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Würzburg
Erster Weltkrieg

Gegen das Vergessen

Serie  Der Bundeswehrhauptmann der Reserve Israel Schwierz kämpft seit Jahrzehnten für die Ehre gefallener deutscher jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg.
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Der Grabstein von Johanna Sterzelbach auf dem Israelitischen Friedhof in Oberlauringen im Keis Schweinfurt mit der Erinnerung an ihre im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne.  Foto: Daniel Peter/epd
Der Grabstein von Johanna Sterzelbach auf dem Israelitischen Friedhof in Oberlauringen im Keis Schweinfurt mit der Erinnerung an ihre im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne. Foto: Daniel Peter/epd
VON Daniel Staffen-Quandt, epd

Würzburg — Am Anfang war es Verwunderung, dann Befremden und schließlich ein bisschen Wut. Israel Schwierz konnte es einfach nicht fassen. Ende der 1970er Jahre, mehr als 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, hatte das braune Gedankengut der Nationalsozialisten noch immer seinen Platz in den Köpfen der Deutschen, wenn auch meist unbewusst. "Es kann doch kein Jude für Deutschland gefallen sein" - geschichtsklitternde Sätze wie diesen bekam er oft zu hören. Daher streitet Schwierz, der in Würzburg und Israel lebt, für die Ehre der im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite gefallenen jüdischen Soldaten. Bis heute - 100 Jahre nach Kriegsbeginn.
Die Geschichtsverfälschung im deutschen Gedächtnis begann bereits in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs, erläutert Schwierz.
Völkische Gruppierungen behaupteten, die Hauptschuld für die Niederlage trügen die deutschen Juden wegen "Drückebergerei" und "innerer Zersetzung der Heimat". Der jüdische Hauptmann Leo Löwenstein hatte deshalb im Februar 1919 den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) gegründet, um die Ehre der 85 000 Soldaten und 12 000 Gefallenen jüdischen Glaubens hochzuhalten. Der RjF kämpfte aktiv gegen den sich immer rascher ausbreitenden und zur Schau getragenen Antisemitismus in der Weimarer Republik. Doch dem RjF war nur ein mäßiger Erfolg beschieden, erklärt Schwierz. Die Nationalsozialisten machten in der jungen deutschen Republik ganz massiv Stimmung gegen die jüdischen Mitbürger - fast schon verzweifelt klingt der Wortlaut auf einem Plakat des RjF aus dem Jahr 1920: "An die deutschen Mütter! Christliche und jüdische Helden haben gemeinsam gekämpft (...). Blindwütiger Parteihass macht vor den Gräbern der Toten nicht Halt. Deutsche Frauen, duldet nicht, dass die jüdische Mutter in ihrem Schmerz verhöhnt wird." Später organisierte der Verein sogar Selbstschutzeinheiten, zur Abwehr antisemitischer Übergriffe.
Doch die Verleumdungen der Nazis gingen noch weiter, sagt Schwierz. Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels hatte in seinem grenzenlosen Hass einen Geldpreis ausgesetzt, falls ihm jemand eine jüdische Familie nennen könne, die drei oder mehr Angehörige als Gefallene des Ersten Weltkrieges zu beklagen hätte. Habe man ihm solche Familien genannt, wollte Goebbels von seinem "Angebot" freilich nichts mehr wissen - oder sie wurden von Nazis dafür als jüdische "Kollaborateure" verfolgt.

Das Nazi-Gift wirkt nach

"Das Gift aber, das er damals verspritzt hat, wirkt im Denken mancher Leute hierzulande leider noch bis heute nach", sagt Hobbyhistoriker Schwierz.
Dabei habe es in jeder jüdischen Gemeinde in Bayern auch Familien mit Kriegsgefallenen gegeben. So finde man zum Beispiel in Oberlauringen (Kreis Schweinfurt) auf dem jüdischen Friedhof das Grab von Johanna Sterzelbach. Auf dem Sockel des Grabsteins findet sich die Inschrift: "Im Weltkrieg 1914 - 1918 gefallene Söhne - Brüder Heinrich 1914 - Alfred 1915 - Albert 1916." Allein daran könne man sehen, was für patriotische Menschen die deutschen Juden gewesen seien, sagt der orthodoxe Jude Schwierz, der selbst Hauptmann der Reserve der Bundeswehr ist und Religionslehrer der jüdischen US-Militärgemeinde Würzburgs war.
Den heute über 70-jährigen Schwierz hat diese Geschichtsklitterung so beschäftigt, dass er Ende der 1970er Jahre ein ganzes Buch zum Thema geschrieben hat. In "Für das Vaterland starben" schildert er zum einen die zahlreichen Erniedrigungen, denen jüdische Soldaten in Deutschland im Kaiserreich, der Weimarer Republik und im Dritten Reich ausgesetzt waren. Er listet darin jüdische Friedhöfe in ganz Bayern - sowie in einem Ergänzungsband für Thüringen - auf, wo man noch heute Grabmale und Gedenktafeln findet, die mit ihren Inschriften an gefallene deutsche Soldaten jüdischen Glaubens aus dem Ersten Weltkrieg erinnern. In etlichen Orten des damaligen NS-Deutschland seien "allerhand Ideen und nicht wenig Energie" darauf verwendet worden, das Gedenken an die zwischen 1914 und 1918 gefallenen jüdischen Soldaten "so effektiv wie möglich zu tilgen", so Schwierz. Aus zig Denkmälern seien die Namen jüdischer Gefallener schlicht herausgemeißelt worden - in Bayern sei ihm bisher aber kein solcher Fall bekannt. Wenn nun, 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges, der Opfer gedacht wird, wünscht sich Schwierz, dass Besucher von jüdischen Friedhöfen "ein Steinchen" auf die Gräber von Gefallenen oder deren Angehörigen legen.

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