LKR Kitzingen
Weihnachtswünsche

Papas Weihnachtsfreude

Karl Schäfer ist schwer krank und dement, aber er liebt Lebkuchen, Adventsduft und die geschmückte Wohnung. Seine Tochter pflegt ihn und sagt: Er lebt gern.
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Alexandra lehnt ihren Kopf an den ihres Vaters Karl. Seine Demenz bereitet ihr oft Kummer. Aber sie ist sicher, dass Karl sich wohlfühlt.  Foto: Diana Fuchs
Alexandra lehnt ihren Kopf an den ihres Vaters Karl. Seine Demenz bereitet ihr oft Kummer. Aber sie ist sicher, dass Karl sich wohlfühlt. Foto: Diana Fuchs
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Friedlich sitzt er da, z urückgelehnt in seinen Rollstuhl. Die Arme liegen entspannt auf dem Schoß. Mit seinen großen, fast wimpernlosen Augen und der hohen Stirn erinnert er an die "Uralte Morla", die weise Schildkröte aus Michael Endes Roman "Die unendliche Geschichte". Die "Uralte Morla" lebt in den Sümpfen der Traurigkeit und ist ihres langen Lebens überdrüssig geworden. Wie ist das bei Karl Schäfer?

"Wie geht's Ihnen, Herr Schäfer?" Der 86-Jährige blickt irgendwohin, in die weite Ferne. Er sagt nichts. Also noch einmal, lauter diesmal: "Hallo Herr Schäfer! Wie geht's?" Der Angesprochene blinzelt, dann fixiert er die Besucherin mit den Augen. "Danke, gut", antwortet er. Ein kleines Lächeln huscht über seine Lippen.
"Jetzt ist er da", sagt seine Tochter Alexandra Schäfer. "Jetzt kann man gut mit ihm reden." Sie verwickelt ihren Vater in ein Gespräch übers Wetter und über einen ehemaligen Kollegen, der ihn besuchen möchte. Dabei tritt sie ganz nah an seinen Rollstuhl heran, nimmt seine Hände, schaut ihm ins Gesicht. Nach einiger Zeit fallen Karl Schäfer die Augen zu. Seine Tochter lächelt, streichelt sanft über seinen Arm. "Er wird schnell müde. Dann nimmt er sich seine Auszeiten."

Karl Schäfer, geboren am 14. Juli 1930 im unterfränkischen Kitzingen, wurde als junger Bursche noch kurz vor dem Kriegsende in die Wehrmacht eingezogen. Nach dem Krieg war er jahrzehntelang als Bauarbeiter tätig. Ein kerniger Kerl, der die Arbeit gewohnt war. Vor fast acht Jahren erlitt er einen Herzinfarkt, später hatte er noch einen Autounfall. Beides setzte ihm schwer zu. Und dann ist da noch die Demenz, die mittlerweile stark fortgeschritten ist.

Alexandra Schäfer kümmert sich seit über sechs Jahren um ihren Vater. Alexandra hat ihm eine Wohnung unter ihrer eigenen besorgt, so dass sie Tag und Nacht in unmittelbarer Nähe ist. Morgens hebt sie ihn aus dem Bett, wickelt ihn, wäscht und rasiert ihn, cremt ihn ein, zieht ihn an, setzt ihn in den Rollstuhl, macht ihm Frühstück, isst mit ihm, fährt ihn in den Garten, an die frische Luft.

Fast immer spricht sie mit ihm. "Ich merke, dass ihm der Kontakt gut tut, und ich will ihn auch ein bisschen fordern. Ich hasse es, wenn Menschen sagen: 'Lass' das doch, er ist dement, er vergisst eh alles gleich wieder.'"
Solche Menschen gibt es, Alexandra Schäfer macht diese Erfahrung immer wieder. "Ich finde nichts furchtbarer, als wenn alte oder demente Menschen in die Ecke geschoben und sich selbst überlassen werden." Die Mutter zweier Kinder ist gelernte Altenpflegerin mit mehreren Zusatzausbildungen. Jahrelang hat sie im Seniorenheim gearbeitet. Außerdem hat sie auch privat schon einige Menschen in deren letzter Lebensphase begleitet. "Alte Menschen sind etwas ganz Besonderes, sie haben eine besondere Aura. Papa zum Beispiel lebt gern, trotz allem, das spürt man. Jetzt, rund um Weihnachten, ist er richtig glücklich, wenn es nach Orangen oder Zimt duftet."
Auch wenn sich die Alten oft nicht mehr so gut artikulieren könnten, spüre man doch, wenn ihnen etwas fehlt. "Papa hat immer die Augen zusammengezwickt, wenn es sehr hell war. Also hab' ich ihm eine Sonnenbrille besorgt. Das fand er super. Er will die Brille jetzt immer aufsetzen."

Viele Bekannte raten ihr, den Vater ins Heim zu geben. Doch für Alexandra Schäfer ist das kein Thema. "Während meiner sechs Wochen Jahresurlaub muss Papa in die Kurzzeitpflege. Und danach dauert es immer tagelang, bis er wieder in der Spur ist, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Was er nicht kennt, macht ihm Angst."
Deshalb vermeidet sie gravierende Änderungen im Tagesablauf, so gut es geht. "Aber manchmal bin ich ausgelaugt. Ich war schon oft an dem Punkt, an dem ich gedacht habe: Noch einen Tag länger und ich lande in der Irrenanstalt." Doch irgendwie ging es immer weiter.

Wenn Alexandra Schäfer einkaufen oder abends einfach mal ausgehen möchte, dann hat die 45-Jährige stets die Uhr im Blick. "Länger als zwei, drei Stunden kann ich Papa nicht allein lassen, da werde ich unruhig. Meine Freunde wissen das und planen entsprechend."

Was wäre, wenn Alexandra Schäfer einen Weihnachtswunsch frei hätte? "Dann würde ich wollen, dass Pflegearbeit überall und von allen wertgeschätzt wird", antwortet sie. Nach kurzem Nachdenken fügt sie hinzu: "Und drei Wochen Malediven!" Dann lacht sie. "Aber das wäre dann auch wieder schwierig. Ich würde mich die ganze Zeit fragen, ob es ihm gut geht..."

Als wäre das sein Stichwort, schlägt Karl Schäfer die Augen auf und hebt die Hand ein wenig. "Ausgeschlafen?", fragt Alexandra. Er nickt. Als Alexandra ihm einen Lebkuchen reicht, hat er keinerlei Ähnlichkeit mehr mit der "Uralten Morla". Er verzehrt das Gebäck mit sichtlichem Genuss. Alexandra Schäfer schaut ihm dabei verschmitzt lächelnd zu: "Das ist unverstellte Weihnachtsfreude. Auch für mich."



WICHTIGE INFOS:


37 231 Personen empfangen in Oberfranken Pflegegeld (35 je 1.000 Einwohner), in Mittelfranken 45.222 (26 je 1.000 Einwohner) und in Unterfranken 41.703 (32 je 1.000 Einwohner). Pflegebedürftige in der teilstationären Pflege (Tages- / Nachtpflege) sind in diesen Zahlen des Statistischen Landesamtes Bayern nicht berücksichtigt, erhalten in der Regel aber auch Pflegegeld oder ambulante Pflege. Ebenfalls nicht gelistet sind Pflegebedürftige ohne eine Pflegestufe.

Grob geschätzt, lebt zirka die Hälfte der zu Pflegenden in Heimen und Pflegeeinrichtungen, die andere Hälfte wird privat versorgt.

Reform: Zum 1. Januar 2017 wird der Begriff "Pflegebedürftigkeit" neu definiert. Ziel ist es, die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz und Menschen mit geistigen oder psychischen Einschränkungen ebenso zu berücksichtigen wie die individuellen Bedürfnisse von Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Ab Januar gibt es fünf Pflegegrade statt, wie bisher, drei.

Infos zum Pflegestärkungsgesetz II: www.bundesgesundheitsministerium.de; www.mdk.de
Das Pflegestärkungsgesetz II tritt am 1. Januar 2017 in Kraft (www.bundesgesundheitsministerium.de; www.mdk.de)
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