Würzburg
Interview

Psychologe über das Sterben: "Wir haben ein Gespür, wann unsere Zeit endet"

Sterben ist eines der letzten Tabuthemen und doch sind Leben Tod untrennbar miteinander verbunden. Können wir uns dieser Gewissheit stellen und gibt gibt es den richtigen Zeitpunkt dafür? Antworten weiß der Würzburger Psychologe Joachim Wittkowski.
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Zusammen mit seinem Kollegen Rainer Scheuchenpflug hat Wittkowski in einer Studie mit ?ber 500 Teilnehmern untersucht, wie Menschen mit dem Verlust von Angeh?rigen umgehen. Foto: Daniel Peter
Zusammen mit seinem Kollegen Rainer Scheuchenpflug hat Wittkowski in einer Studie mit ?ber 500 Teilnehmern untersucht, wie Menschen mit dem Verlust von Angeh?rigen umgehen. Foto: Daniel Peter

Es ist eines der wenigen letzten Tabuthemen: Wieso sprechen wir so ungern über den Tod?

Man sollte zwischen einer gesellschaftlichen und einer individuellen Tabuisierung unterscheiden. Das Schlagwort Tabuisierung ist ständig im Gespräch und es ist die Frage, ob es auf der individuellen Ebene Gültigkeit hat. Woher man weiß man, dass Individuen mit nahestehenden Personen nicht über Tod sprechen?

Ich bezweifle, dass es im Nahbereich ein Tabu ist. Im gesellschaftlichen ist das richtig. Das liegt daran, dass eine Auslagerung aus dem öffentlichen Leben stattgefunden hat. Sowohl Sterben als auch der Umgang mit den Toten nicht mehr im öffentlichen Raum abspielt. Früher war das anders, da gab es etwa den Leichenzug durchs ganze Dorf. So gesehen kann man von einer Tabuisierung sprechen.

Aber es fällt einem doch schon schwer, überhaupt über das Thema nachzudenken?

Worüber denken Sie nach, über den Sterbeprozess oder den Verlust des Lebens?

Über den Tod als den maximalen Kontrollverlust.

Der Verlust des Lebens als eine Art maximale Kränkung, das kann man schon sagen. Bei all dem spielt das Leben eine große Rolle. Menschen haben, auch wenn sie sich dessen nicht so bewusst sind, eine Bindung an ihr Leben. Das ist nicht biologisch gemeint: Sie haben eine innere Bindung an ihr Leben, die im Prinzip vergleichbar ist mit der Bindung an einen anderen Menschen. Das verändert sich in dem Maße, in dem man sich auf einer Zeitachse bewegt: Die Vergangenheit nimmt ständig zu, Zukunft nimmt ständig ab. Einer der springenden Punkte beim Sterben ist es, sich genötigt zu sehen, die Bindung an sein Leben aufgeben zu müssen.

Inwieweit spielt es dabei eine Rolle, wie wir uns das Jenseits persönlich vorstellen?

Wer der Meinung ist, dass das irdische Leben nur ein Durchgangsstadium ist und dass es danach mindestens ein weiteres oder gar das eigentliche Leben gibt, der hat eine ganz andere Beziehung vor seinem Lebensende. Wer das Leben als einzige Gelegenheit ansieht, für den ist der Verlust des Lebens eine viel größere Katastrophe.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich der Endlichkeit wirklich bewusst zu machen?

Hinter der Frage steckt eine unausgesprochene pädagogische Absicht. Tipps für den richtigen Umgang sind hier unangebracht - denn das stellt sich von selbst ein. Der Jugendliche ist dabei, überhaupt erst eine Bindung zu seinem Leben aufzubauen, zu entwickeln. Er sieht sehr viel Zukunft vor sich und stellt sich die Frage: Was mache ich damit? Im Laufe der Zeit wird ihm bewusst, dass er sein Leben auch verlieren kann. Sein Daseinsentwurf beschäftigt ihn, dann tritt das Ganze aber wieder in den Hintergrund. Mit 60 oder 65 Jahren erst kommt das Thema dann wieder auf. Befördert durch soziale Markierungen wie etwa das Rentenalten wird sich der Mensch bewusst, dass das Ende am Horizont in Sichtweite erscheint.

Wie groß ist der Einfluss, dass Menschen im Laufe ihres Lebens mit dem Tod konfrontiert werden?

Hier ist die Frage, wann und wie das stattfindet. Oft handelt es sich um sogenannte normative Ereignisse. Man sagt über jemanden: "mit 80 kann man auch mal sterben". Das ist dann in der Ordnung. Anders ist es, wenn die Ordnung gestört wird. Beispielsweise wenn Kinder und Jugendliche ums Leben kommen: Kinder dürfen nicht vor den Eltern sterben - es geht der Reihe nach. Im Empfinden der Menschen wird eine Regel verletzt.

Angst vor dem Sterben, Angst vor dem Tod: Was beschäftigt den Menschen mehr?

Das ist altersabhängig. Im frühen und mittleren Erwachsenenalter richten sich die Gedanken eher auf den Verlust des eigenen Lebens, also den Tod. Im höheren Alter bewegen die Menschen die Begleiterscheinungen des Sterbeprozesses mehr. Ein Beispiel: Die Gesetzgebung zur Sterbehilfe interessiert vor allem alte Menschen. Weil sie befürchten, ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren, also Verlust an Autonomie. Sie können nicht mehr so agieren, wie sie möchten, irgendjemand verlängert ihr Leben, was sie gar nicht mehr wollen. Damit, dass ihr Leben endet, kommen sie in aller Regel ganz gut zurecht. Nach dem Motto: Ich hatte ja ein langes Leben. Manche sind auch lebenssatt, auch wenn sie nicht unheilbar krank sind. Wer Ende 80 ist, hat mit Sicherheit irgendeine Beeinträchtigung, dann sagen viele, "es reicht mir".

Wir leben insgesamt länger, nicht immer bleibt die Gesundheit bis zum Ende erhalten: Bringt der medizinische Fortschritt eine neue Sehnsucht nach dem Tod mit sich?

Menschen haben ein Gespür dafür, wenn sie ihr Reservoir an Lebenszeit, dass man sich üblicherweise zubilligt, ausgeschöpft haben. Manche alte Menschen sprechen davon, dass sie das jetzt als Zugabe erleben. Vor allem, wenn alle Gleichaltrigen schon gestorben sind, kommen sich Menschen dann fehl am Platz vor.

Das ist nur schwer vorzustellen. Stichwort Selbsterhaltungstrieb als wichtige Antriebsfeder des Menschen. Denke ich am Ende nicht vielleicht doch: "Es reicht mir doch noch nicht"?

Es gibt sicher noch vitale Menschen im hohen Alter. Aber viele sagen dann unabhängig von einer medizinischen Diagnose eher, keinen großen Sinn mehr zu sehen. Man ist alleine, die Welt verändert sich in einer Weise, die man nicht gut findet, man versteht vieles nicht mehr. Den Überdruss am Leben gibt es schon. Denn ein Kennzeichen des Alterns ist die Entfremdung - von sich selbst und von der Welt. Man findet weniger Berührungspunkte.

Einer hat mehr, einer weniger Angst: Woran liegt das?

Es gibt gute Belege dafür, dass es eine allgemeine Angstdisposition gibt. Die Angstneigung ist angeboren oder in der frühen Kindheit erworben. Manche reagieren auf alles Bedrohliche, das ihnen im Leben begegnet, mit starken negativen Gefühlen (Angst, Ärger). Vergleichsweise harmlos ist etwa Prüfungsangst. Andere stehen den Bedrohungen des Lebens gelassener gegenüber. Denen ist das nicht gleichgültig, aber die reagieren nicht mit so starker Angst. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied. Hier kann dann auch Religiosität eine Rolle spielen, also der Glaube. Sich in Gottes Hand zu sehen, kann etwas sehr Hilfreiches und Beruhigendes haben. In allen Lebenslagen, aber erst recht in einer solchen.

Bis es soweit ist, scheinen Sterben und Tod abstrakt zu sein: Was macht das mit mir, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht?

Der betreffende Mensch muss sich an diese neue Realität anpassen. Die Ablösung vom eigenen Leben ist eine wichtige Aufgabe, die einem nicht so bewusst ist. Diese Anpassung kann im extremen Falle auch bedeuten, die Sache gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. Also zu verdrängen. Aber ganz wird das nicht funktionieren. In der Regel nähern sich Menschen ihrer neuen Realität in erträglichen Dosierungen, also schrittweise an. Das gilt sowohl für das eigene Sterben als auch für das eines nahen Angehörigen. Wenn der Ehepartner etwa in ein kritisches Stadium kommt und die Möglichkeit unabsehbar wird, ihn zu verlieren, dann steht der Mensch vor derselben Situation - wir sprechen hier von antizipierendem Trauern.

Menschen berichten oft davon, dass Sterbende für den Prozess zwar "eine trostspendende Hand" brauchen, dann aber beim letzten Atemzug oft "lieber" alleine. Warum ist das so?

Es klingt makaber, aber man müsste sagen: "Frag ihn doch". Wir können nur spekulieren, es gibt keinen vernünftigen Beleg dafür.

Können wir also Herdentiere dann in den letzten Stunden einfach nicht alleine sein?

Wer sagt denn das? Es kommt darauf an, wie ein Mensch sein Leben verbracht hat. Es gibt Menschen, die immer schon Einzelgänger waren. Und auch wer eine enge emotionale Bindung an seinen Partner hat, kann ein ausgeprägter Individualist sein und alleine prächtig zurechtkommen. Wer sein Leben selbstbestimmt zugebracht hat, könnte nun fragen: Mit hat ein Leben lang keiner die Hand gehalten, wieso sollte das in der letzten Stunde anders sein.

Wir spielen oft eine Rolle im Leben, die sich im Laufe der Zeit manifestiert. Etwa die starke Frau und Mutter, die alles am Laufen hält. Darf die sich wenigstens am Ende schwach zeigen und fallen lassen?

Es ist die Frage, ob die Rolle erzwungenermaßen angenommen wurde oder hat sich derjenige bewusst dahin bewegt. Das ist wie im Leben auch. Ein Chef wird man ja auch nicht zufällig, sondern weil man dafür gemacht ist. Ein solcher Mensch möchte auch ganz am Ende das Sagen haben bzw. behalten. Andere sind generell dankbarer, Verantwortung abzugeben. Etwa beim beim Patient-Arzt-Verhältnis. Es gibt Menschen, die dem Arzt uneingeschränkt vertrauen und alle Entscheidungen ihm überlassen, und dann gibt es welche, die zwar dankbar sind für ärztliche Hinweise und Sachkunde, die Entscheidungen aber selbst treffen wollen. Warum soll das Ende anders sein als während des langen Lebens vorher.

Wie stark können wir uns eigentlich selbst vertrauen? Etwa bei einer Patientenverfügung. Als junger Mensch verzichte ich auf lebensverlängernde Maßnahmen - wie kann ich gewährleisten, dass ich noch genauso denke, wenn ich unmittelbar betroffen bin?

Eine Patientenverfügung sollte grundsätzlich von Zeit zu Zeit aktualisiert werden. Wer sich nicht mehr äußern kann, für den muss entschieden werden. Wenn man seine Verfügung vor Kurzem bestätigt hat, zählt das Argument nicht mehr viel, dass man es sich ja anders überlegt haben könnte. Es kann aber schon sein, dass sich meine Einstellung ändert, wenn ich plötzlich krank bin. Vordenken: Da kommt man nur dadurch raus, wenn man Eventualitäten im Vorhinein bedenkt. Bestimme Dinge sind gut vorhersehbar, die kann man sich einer stillen Stunde schon einmal durch den Kopf gehen lassen. Trauer kann langfristig aber auch positive Aspekte haben wie zum Beispiel persönliches Wachstum.

Kurzer Exkurs in die Trauerarbeit: Wie kann "Zeit alle Wunden heilen", wenn es sich zum Zeitpunkt des Verlustes so anfühlt, als würde die Trauer nie weggehen?

Auf das Schlagwort Trauerarbeit bin ich allergisch. Sigmund Freud hatte das damals in die Welt gesetzt und das suggeriert, Arbeit sei irgendwann erledigt. Trauer vergeht aber nie, nur ihre Qualität ändert sich. Trauer ist ein vielfältiges Erleben, viele denken nur an Depressionen. Trauer kann aber auch etwas Positives haben.

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