Hopferstadt
Sommerserie (13)

Das Dorf lebt: Wie das einmalige Hopferstadt seine Zukunft sicherte

Wir treffen den Allwissenden, erfahren, wie aus einem sterbenden Dorf wieder ein lebendiger Ort wurde und warum hier an keiner Laterne ein Wahlplakat hängt.
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Fotos: Barbara Herbst
Fotos: Barbara Herbst
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Wahlkampf kann so hässlich sein. Schlammschlachten auf der politischen Bühne gehören zur Demokratie, doch im November, wenn die Wahl passé und mancherorts bereits die Weihnachtsdeko hervorgekramt ist, werden zerschlissene Plakate an vielen Laternenmasten im Freistaat sinnlos vor sich hingammeln. Das Ortsbild Hopferstadts werden sie aber nicht verschandeln.

Fast 15 Jahre haben die Bürger hier im Rahmen der Dorferneuerung gerackert und es geschafft, das Anfang dieses Jahrhunderts langsam sterbende Dorf im Kreis Würzburg neu zu beleben. Die Jugend bleibt jetzt gern, nahezu alle der typisch fränkischen giebelständigen Bauernhäuser sind bewohnt, die Fassaden renoviert, die Vorgärten blütenprächtig. Knapp 700 Menschen leben in dem Ochsenfurter Ortsteil. Der Kindergarten ist heute nicht mehr von Schließung bedroht.

Als Fotografin Barbara Herbst und ich, die Reporterin, am Dorfplatz parken, sprüht Hans-Peter Hesselbach gerade Buchstaben an eine metallene Stellwand nahe der Pfarrkirche: CSU, SPD, Grüne, FW, Sonstige. Der Mann kommt vom Bauhof Ochsenfurt und erklärt: "Wir stellen Wahltafeln auf. Da können die Parteien ihre Plakate anbringen." Nirgendwo sonst.

Wahlkampf an zentraler Stelle

Wildplakatierungen habe man abgeschafft. "Beim Anbringen sind alle fleißig, aber nicht beim Abhängen! Nach ein paar Wochen sieht das fürchterlich aus." Weil er selbst nicht aus dem Ortsteil kommt, kann Hesselbach über die hiesigen Besonderheiten nicht viel sagen: "Aber es gibt hier den Allwissenden - den müsst ihr fragen."

Eigentlich müssten wir auf den Acker; der Pfeil traf die Landkarte etwas außerhalb des Ortes. Dort hätten wir die Erkundungstour beginnen müssen. Pfeif drauf! Ein Mann läuft an der Kirche vorbei, den halten wir an. Ob er den "Allwissenden" kennt, fragen wir Valentin Ruf. Der 64-Jährige ist ein gebürtiger Hopferstadter, Landwirt und wie alle, mit denen wir im Lauf des Tages noch sprechen werden, stolz auf die Dorferneuerung. Außer der Pfarrkirche St. Peter und Paul hat das Dorf noch eine kleine Kapelle am Ortsrand, erklärt er. Direkt gegenüber wohnt der Mann, der alles über Hopferstadt weiß: Jakob Karl.

Da stoppt ein Kleinwagen vor den Wahltafeln. Thorsten Reppert holt aus dem Kofferraum ein Plakat, Johannes Schmitt nähert sich mit Kleistereimer und Tapezierpinsel der Fläche, über die Bauhof-Mann Hesselbach wenige Minuten zuvor "SPD" gesprüht hat. Reppert streicht die Ecken des Plakates glatt: "Mit "Leistung und Leidenschaft im Landtag" wirbt hier nun Volkmar Halbleib um die Gunst der Hopferstadter. Die Jusos, 21 und 22 Jahre alt, waren am schnellsten. Politikstudent Reppert räumt ein, das Geeiere nach der letzten Bundestagswahl etwas anstrengend gefunden zu haben. "Aber vor Ort haben wir coole Leute, da plakatiere ich gern." Ein gelbes Postauto hält vor der Stellwand, der Fahrer betrachtet das Plakat.

Von dem, der alles weiß

Und wir machen uns endlich auf zum Acker. Per Satellitendaten finden wir den Punkt, an dem der Pfeil die Landkarte getroffen hat. Der Weizen ist geerntet, hinter den gelben Stoppeln liegen die Dächer Hopferstadts in der Spätsommersonne. Da spaziert Andreas Berger vorbei. "Ich versuche, jeden Tag zu laufen", erklärt er. Das gehöre zu seinem Heilungsprozess. "Ich bin von einer Leiter gefallen."

Berger beschreibt Hopferstadt als Ort mit besonderem Zusammengehörigkeitsgefühl und regem Vereinsleben von Fußball bis Feuerwehr. Er schickt uns zu dem kleinen See, den der Dorfkulturverein als kleines Naherholungsgebiet angelegt hat - für weitere Informationen verweist er  ... an Jakob Karl.

Es dauert ein wenig, bis der Allwissende die Treppe herunterkommt, die Tür öffnet und uns hinauf ins Wohnzimmer bittet. Er ist 86 Jahre alt und weiß viel. Dinge wie, dass der Löschwasserteich früher auch als Schwimmbad und Schlittschuhbahn diente und dass die Kinder einst in der "Schafschwemme" badeten. Dort wurden die Tiere vor der Schur gewaschen.

Einmaliges Hopferstadt

Karl hat einige Kapitel in der Ortschronik verfasst. "Wir sind einmalig. Es gibt kein zweites Hopferstadt in Deutschland." Doch wird weder Hopfen angebaut noch ist der Ort eine Stadt. Der Name soll mit Pferdezucht zusammenhängen, und dass "Stadt" jede Stätte bezeichnen kann, hat schon Karls Grundschullehrerin verwirrt. "Die kam aus Wien und hat sich gefreut, dass sie in eine Stadt kommt. Und wo ist sie hingekommen? In ein dreckiges, stinkiges Dorf!" Emma Karl wirft ihrem Mann einen missbilligenden Seitenblick zu, er lacht schallend. Mehr als 80 Kuh-Bauern habe es hier gegeben, sagt er. "Das ist aber lange her", sagt sie, "60 Jahre". So lange, wie das Paar verheiratet ist.

Die beiden waren selbst Landwirte und haben den Wandel in diesem Bereich erlebt. Der größte Teil des Ortes wird heute über die lokale Nahwärmegenossenschaft mit Wärme versorgt. Bei der Erneuerung der Dorfstraße wurden Leitungen installiert, um die Abwärme der vorhandenen Biogasanlage zu nutzen. Alles sehr modern. "130 Haushalte sind angeschlossen."

Hinter Jakob Karl reihen sich Familienfotos und Urkunden an der Wand. Er war in vielen Vereinen aktiv, saß für die CSU im Kreistag und war 27 Jahre lang Ortsvorsitzender. Schon bei der Gründung der Ortsgruppe sei er dabei gewesen. "Das war am 13.2.46 - ich war 13 Jahre alt und neugierig. Ich wollte hören, was die erzählen." Er mogelte sich in die Versammlung in der Stern-Wirtschaft. Dort war sonst die Milchsammelstelle. Als ihn die Wirtin hinausscheuchen wollte, lenkte er sie mit einer Lebensmittelmarke ab: "Gait's heut' Butter?" So konnte er ein wenig bleiben und zuhören. Irgendwie schuf das eine tiefe Verbindung zu der Partei. Wie findet es das CSU-Urgestein da, dass der SPD-Nachwuchs heute an der Wahlwand schneller war? Der Allwissende lacht. "Och! Wir sind doch Demokraten." Am Donnerstag besucht Irmtraud Fenn-Nebel Dottenheim.



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