Ansbach
Sprechstunde im Slum

"Doctors" ohne Grenzen: Hier helfen Franken

Mit 72 Jahren ist Rita Wörrlein für sechs Wochen in ein Slum gezogen. Ihr Arztkollege Reinhart Unverricht ging für die "German Doctors", den kleinen Bruder von "Ärzte ohne Grenzen", ehrenamtlich sogar in den Dschungel.
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Der fränkische Arzt Reinhart Unverricht untersucht im philippinischen Urwald die Fontanelle dieses Mangyanen-Babys.Unverricht/Wörrlein
Der fränkische Arzt Reinhart Unverricht untersucht im philippinischen Urwald die Fontanelle dieses Mangyanen-Babys.Unverricht/Wörrlein
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Sie ist eine zupackende, herzliche Frau. Quirlige Locken umrahmen das braun gebrannte Gesicht, in dem braune Augen blitzen. Wenn sie spricht, bewegen sich Lippen und Hände gleichzeitig. 34 Jahre lang behandelte Rita Wörrlein in ihrer Kinderarztpraxis Buben und Mädchen. 2013 ging sie in Ruhestand. Doch es stellte sich heraus: Auf Ruhe stand sie nicht. Sie wollte weiterhin helfen. Mit diesem Wunsch begann ihr internationaler Einsatz in afrikanischen und indischen Armenvierteln. Sie berührte "Unberührbare", behandelte kranke Kinder und bettelarme Menschen. Ehrenamtlich.

 

"Ich wollte jetzt nicht einfach die Hände in den Schoß legen", erinnert sich die Ansbacherin an den Beginn ihres Rentnerlebens. "Ich wollte weiterhin etwas Sinnvolles tun." Eine Zeitlang liebäugelte sie damit, sich der bekannten Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" anzuschließen, doch die ist vorwiegend in Krisengebieten aktiv. In den Krieg aber wollte Rita Wörrlein nicht. Über eine Freundin erfuhr sie schließlich vom gemeinnützigen Verein "German Doctors", der sich aktuell in fünf Ländern für die Ärmsten der Armen engagiert. "Obwohl in Bangladesch, Indien, Kenia, auf den Philippinen und in Sierra Leone kein Krieg herrscht: Hier zu arbeiten, ist auch sehr aufwühlend."

Rita Wörrlein weiß inzwischen, wovon sie spricht: Drei Einsätze, insgesamt viereinhalb Monate lang, liegen hinter ihr: einmal Afrika, zweimal Indien. Sie hat in Slums gelebt und bei sengender Hitze in provisorischen Behandlungsräumen gearbeitet. Sie hat sich landestypisch ernährt, etwa von gekochtem Mais (Ugali), Mangos und Currys. Vor allem aber hat sie Erfahrungen gesammelt, die sie nicht mehr missen möchte.

"Für die 'German Doctors' ist man je sechs Wochen ehrenamtlich unterwegs. An jedem Einsatzort gibt es zudem einen Langzeitarzt, der über Jahre Kontinuität garantiert und tropenmedizinisch erfahren ist. Das ist optimal." Vor ihrem ersten Einsatz - 2015 flog die Mittelfränkin auf eigene Kosten nach Nairobi - spürte sie eine ungekannte Art von Anspannung: "Man fragt sich, ob man den Anforderungen gerecht werden wird, ob man die kulturellen Besonderheiten richtig einschätzen kann, ob man das Klima verträgt - und vieles mehr."

Vor Ort lösten sich ihre Bedenken rasch auf. "Mit Hilfe der Kollegen und Mitarbeiter vor Ort, darunter einheimische Übersetzerinnen, habe ich sehr schnell Sicherheit gewonnen." Schon nach wenigen Tagen hatte Rita Wörrlein den Tagesrhythmus verinnerlicht: Aufstehen, Frühstück mit medizinischem Team-Gespräch, zur provisorischen Slum-Klinik fahren. Dort standen in drei Reihen - Männer, Frauen, Mütter mit Kindern - meist schon Dutzende Menschen an.

"Nicht mein letzter Einsatz"

"Beim ersten Gang durch die Reihen werden schwer Kranke mit hohem Fieber, akuter Tuberkulose und Herzerkrankungen an den Anfang der Warteschlange gestellt." Diese Menschen behandeln die ehrenamtlichen Ärzte vorrangig. Bis in den späten Nachmittag hinein, unterbrochen von kurzen Pausen, dauern die Sprechstunden.

"Trotz der oft anstrengenden Bedingungen wusste ich gleich: Das wird nicht mein letzter Einsatz mit den 'German Doctors' gewesen sein", erinnert sich Rita Wörrlein. "Das Prinzip der Hilfe, die nachhaltig wirkt, ist unbedingt unterstützenswert - egal, ob durch persönlichen Einsatz oder finanzielle Spenden."

Als sie in Indien gebraucht wurde, zögerte die Fränkin daher nicht. Zweimal sechs Wochen, unterbrochen von einer anderthalbjährigen Pause, verbrachte sie in Kalkutta. In der indischen Hauptstadt seien neben fünf Ärzten aus Deutschland stets mehrere einheimische Schwestern und Übersetzer bei den verschiedenen Einsätzen im Slum mit dabei. "Ein paar kleine Tische, Stapelstühle, klappbare Behandlungsliegen und Aluminiumkisten mit Medikamenten und Verbandsmaterial - mehr brauchten wir nicht, um mit Mini-Transportern in die Slum-Ambulanzen zu fahren und dort die Menschen zu behandeln, die bei 40 Grad stundenlang in der Schlange standen. All jene könnten sich niemals einen Arzt leisten." Dabei sind viele schwer krank: "Täglich hat das Team schwerste Tuberkuloseerkrankungen, Unterernährung, Haut- und Organerkrankungen zu diagnostizieren und zu behandeln. Am Wochenende sind wir in regelmäßigem Turnus in Ziegeleien am Stadtrand von Kalkutta gefahren, in Gebiete, in denen es für die Wanderarbeiter und ihre Kinder überhaupt keine ärztliche Versorgung gibt. Die Eindrücke dort wühlen einen tief auf."

Nach einem langen Tag im Slum, der "bei extremen klimatischen Bedingungen auch körperlich eine Herausforderung darstellt", so Rita Wörrlein, fahren die Ärzte abends nicht etwa in ein Hotel. "Für Kost und Logis sorgt der Verein 'German Doctors'. Wir wohnen und essen landestypisch. Da lebt man halt mit 72 wie damals als Student wieder mal in einer WG." Rita Wörrlein mag diese Erfahrung, durch die sie "viele Freundschaften gewonnen" habe. "Man kommt sich zwangsläufig nahe, baut zu Kollegen, Dolmetschern und den heimischen Mitarbeitern herzlichen Kontakt auf. Ich finde das sehr bereichernd - auch wenn ich nach sechs Wochen schon froh über etwas Privatsphäre bin."

Wie alle Ärzte, die sich für einen Einsatz bei den "German Doctors" bewerben, wurde Rita Wörrlein nicht einfach ins kalte Wasser geworfen. "Jeder bekommt in Seminaren eine fundierte Vorbereitung auf sein Einsatzgebiet." Es ist ein Unterschied, ob man in der indischen Hauptstadt oder mitten im Dschungel eingesetzt wird.

Im Urwald hat beispielsweise Reinhart Unverricht gearbeitet. Der 69-jährige Würzburger Allgemeinarzt und Osteopath lebte von Mitte Dezember bis Ende Januar auf den Philippinen, im Gebiet der Mangyanen. Die Mangyanen gehören zu den indigenen Völkern auf den Philippinen. Sie sind die Ureinwohner des Landes und leben zurückgezogen im Hochland der Insel Mindoro. "Es sind kleine, freundliche Menschen, bei denen Frauen und Männer traditionell gleichgestellt sind", berichtet Reinhart Unverricht. "Trotz ihrer großen Armut sind sie sehr fröhlich." Allerdings leiden sie unter teils schlimmen Krankheiten. "Entzündungen innerhalb und außerhalb der Lunge und Masern kommen häufig vor, außerdem haben fast alle Menschen Würmer."

Begrenzte Möglichkeiten im Urwald

Nicht immer können die Ärzte die Kranken retten. "Das erste sterbende Kind war für mich ein schreckliches Erlebnis", erinnert sich Unverricht. "Aber so etwas gehört dazu. Im Urwald sind die medizinischen Möglichkeiten begrenzt."

"In den Slums auch", fügt Rita Wörrlein hinzu. Kinder und alte Menschen seien oft unterernährt. Bei vielen, aber nicht allen können die Ärzte die Lebenssituation durch medizinische Maßnahmen und Hilfe zur Selbsthilfe dauerhaft verbessern. "In jedem Fall aber sind die Menschen sehr dankbar. Allein die Tatsache, dass ihnen ein Arzt, sogar noch ein weißer, zuhört, ist heilsam, denn solche Wertschätzung kennen viele Moslems und Hindus nicht, vor allem nicht die der untersten Kaste, der Unberührbaren."

Die Dankbarkeit dieser kranken Menschen bildet einen krassen Kontrast zur Unzufriedenheit mancher kerngesunder Deutscher. Als die Ansbacherin nach ihrem letzten Indien-Einsatz wieder daheim landete, musste sie tief durchatmen. Nicht vor Erleichterung, zurück zu sein, sondern weil "es hier eine Grundhaltung gibt, die mich sehr abgestoßen hat, als ich zurückkam. Es ist eine allgemeine Sattheit, die nicht zu Zufriedenheit führt."

Sowohl in Afrika als auch in Indien hat die 72-Jährige ganz andere Erfahrungen gemacht. "Die Herzlichkeit und Lebensfreude der Menschen ist trotz ihrer harten Lebensbedingungen anrührend." Sie bereue keine Sekunde ihres Einsatzes, sagt sie. "Es ist eine große Herausforderung und eine direkte Art zu helfen. Und vor allem: Es ist Hilfe, die bleibt." Denn bei all ihren Projekten sei es das Ziel der 'German Doctors', viele Einheimische mit ins Boot zu nehmen und auszubilden, so dass sie irgendwann selbstständig arbeiten können.

Nicht nur deshalb ist Rita Wörrlein von den "German Doctors" begeistert. Sie findet auch die "vergleichsweise niedrigen Verwaltungskosten" - aktuell sind es 4,1 Prozent - und "die gegenseitige Kontrolle" in der Nichtregierungsorganisation gut. Rita Wörrlein muss nicht lange überlegen: "Wenn ich körperlich fit bleibe, werde ich gerne einen weiteren Einsatz leisten. Ich kann das jedem Mediziner nur raten: Es ist eine unglaublich bereichernde Erfahrung." Reinhart Unverricht nickt. "Der Blickwinkel auf das Leben weitet sich ungemein."

INFO:

German Doctors e.V.

Organisation: Die "German Doctors" sind eine international tätige Nichtregierungsorganisation, die unentgeltlich arbeitende Ärztinnen und Ärzte zu langfristig angelegten Hilfseinsätzen auf die Philippinen, nach Indien, Bangladesch, Kenia und Sierra Leone entsendet. Die "Doctors" setzen sich für ein Leben in Würde ein und behandeln die Ärmsten der Armen. Durch Präventivmaßnahmen wie Ernährungsprogramme oder Hygiene- und Diabetesschulungen soll die Gesundheit der Patienten dauerhaft verbessert werden. Auch die Mitarbeiter vor Ort werden von den "German Doctors" regelmäßig weitergebildet.

Grundsatz: Die "German Doctors" helfen allen Menschen, egal welcher ethnischen Zugehörigkeit, Religion oder Staatsangehörigkeit.

Einsatzdauer: Die Ärzte arbeiten in ihrem Jahresurlaub oder im Ruhestand für einen Zeitraum von sechs Wochen in den jeweiligen Ländern. Sie verzichten dabei auf jegliche Vergütung und zahlen weitgehend ihre Flüge selbst.

Bilanz: Seit der Gründung der gemeinnützigen Vereins "German Doctors" 1983 leiteten mehr als 3.350 Mediziner über 7.400 Einsätze.

Weitere Infos: www.german-doctors.de; Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE26 5502 0500 4000 8000 20, BIC: BFSWDE33MNZ, Stichwort: Hilfe weltweit

 

 

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