Würzburg
Erfahrungsbericht

Flüchtlingshelfer: Spuren der Menschlichkeit

Christian Ludwig war als Helfer in europäischen Flüchtlingslagern unterwegs. Er hat Not, aber auch viel Herzlichkeit erlebt.
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Christian Ludwig mit Ali, dem großen Bruder von Barshal - dem zweijährigen Jungen, den der Helfer vergeblich versuchte wiederzubeleben.  Foto: Christian Ludwig
Christian Ludwig mit Ali, dem großen Bruder von Barshal - dem zweijährigen Jungen, den der Helfer vergeblich versuchte wiederzubeleben. Foto: Christian Ludwig
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Christian Ludwig hält sich die Hände vors Gesicht, streicht sich über die Augen, als könne er so die Erinnerungen abstreifen. Zwecklos. "Diesen Schrei werde ich nie vergessen." Der Ton sei schlimmer als die Bilder. "So schrill, so tief aus ihrem Herzen." "Bashal", schreit die Mutter. Ihr zweijähriger Sohn liegt tot vor ihr. Mitten in der Nacht am Hafen Ermioni auf der griechischen Insel Chios.

Es sind Erinnerungen wie diese, die den freiwilligen Helfer noch heute beschäftigen. Nicht immer, aber manchmal packen sie ihn aus dem Nichts. Wie vor ein paar Tagen, als er abends in Würzburg unterwegs war: Wochenlang konnte er sich nicht an das Gesicht des Jungen erinnern, den er in jener Nacht im Februar vergeblich versucht hatte zu reanimieren. "Plötzlich hab ich ihn vor mir gesehen."

Es sind Erfahrungen wie diese, die der 23-jährige Mitbegründer der "Mobilen Flüchtlingshilfe" teilen will.
Aber auch ganz andere Geschichten: Wie jene von dem syrischen Mädchen, das mitten in der Nacht, durchnässt und mit blauen Lippen, eine kleine Ewigkeit ein Klatschspiel mit ihm spielte - und dabei so herzlich lachte, dass man die ganze Not drumherum kurz vergessen konnte.

Oder von den Flüchtlingen im französischen Calais, die aus Planen und Brettern eine provisorische Kirche bauten. Es ist diese Mischung aus grenzenlosem Leid und tiefer Menschlichkeit und Herzlichkeit, die Ludwig das Gefühl gibt, etwas Wichtiges zu tun. "Immer mal wieder sagen Menschen zu mir, ich solle doch jetzt mal an meine Zukunft denken und was Richtiges machen", erzählt der ausgebildete Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger. "Doch wenn das nicht richtig ist, was ist es dann?"

Dabei ist er eher zufällig in die Flüchtlingshilfe gerutscht. Am Anfang, im Herbst 2015, stand eine fixe Idee. Eine Freundin, Julie Michelle Brustmann, fragte ihn damals, ob sie nicht zusammen einen Hilfstransport für Flüchtlinge organisieren wollen. Aus dem Nichts stampften die beiden einen Hilfstransport aus dem Boden. Die Strecke musste geplant, Transporter organisiert, Spenden gesammelt werden. Was wird vor Ort gebraucht, welche Versicherungen und Papiere sind nötig? Bis es das erste Mal losging, hatte die "Mobile Flüchtlingshilfe" einige Krisen zu überwinden. "Wir hatten schon Punkte, an denen wir dachten: Lassen wir´s? Sagen wir alles ab?" Schließlich fuhren sie am 22. November doch los. Mit vier Transportern und elf Leuten.

Die Fahrt führte über ein Transit-Camp im slowenischen Dobova nach Slavonski Brod in Kroatien und bis ins serbische Dimitrovgrad. "Ohne die ehrenamtlichen Helfer würde an vielen Orten wenig laufen", sagt Ludwig. Kleiderspenden, Essensausgabe, medizinische Erstversorgung - überall sind es die "Volunteers", die den Flüchtlingen helfen. Und etwas Wärme in den kalten, oft grausamen Fluchtalltag bringen.

"Das Schlimmste ist, dass man Dinge tolerieren muss, die man normalerweise nie tolerieren würde." Immer wieder treiben Sicherheitskräfte die Flüchtlinge an. Schreien, schubsen, manche schlagen: "Ein paar Meter vor mir lehnte sich eine Frau aus einem Bus, rief nach ihrem Mann. Plötzlich rannte ein Polizist auf sie los, schlug ihr mit voller Wucht gegen den Oberkörper, trieb sie zurück. Und du stehst daneben und kannst nichts machen."

Denn die Sicherheitskräfte bestimmen, was passiert. Wenn sich die Helfer beschweren, dann dürfen sie eben nicht mehr helfen. So wie in Dobova: "Bevor wir ankamen, gab es einen Streit zwischen Helfern und Polizisten. Daraufhin durfte kein Volunteer mehr zu den Flüchtlingen auf den Bahnsteig. Wir standen vor einem Zaun - und die Menschen, die unsere Hilfe brauchten, dahinter." Bilder wie diese wecken böse Erinnerungen: Lange Reihen von Menschen, die bei Dunkelheit durch enge Metallschleusen getrieben werden "wie Vieh". Allgegenwärtige Not und Krankheit. "Einige von uns fühlten sich an Fotos aus KZs erinnert."

Doch nicht nur in den Balkanländern machten die Helfer schlechte Erfahrungen. Auch in den illegalen Lagern in Frankreich, in Calais und Dünkirchen, waren die Bedingungen furchtbar. "Die Menschen leben in ihrer eigenen Scheiße." Für 2500 Menschen gab es zehn Dixi-Klos. Regelmäßig räume die Polizei die Lager, reiße alles ab. Offizielle Hilfe vom Staat gibt es kaum - alles läuft ehrenamtlich. "Mitten in Europa." Ludwig schüttelt den Kopf.
Zum Zeitpunkt ihres ersten Hilfskonvois war noch nicht sicher, ob es sich um ein einmaliges Projekt handelt. Nach ihrer Rückkehr war schnell klar: "Es geht weiter, es muss weitergehen." Das Projekt soll zum Verein werden. Bei ihrer Arbeit sind Christian Ludwig und seine Mitorganisatorinnen Julie Michelle Brustmann und Vera Hoxha auf Hilfe angewiesen. Auf Spenden, auf Leute, die mit anpacken.

"Für mich geht es aber vor allem darum, zu zeigen, dass hinter jeder Zahl, jedem gesichtslosen Flüchtling, ein Mensch steht", betont Ludwig. Er erinnert sich noch einmal an jenen Februarabend in Chios, als Bashal starb. Am Strand saß eine Frau etwas abseits und weinte. Ludwig gab ihr etwas zu trinken. Plötzlich umarmte sie ihn. "Wir saßen da, eng umschlungen und weinten beide", erzählt Ludwig mit stockender Stimme. "In diesem Moment waren wir nicht Flüchtling und Helfer, wir waren einfach zwei Menschen, die einander Halt gaben."

"Einfach machen - Einblicke in die Mobile Flüchtlingshilfe" am Mittwoch, 20. April, in der Alten Posthalle, Bahnhofsplatz 2, Würzburg. Christian Ludwig erzählt von seinen Erfahrungen als Helfer in Slowenien, Kroatien, Griechenland und Frankreich, zeigt Bilder von seiner Arbeit und lädt zum offenen Dialog ein. Der Eintritt ist frei. Einlass ist um 19.30 Uhr, Beginn um 20 Uhr. Weiter Infos: www.facbook.com/ MobileFluechtlingshilfe/
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