Würzburg
Extremismus

Demos in Würzburg: Wer oder was sind "Pegida" und "Bagida"?

Wie aus dem Nichts ist eine Bewegung entstanden, die am rechten Rand der Gesellschaft fischt. Gruppen wie "Pegida" und "Bagida" machen gegen Islamismus mobil und wollen den Weihnachtsbaum retten. In diesem Sammelbecken tummeln sich aber auch viele radikale Parolen. Soziologen warnen.
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Foto: epd
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"Horst" ist unpolitisch. Er ist weder rechtsradikal noch ausländerfeindlich, sagt er, aber "Bagida" findet er richtig: "Weil dort endlich mal einer die Wahrheit sagt." Deswegen war der "Horst" Montagabend bei der Demo in Würzburg. "Bagida", der bayerische Ableger der in Ostdeutschland entstandenen "Pegida" ruft: "Wir sind das Volk". Doch dieses "Wir" speist sich aus dem "Wir gegen die Anderen" - und darin sehen Soziologen und Politiker eine hochgefährliche Entwicklung.

Die Politik zumindest hat diese verschlafen, auch wenn man attestieren muss, dass "Pegida" und Co. ein sehr junges Phänomen sind. "Pegida" ist die Abkürzung für "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" und wurde vor ein paar Wochen in den unendlichen Weiten der sozialen Netzwerke von Lutz Bachmann aus Dresden erfunden.

Ohne feste Strukturen

Der Inhaber einer Werbeagentur ist bislang nicht in rechtsextremen Kreisen in Erscheinung getreten und verweist in den wenigen Interviews, die er gibt, jeden Vorwurf der Rechtslastigkeit ins Reich der Mythen, die eine "gleichgeschaltete Presse" in Deutschland kritiklos verbreite. Deswegen reden Bachmann und sein Volk auch kaum mit der Presse. Es werde sowieso alles verdreht, die Bewegung in die Nazi-Ecke gestellt.

Nun war "Pegida" vor wenigen Wochen noch ein zahlenmäßig überschaubarer "Verein" ohne feste Strukturen. Die "Montagsdemos" und "Mahnwachen" in Dresden, die sich ganz bewusst der Symbolik der DDR-Bürgerbewegung bedienen, wurden weithin ignoriert. Das geht jetzt nicht mehr. Am Montag versammelte "Pegida" annähernd 10 000 Menschen in Dresden, am gleichen Tag rief "Bagida" zum zweiten Mal zur Demo in Würzburg, und da waren es 40 Teilnehmer, die wenigstens 200 Gegendemonstranten und einige hundert Polizisten mobilisierten.

Sprachloses Volk

Noch größer ist der Zulauf in den sozialen Netzwerken, "Pegida" und seine Ableger sammeln die "Sprachlosen und Unzufriedenen" (O-Ton "Horst") auf Facebook, Youtube und anderen Kanälen. "Horst", einer dieser "Sprachlosen", hält sich am Rande der skurrilen Kundgebung in Würzburg an das ungeschriebene Gesetz der "Pegida"-Community: Man redet nicht mit den Medien, man braucht die Medien nicht, denn man ist das Volk und spricht direkt miteinander, ohne die Presse.

"Denn die bringt doch nur das, was die Regierung will." Sagt "Horst", der am Ende doch mit dieser Zeitung redet, wenn auch nur auf virtuellen Umwegen über ein soziales Netzwerk und unter falschem Namen. "Denn in diesem Land darf man als Deutscher nicht mehr ungestraft die Wahrheit sagen."

Welche Wahrheit? Da tut sich "Horst" ein wenig schwer, wie es auch ebenso mühsam wie ergebnisarm ist, auf den "Pegida"-Plattformen nach der "Wahrheit" zu suchen, der Bachmann zum Erfolg verhelfen will. "Wir möchten, dass alle Kinder in einem friedlichen und weltoffenen Deutschland und Europa aufwachsen! ... Jeder Mensch ... ist uns willkommen!"

Das steht wörtlich so auf der Facebook-Seite von "Pegida", die trotz vorübergehender Sperrung inzwischen fast 40 000 Fans hat. Und das klingt erst einmal nach dem, was die "Pegida"-Aktivisten verächtlich das "Gutmenschentum" nennen.

Friedlich und weltoffen? Wer tiefer in den Seiten blättert, bekommt braune Finger, nicht nur deshalb, weil hier zahlreiche ehemalige und aktive Kader der NPD offen ihre Sympathie für die "Bewegung" kundtun.

Bräunliches Sammelsurium

"Pegida" ist ein Sammelbecken für alles Mögliche, doch die mindestens ablehnende bis oft feindselige Haltung gegenüber Fremden eint alle, die sich hier virtuell oder montäglich real tummeln. "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" nennen Soziologen dieses Phänomen: Die vermeintlich "Guten" halten zusammen, suchen sich einen gemeinsamen "Feind".

Als "Wutbürger", die gegen den Stuttgarter Bahnhof mobil machten, galten sie den Gesellschaftsforschern noch als Protagonisten einer neuen demokratischen Streitkultur; wenn die Wut aber zum Vehikel einer latent vorhandenen Fremdenfeindlichkeit in breiten Bevölkerungsschichten wird, könnte sie zu einer Zeitbombe werden. In einer aktuellen Studie erklärt die Friedrich-Ebert-Stiftung, wie schnell solche Bewegungen die "fragile Mitte" der Gesellschaft zerbrechen lassen können.



Kommentar zum gleichen Thema: Bürgerliches Mäntelchen


Der "Wutbürger" ist unbequem, aber die etablierte Politik hat dieses neue Phänomen durchaus begrüßt. Streitkultur und Engagement statt Politikverdrossenheit? Da kann es um die Demokratie ja gar nicht so schlecht stehen.

Nach den Protesten gegen Stuttgart 21 versteht die Politik plötzlich nur noch Bahnhof: Wo, bitteschön, kommen sie denn plötzlich her, die Wutbürger, die sich im bürgerlichen Mäntelchen hinter plumpen Parolen versammeln: IS-Terror = Islamismus = Islam = Zuwanderer? Dagegen zu sein ist nicht schwer.
Schwerer ist es, den Menschen in diesem Land die komplexen Zusammenhänge zu erklären: Wie entstehen die Kriege und Konflikte dieser Welt, warum darf man vor Hunger und Not in satte Länder flüchten, wie funktioniert unser Asylrecht und welche Chance steckt in der Zuwanderung für ein Land, das zu vergreisen droht?
Gegen dumpfe Hetze kann man nur Argumente setzen, doch stattdessen stellen die Verantwortlichen vielerorts die Bürger vor vollendete Tatsachen. Die Folgen der Flucht werden hoheitlich geregelt, Integration wird dann schon irgendwie stattfinden.

So geht das auch nicht. Zuwanderung ist eine Chance - keine Zumutung und kein sozialer Sprengstoff, wenn sie als gemeinschaftliche Aufgabe gesehen und angepackt wird. Und wenn das geschieht, wird auch einem wüsten Sammelsurium wie "Pegida" der Nährboden entzogen. Dort treffen sich neben dem unvermeidlichen braunen Bodensatz dieser Gesellschaft zur Zeit eben auch viele Ratlose und Besorgte, die Komplexes nicht verstehen und auf Plumpes leicht hereinfallen.

"Pegida" zeigt nicht zuletzt aber auch, dass man die Bürger in diesem Land durchaus mobilisieren kann. Das sollten die Verantwortlichen dieser Gesellschaft nicht dubiosen Gestalten mit wirren Weltanschauungen überlassen.

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