Würzburg

Würzburger Weinflaschen bekommen "PS"

Die klassische Hülle für den fränkischen Trinkgenuss hat eine neue Form verpasst bekommen. Da sich über Geschmack bekanntlich streiten lässt, dürften sich an der lange geheim gehaltenen Runderneuerung Debatten entzünden.
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Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
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"Flasche leer!" Bayern-Trainer Trappatoni kreierte bei seinem Wutausbruch 1998 geniale Worte, mit denen sich auch die Diskussion um den neuen fränkischen Bocksbeutel verkürzen ließe: Was interessiert eine Flasche, wenn sie leer ist? Und interessiert nicht an der vollen Flasche vor allem der Inhalt?

Wenn dem so wäre, dann hätte der fränkische Weinbauverband nicht seit drei Jahren aus der Form des neuen Bocksbeutels ein Staatsgeheimnis gemacht. Die am 18. Dezember geplante Präsentation der Flasche wird gar als "Jahrhundertereignis" angekündigt, zu dem Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) aus München nach Würzburg anreist.

Was erwartet die zum Bersten gespannte Weinwelt? Immerhin, so viel ist vorab unter Nutzung sämtlicher investigativer Kanäle zu erfahren, trägt der neue "Bocksbeutel PS" die Handschrift eines der bekanntesten deutschen Designer, Peter Schmidt (78) aus Hamburg.
Der gebürtige Bayreuther hat sich unter anderem mit der Gestaltung der Flakons bekannter Parfums einen Namen gemacht und trat nun an, dem als altbacken geltenden Bocksbeutel neues Leben einzuhauchen.

Die Aufgabenstellung für den Stardesigner war einfach: Der Bocksbeutel sollte völlig anders aussehen, aber eben immer noch wie ein Bocksbeutel. Er soll junge Weinkäufer ansprechen, darf die Traditionalisten aber nicht vergraulen. Er soll leicht und modern daherkommen, muss aber zur Beschaulichkeit Frankens und zu seinen Weinen passen. Nebenbei soll er natürlich auch dicht halten und beim Transport nicht zu Bruch gehen.

All dies hat aus dem Projekt "Wein in neuen Flaschen" eine schwere Geburt gemacht. Aus undichten Stellen im Weinbauverband ist durchgesickert, dass es mehrere Entwürfe für den Bocksbeutel gab. Einer der ersten begeisterte die innovativen Winzer, weil er betont eckig und modern war; damit konnte sich die konservative Mehrheit im Verband nicht anfreunden.

Vor etwa einem Jahr hatte die Flasche ihre endgültige Form erhalten, aber das Design war aus praktischen Gründen zu leicht; die Prototypen bestanden wegen des dünnen Glases die Bruchprüfung nicht ... Und so zog sich die Reife der Flasche hin wie beim Wein. Ob das neue Design ein großer Wurf ist, wie die Gebietsweinwerbung verspricht, muss sich zeigen; bruchsicher ist der "Bocksbeutel PS" jedenfalls; PS steht für die Initialen des Flaschenschöpfers.

Hintergrund für die Flaschen-Evolution (oder Revolution) ist das Image-Problem, das die Experten für den Weinbau in Franken seit Jahren beklagen. Auf der einen Seite gilt der Bocksbeutel als Verpackung für hochwertige Weine aus Franken. Andererseits gibt es Bocksbeutel auch schon für 1,99 Euro beim Discounter. Trotzdem lassen vor allem junge Kunden den Bocksbeutel links liegen, weil er als antiquiert gilt und der Käufer von der Form auf den Inhalt schließt, wie Hermann Kolesch beklagt, der Präsident der Landesanstalt für Weinbau in Veitshöchheim.

Viele Winzer machen den Spagat erst gar nicht mehr. "Wir haben junge und moderne Weine und brauchen den Bocksbeutel nicht", sagt etwa Alexander von Halem (Zeilitzheim), der seine Weine in modernen Schlegelflaschen verkauft. Tatsächlich sind von 45 Millionen Flaschen Wein, die in Franken abgefüllt werden, nur ein Drittel Bocksbeutel.

Der Weinbauverband hofft, dass der Designer aus Hamburg schafft, worum sich die Weinwerbung bislang mit mäßigen Erfolg bemüht: eine Verbindung zwischen Tradition und Moderne. Hermann Schmitt, der Geschäftsführer des fränkischen Weinbauverbandes, bezeichnet den Bocksbeutel ein wenig kryptisch als "Identitätscontainer". Franken will mit der Flasche nicht nur Wein verkaufen, sondern auch eine Botschaft, Lebensart, Gefühle ...

In der Tat: Über die Flasche, die noch keiner gesehen hat, wird emotional diskutiert. Eine große fränkische Zeitung hat ihre Leser nach ihrer Meinung zum neuen Bocksbeutel gefragt, ohne ihn zeigen zu können. Die Reaktionen sind gespalten: Sie reichen von freudiger Erwartung bis hin zum empörten "Was erlauben Weinbauverband!". Das dürfte sich einpegeln, sobald die ersten neuen Bocksbeutel geleert wurden, dann ist die Form nicht mehr so wichtig.

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