorin habe kein Recht, ihr das Tragen des Kopftuches zu verbieten - doch diese beharrte zunächst darauf. Was nach Schilderungen von Kommilitonen folgte, waren erboste Zwischenrufe ("Religionsfreiheit!"), Proteste gegen einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und eine lautstarke Diskussion.

Müller-Brandeck-Bocquet verwies auf die Trennung von Staat und Kirche: Die Universität sei ein säkularer Raum, religiöse Bekenntnisse hätten dort nichts zu suchen.

Anders argumentierte die 19-jährige Studentin: Deutschland sei doch eine Demokratie mit gesetzlich verankerter Religionsfreiheit. Etliche Teilnehmer der Vorlesung stellten sich auf ihre Seite und verließen demonstrativ den Hörsaal. "Die Leute waren schockiert, dass so etwas passieren kann", berichtet ein Kommilitone.

Die erfahrene Professorin für internationale Politik, erst jüngst mit dem Jean-Monnet-Lehrstuhl der Europäischen Kommission ausgezeichnet, unterbrach die Vorlesung für etwa zehn Minuten - erst dann begann sie, ohne weiter auf die junge Deutsch-Türkin einzugehen.

Gegenüber der Redaktion begründete die Studentin ihre Haltung. Das Kopftuch gehöre für sie zur Religionsausübung, "es ist meine eigene freie Entscheidung. Niemand zwingt mich dazu, auch nicht meine Eltern." Sie trage das Kopftuch freiwillig seit fünf bis sechs Jahren und habe noch keine Diskriminierung deshalb erlebt - bis Mittwochnachmittag. "So wurde ich noch nie belästigt", sagt die Muslima, deren Kopftuch nur die Haare bedeckt und nicht das Gesicht verschleiert. Sie hofft nun, dass sie selbst und andere Kopftuchträgerinnen künftig vor ähnlichen Konfrontationen verschont bleiben.
Müller-Brandeck-Bocquet stand am Donnerstag schon wieder im Seminar- und Vorlesungsbetrieb. Eine angekündigte Erklärung der Universität wurde am späten Nachmittag verschickt. Darin bekennt sich die Hochschulleitung zum "selbstverständlichen Prinzip" der Religionsfreiheit. Das Verständnis für unterschiedliche Kulturen und Nationalitäten gehöre zum Leitbild der Julius-Maximilians-Universität (JMU).

Hier gebe es keine Vorschriften oder Richtlinien, die das Tragen eines Kopftuches untersagen würden - "weder den Studierenden, noch dem Lehrpersonal oder anderen Beschäftigten." Abgesehen davon dürfte die Uni gar kein Verbot erlassen, wie das zuständige Kultusministerium in München bestätigt. Keine gesetzliche Regelung könne das Kopftuch-Tragen an bayerischen Hochschulen untersagen, heißt es auf Anfrage von der Pressestelle. Auch über das Hausrecht der Hochschule sei ein Kopftuchverbot vor dem Hintergrund der Religionsfreiheit nicht möglich.

In der schriftlichen Erklärung bedauert die Politik-Professorin die Vorkommnisse in ihrer Vorlesung. Wörtlich heißt es: "Seit vielen Jahren pflege ich, in meinen Vorlesungen die Zuhörer um die Abnahme von Kopfbedeckungen zu bitten, als Zeichen des Respekts vor einer universitären Einrichtung und vor mir als vortragender Professorin." In der Regel seien damit männliche Studierende angesprochen, die sogenannte Base-Caps tragen.

Diese seien ihrer Bitte immer nachgekommen.

Als jetzt die türkischstämmige Studentin als Einzige ihr Kopftuch nicht ablegen wollte, habe Müller-Brandeck-Bocquet auf die beabsichtigte Gleichbehandlung von Männern und Frauen hingewiesen und ihre Missbilligung zum Ausdruck gebracht, heißt es. Im Gegensatz zu den Schilderungen der Studentin und von Kommilitonen bestreitet die Professorin, die 19-Jährige zum Ablegen des Kopftuches aufgefordert zu haben. Diplomatisch verklausuliert klingt das in der Uni-Erklärung so: "Sie bedauert die Aufregung und die Missverständnisse, die sich aus der Artikulation ihrer persönlichen Missbilligung ergeben haben." Der Vorfall vom Mittwoch hat in Kreisen der Studierenden teils heftige Debatten und Proteste ausgelöst. So wirft die Juso-Hochschulgruppe der Politik-Professorin ein intolerantes Verhalten vor. "Das ging eindeutig zu weit und verstößt gegen die Religionsfreiheit", wird Nahide Dalda, die Sprecherin der Juso-Hochschulgruppe, in einer Mitteilung zitiert. Dalda trägt selbst Kopftuch und ist mit der betroffenen Studentin befreundet. Sie spricht von einem "schlimmen Vorfall. Mir kamen die Tränen, als ich davon gehört habe." Die Juso-Hochschulgruppe fordert von Müller-Brandeck-Bocquet eine Entschuldigung. Sie habe eine Vorbildfunktion. Kopftücher müssten "in Zukunft weiterhin wie gewohnt in den Vorlesungen erlaubt werden".


Grüne Jugend Würzburg übt scharfe Kritik


Scharfe Kritik kommt auch von der Grünen Jugend Würzburg. Sie bewerten in einer Stellungnahme das Verhalten der Professorin als "öffentliche Demütigung". Das Kopftuch sei Teil einer individuellen Religionsausübung.

Das Tragen zu verbieten, verstoße gegen die Religionsfreiheit, das Grundgesetz und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Vorstandsmitglied Magdalena Bachinger: "Die Aufforderung, das Kopftuch während der Vorlesung abzunehmen, ist an einer öffentlichen Einrichtung, die tolerant, weltoffen und diskriminierungsfrei sein sollte, nicht tragbar."

Andreas Jungbauer

 

 



Gibt es eine Kopftuch-Sure? Was der Koran über das Verhüllen sagt

Schreibt der Koran Musliminnen das Tragen eines Kopftuches vor? Auf den Internetseiten der Deutschen Islam Konferenz findet sich eine eindeutige Antwort. Keiner der Korantexte, "die hauptsächlich zur Begründung des Kopftuchgebots für die Frau herangezogen werden", schreibt eine Bedeckung des Kopfes explizit vor. Das bestätigt auch die Islamwissenschaftlerin Professor Paula Schrode von der Universität Bayreuth. "Der Koran sagt streng genommen nichts zum Kopftuch", erklärt sie gegenüber dieser Redaktion. "Aber es haben sich Auslegungen etabliert, die einige Verse in diesem Sinne interpretieren." Wie die Deutsche Islam Konferenz spielt sie unter anderem auf Sure 24, Vers 31 an. Dort heißt es, "gläubige Frauen" sollen ihre Blicke senken, ihren "Schmuck" nicht offen zeigen und ihren Schal über die Brust ziehen. In den Versen wird nicht erwähnt, die Frau habe sich das Haar zu bedecken oder etwa das Gesicht zu verhüllen.

Ähnlich sieht es laut Schrode mit einer anderen gerne herangezogenen Koranstelle aus. In Sure 33, Vers 59 heißt es, Frauen sollten in der Öffentlichkeit "etwas von ihrem Überwurf" über sich ziehen. "Hier wird nicht benannt, welche Teile des Körpers verdeckt werden sollen und ob die Haare darunter fallen", so die Islamexpertin.

"Allerdings ist der Koran nicht die einzige Quelle für religiöse Praktiken im Islam", betont sie. Eine große Rolle spielten auch Überlieferungen, in denen vermeintliche Aussagen und Handlungen des Propheten Mohammed tradiert wurden, die sogenannten Hadithe. "Aus dem Koran wie auch aus den Hadithen leiten islamische Gelehrte Regeln dazu ab, wie sich Muslime verhalten sollten", erklärt Schrode. "Anhand von Hadithen, laut denen Mohammed etwa gesagt haben soll, von einer Frau dürften nur Gesicht und Hände zu sehen sein, hat sich auf diesem Weg eine heute von vielen vertretene Tradition etabliert, die besagt, Frauen hätten ihre Haare insbesondere vor fremden Männern zu verbergen." Doch jede Auslegung ist laut der Expertin umstritten: "Was sich jeweils durchsetzt und welchen Auslegungen man sich persönlich anschließt, unterscheidet sich von Milieu zu Milieu sehr stark." Unter Muslimen in Deutschland sei die Ansicht, es gebe eine Kopftuchpflicht für muslimische Frauen, in der Minderheit, sagt sie. So tragen nur rund ein Drittel der muslimischen Frauen in Deutschland ein Kopftuch, während in einigen Staaten mit einer islamischen Ordnung wie Saudi-Arabien oder Iran das Kopftuch in der Öffentlichkeit vorgeschrieben ist.

Benjamin Stahl

 

 

 

 

 

 



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