Erstmals seit Grafenrheinfeld im Juni 2015 ist zum Jahreswechsel wieder ein deutsches Atomkraftwerk vom Netz gegangen, genauer ausgedrückt einer von zwei noch verbliebenen Blöcken im schwäbischen Gundremmingen (Lkr. Günzburg).

Das Drücken des Knopfes unter der roten Schutzkappe selbst war am Silvestertag nur noch Formsache. Die eigentliche Arbeit bei der Stilllegung eines Atommeilers findet in den Jahren vor und nach dem Tag X statt.


Brennstäbe im Zwischenlager

"Wir haben es hier mit sehr langen Zeitspannen zu tun", weiß Oliver Arnold, Geschäftsführer seines Familienbetriebes Arnold Speditions GmbH. Ihm und seinen rund 20 Mitarbeitern kommt dies entgegen. Denn das Unternehmen aus Rimpar hat sich auf den Transport von außergewöhnlich schweren und sperrigen Gütern spezialisiert.

Beim Rückbau eines AKW werden zunächst an Ort und Stelle sogenannte Castor-Behälter benötigt - oder "Spezialbehälter", wie Arnold sagt. Entscheidend ist: Darin werden in der ersten Hälfte des Rückbaus - allein dieser Schritt dauert nach der Stilllegung viele Jahre - die Brennstäbe in das jeweilige Zwischenlager gebracht. "Daran sind wir nicht mehr beteiligt", betont der gelernte Speditionskaufmann: "Vielmehr liefern wir die Spezialbehälter im leeren Zustand vom Anlagenbauer zum jeweiligen Atomkraftwerk."


Last verteilt sich auf 20 Achsen

Dieser Logistikprozess hört sich viel einfacher an als er tatsächlich ist. "Die Behälter sind relativ klein, haben aber ein Rohgewicht von 100 Tonnen. Dadurch ist die Achsenbelastung extrem", bemerkt Arnold: "Ein normaler Tieflader würde sofort zusammenfallen. Und selbst wenn er das Gewicht stemmen könnte, wären die befahrenen Straßen nach dem Transport mehr oder weniger stark beschädigt."

Die Lösung dieses Problems: Ein Tieflader mit sehr vielen Achsen, auf die sich das Gewicht verteilen kann. "In diesem Fall sind es 20, inklusive der vier Achsen vorne am LKW", sagt Arnold. Mit dieser enormen Fahrzeuglänge kann man natürlich nicht nach Lust und Laune über die hiesigen Straßen brettern. "Man braucht Begleitfahrzeuge und darf diese Spezialtransporte nur zu ganz bestimmten Zeiten durchführen", so der 50-jährige Geschäftsführer weiter. Dies und einiges andere mehr erfordere Vorlaufzeiten von rund einem Jahr.


Logistische Herausforderung

"Wir müssen da mit vielen verschiedenen Stellen zusammenarbeiten - alleine schon deshalb, weil es Bundes-, Landes- und Kommunalstraßen gibt." Diese logistische Herausforderung ist in diesem speziellen Fall nur ein, womöglich sogar das kleinere Problem. Denn die Anforderungen an die Behälter, mit denen später atomare Brennstäbe transportiert werden sollen, sind aus gutem Grund hoch. Eine Erschütterung oder ein tieferer Kratzer im Lack - und schon würde es ziemlich sicher zu einer Annahmeverweigerung kommen.

"Aus diesem Grund haben wir eine Konstruktion entwickelt, auf der solche Spezialbehälter sicher befestigt und auch umgeschlagen werden können", sagt Arnold. Straßen sind nämlich nicht die einzigen Transportwege, die das Unternehmen bedienen kann: Hinzu kommen die Schifffahrt und der Zugverkehr. Der AKW-Bereich ist auch nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Portfolio der Speditionsfirma - einer mit wachsender Bedeutung.


Sieben Atommeiler im Einsatz

"Bislang waren wir eher beim Anliefern von Rohteilen zum Aufbau von AKW beteiligt wie in Litauen oder zum Wechseln der Brennstäbe wie in Bulgarien", sagt Arnold.

"Hierzulande geht es nach dem Ausstieg aus der Atomenergie in den nächsten Jahrzehnten um den Rückbau." Für seinen Betrieb mache es zunächst keinen Unterschied, ob ein Atomkraftwerk entsteht, zurückgebaut oder überholt wird.

"Die Spezialbehälter für den Transport der Brennstäbe werden ja in jedem Fall benötigt", erläutert Arnold - so wie alsbald in Gundremmingen nach knapp 34 Jahren Laufzeit des B-Blocks, wobei die staatliche Genehmigung für den Rückbau noch aussteht. Nach der jüngsten Abschaltung gibt es übrigens nur noch sieben, mit jeweils einem Reaktor betriebene Atommeiler in Deutschland; die letzten sollen Ende 2022 vom Netz gehen.