Bamberg
Ausstellung

Das Reich der Fabelwesen in Würzburg

Die Würzburger Künstlerin Barbara Lenz zeigt ab Mittwoch im Mainfränkischen Museum eine Auswahl ihrer fantastischen Figuren.
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Fotos: PR
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Vielleicht spreizt Schnuckel seine Schmetterlingsflügel und schwirrt irgendwann nachts mal kurz nach Hause, wenn es ihm zu fad wird im Mainfränkischen Museum. Barbara Lenz packt jedenfalls jetzt schon die Sehnsucht nach ihren Lieblingen: "Drei Monate - so lange waren sie noch nie weg", seufzt sie und überlegt, ob sie den einen oder anderen nicht doch bei sich daheim lässt. Sie sind ihr nun mal ans Herz gewachsen, diese seltsamen kleinen Fabelwesen, die sich in sämtlichen Zimmern niedergelassen haben und die jetzt einen längeren Aufenthalt außerhalb ihrer verwunschenen Welt antreten sollen.

Sesam öffne dich. Wir können noch einen Blick in das Zauberreich der Würzburgerin werfen, bevor die große Ausstellung losgeht. Doch zunächst fällt Pudeldame Bella am Gartentor über uns her.
Okay - wir bestehen den Schnuppertest, dürfen nun auch die anderen kennenlernen, die längst nicht so extrovertiert sind. Vorsichtig nähern wir uns, denn die filigranen Federkinder sind scheu. Der Feuervogel, der rote Drache und die aus einer Wasserpfeife kiffende Echse haben sich schon in Rauchschwaden eingelullt und sind unseren Blicken wie von Geisterhand entschwunden. Die Künstlerin lächelt geheimnisvoll, lüpft den Glassturz und sorgt wieder für klare Sichtverhältnisse.

Keine Magie war im Spiel, sondern ein Rauchgenerator, den die gelernte Feinmechanikerin im Sockel ihrer Figur versteckt hat. "Ich schraube und bohre gern. Ich bin die Frau fürs Grobe", lacht Barbara Lenz. Wie bitte - und dann entstehen solche federzarten Wesen? Die Künstlerin zeigt an die Decke ihres Arbeitszimmers, wo Modellflugzeuge eine Formation bilden: "Ich wollte mal Tornado-Pilotin werden - aber schreiben Sie das bloß nicht!" Es wurde ja auch nichts daraus, aber mit dem Segel- und Motorsegelflieger hebt die 49-Jährige heute noch gerne ab.

Nach der Feinmechaniker-Lehre absolvierte Barbara Lenz ein Architekturstudium und arbeitete als Ingenieurin in einem Büro in München, wo sie unter anderem Architekturmodelle baute. Vor neun Jahren kehrte sie in ihre Geburtsstadt Würzburg zurück und widmet sich seitdem fast ausschließlich dem künstlerischen Schaffen, das ihr quasi in die Wiege gelegt wurde: Ihr Anfang 2014 verstorbener Vater Wolfgang Lenz war ein über Würzburg hinaus bekannter Maler, dessen Gemälde meist dem "phantastischen Realismus" zuzuordnen sind; Mutter Hella ist Hinterglasmalerin. Doch Barbara sollte ihren eigenen Weg in der Kunst finden.


Selbstgebasteltes war Sitte

Alles begann vor 25 Jahren mit dem weißen Clown. Barbara zerbrach sich den Kopf über ein passendes Weihnachtsgeschenk für die Mutter. Etwas Selbstgebasteltes musste es sein - so war es Sitte. Hella Lenz bereitete gerade eine Ausstellung für ihre Hinterglasbilder zum Thema Zirkus vor, und weil immer wieder die Rede auf einen weißen Clown kam, beschloss Tochter Barbara, einen zu kreieren.

Den Kern des Körpers bildet ein Holzstück, auf das Schicht für Schicht das "Fleisch" - lufttrocknende Fimo-Masse - aufgetragen wird. Metallstifte werden zu Knochen für Arme und Beine zurechtgebogen und ebenfalls mit Knetgummi ummantelt. "Das Gesicht, die Hände und Füße modelliere ich dann aus feinerer Fimo-Masse, die bei 130 Grad im Backofen härtet", erklärt Barbara Lenz. Fertig ist der Grundkörper - an dieser "Bauweise" hat sich seit damals nichts geändert.

Das Verzieren allerdings hat die Künstlerin inzwischen bis zur höchsten Vollendung perfektioniert. Schon der weiße Clown war mit Federn belegt - "die bekam ich damals im Bettenfachgeschäft". Die Figur sorgte für Aufsehen, und schnell kamen ein Wassermann und ein Phantom der Oper hinzu. Dann aber wurde "Nikophino" geboren, dem Barbara Lenz ein echtes Hermelinköpfchen aufsetzte (wofür der ausrangierte Pelzkragen der Großmutter geopfert wurde). Seitdem entstehen in ihrer Fabelwelt nur noch Tierfiguren in Menschengestalt, wobei die Künstlerin die Köpfe entweder eigenhändig modelliert oder vom Präparator bezieht. "Selbst könnte ich niemals ein Lebewesen töten", sagt Barbara Lenz. Aber die ausgestopften Mäuse - respektive ihre Köpfe lässt sie als elegante Geishas, Zahnärzte oder Akrobaten auferstehen.

Die Figuren bekommen allesamt eine Haut oder ein Kleid aus den Federn der verschiedensten Vogelarten und werden mit Perlen, Strass und gol denen Borten verziert. Ansonsten verarbeitet Barbara Lenz alles, was sie in die Finger bekommt: aus Disteln werden Drachenschuppen, aus Dornen Vogelkrallen, aus Hummerscheren ein Streitwagen, aus einem Zwanzigerjahre-Abendkleid eine Elefantendecke. Im Sockel versteckt Barbara Lenz nicht nur Rauchgeneratoren, sondern auch kleine Spieluhren oder Motoren, die die Figuren bewegen und sogar Seifenblasen pusten lassen. Am Ende schützt eine Glashaube das fertige Werk.

Die Fabelwesen aus diesem Kunstkabinett sind nicht zu erwerben. Außer Haus gibt Barbara Lenz nur vereinzelte Figuren, die sie speziell für den Verkauf anfertigt. Am liebsten ist es der Künstlerin nämlich, wenn sie einen Auftrag für ein individuelles "Porträt" erhält. Dann lässt sie ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf, wobei sie immer auch eine Portion Humor beimixt. So entstand beispielsweise ein mehrfiguriges Ensemble einer ruderbegeisterten Familie. Oder ein Windhund als Florettfechter, mit dem ein Zahnarzt seinem vierbeinigen Liebling ebenso wie seinem Hobby ein Denkmal setzen wollte. Bevor das gute Stück nach Dresden geliefert wird, darf es erst noch bei der Ausstellung im Mainfränkischen Museum glänzen.


Giraffenkrieger und stierköpfige Toreros

Im Keltersaal werden ab kommendem Mittwoch 65 Fabelfiguren von Barbara Lenz zu sehen sein: der Flohzirkusdirektor und der stierköpfige Torero, der Tiger von Eschnapur und die Nautila, der Giraffenkrieger und der grüne Bogenschütze. Auch ein Modell vom Würzburger Maschikuliturm, jenem Bauwerk von Balthasar Neumann, das Barbara Lenz von ihrem Garten aus sieht, darf mit - allerdings bevölkert von einer Riesenkrake, die ihre Arme durch Pechnasen und Kanonenlöcher steckt.

Vielleicht ist im Museum ja auch der "Jedermann" mit von der Partie - ein Gevatter Tod, der sein grausiges Antlitz nur zeigt, wenn er die venezianische Maske lüpft. Wenn nicht, dann ist er doch im Zauberreich von Barbara Lenz geblieben und hält die Stellung, bis die anderen Federwesen zurückkehren.
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