Würzburg
Interview

Experte zur Axt-Attacke bei Würzburg: Neue Qualität der Radikalisierung

Der fränkische Terrorismusexperte Peter Neumann ist von der schnellen Radikalisierung des Täters von Würzburg überrascht.
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Dieser Screenshot eines Videos, das vom IS-Sprachrohr Amak verbreitet wurde, zeigt den Attentäter von Würzburg.  Foto: dpa
Dieser Screenshot eines Videos, das vom IS-Sprachrohr Amak verbreitet wurde, zeigt den Attentäter von Würzburg. Foto: dpa
Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King's College analysiert seit Jahren die Radikalisierung von Islamisten und den Verlauf von Terroranschlägen auf der ganzen Welt. Am Montag musste er von Washington aus verfolgen, wie der Terror in seiner Heimatstadt Würzburg zuschlug.

Im Oktober 2014 haben Sie in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt "Sie können sich im Prinzip jemanden in der Schönbornstraße in Würzburg greifen und ihn dort enthaupten". Was damals die allgegenwärtige Terrorismusgefahr veranschaulichen sollte, ist nun beinahe so passiert. Sie haben ständig mit Terror zu tun. Ist der Fall von Würzburg etwas anderes für Sie?
Peter Neumann: Ich habe sofort an dieses Zitat gedacht. Wenn so etwas in der Heimatstadt passiert, ist so ein Anschlag schon etwas anderes. Gerade wenn es eine Stadt ist, die nicht jeden Tag in den Nachrichten ist.
Man kennt die Orte, ich bin früher zu Spielen des SV Heidingsfeld gegangen, man kennt Leute aus dem Stadtteil und fragt sich natürlich, ob es denen gut geht. Alles ist viel konkreter. Andererseits war ich auch am 7. Juli 2005 in London, als dort die U-Bahnen angegriffen wurden, die ich jeden Tag benutzt habe. Insofern war es nicht das erste Mal.

Der Täter war ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan. Warum flüchtet jemand aus dem Land der Taliban und wird nach etwas mehr als einem Jahr im Westen zum islamistischen Terroristen?
Es gibt noch nicht allzu viele Details. Ins Beuteschema des IS passen vor allem Leute mit persönlichen oder psychischen Problemen, Leute, die möglicherweise schon gewaltsame Tendenzen zeigten und sich dann an die "Marke IS" dranhängen. Die Vermutung liegt nahe, dass sich der Täter von Würzburg innerhalb der letzten Wochen in Deutschland radikalisiert hat. Das ist ungewöhnlich. Typischerweise dauern Radikalisierungsprozesse mehrere Monate oder gar Jahre. Das ist eine neue Qualität.

Wenn psychisch kranke Menschen andere Menschen angreifen oder töten, sprach man in der Vergangenheit von einem Amoklauf. Wo verläuft die Grenze zwischen Terror und Amok?
Vielleicht gibt es da keine so genaue Grenze. Und vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, dass der IS mit solchen Leuten offensichtlich eine neue Zielgruppe identifiziert hat, die er für seine Zwecke einspannen kann.

Sie haben schon vor langer Zeit eine bessere Präventionsarbeit in Deutschland angemahnt.
Wenn es mehr und bessere Präventionsprogramme gäbe, könnte man solche Radikalisierungsprozesse schneller erkennen. Man wird solche Prozesse dann nicht immer stoppen können. Aber es geht bei Prävention nicht nur darum, Leute davon abzuhalten, Extremisten zu werden. Präventionsarbeit ist auch die Grundlage dafür, rechtzeitig polizeiliche Maßnahmen einleiten zu können.
Und es gab ja auch in diesem Fall nun einige Anzeichen: die Flagge des "Islamischen Staates" in seinem Zimmer und offenbar ein Drohvideo, das nun aufgetaucht ist. In 60 Prozent der Fälle sprechen die sogenannten einsamen Wölfe vorher mit Freunden, Bekannten oder der Familie über ihre Radikalisierung - oder sogar über konkrete Anschlagspläne.

Es fällt schwer zu glauben, dass die IS-Führung in Syrien einen jungen Mann ausgerechnet mit einem Anschlag in einer fränkischen Kleinstadt beauftragt. Dennoch kam das Bekenntnis sehr schnell.
Das ist Teil der Strategie: Auf der einen Seite die komplexen Operationen, die aus Syrien heraus organisiert werden, auf der anderen Seite steht das Inspirieren von Einzeltätern zu vergleichsweise kleinen Anschlägen, die der IS dann für sich beansprucht.

Welche Bedeutung haben solche kleinen Anschläge für den IS?
Sehr einfache Aktionen lassen sich fast unmöglich verhindern und können einen unglaublich terrorisierenden Effekt haben. Das hat der IS besser und früher verstanden als zum Beispiel El Kaida, die erst als letztes Mittel auf einsame Wölfe gesetzt hat. Der IS macht das von Anfang an und sehr konsequent. Diese Anschläge lösen große Panik aus und haben auch politische Effekte: Sie haben absolutes Potenzial, die Debatten in unseren Gesellschaften zu verändern, offene Gesellschaften zu spalten, Polarisierungen zu verstärken und dadurch Situationen zu schaffen, in denen sich weitere Leute radikalisieren. Das ist ein Teufelskreis, den man verhindern muss.

Und gespaltene Gesellschaften und Destabilisierung der politischen Lage sind genau das Ziel der Terroristen?
Richtig. Und sie haben Erfolg damit. In Frankreich ist der politische Nutznießer des Terrors der rechtsextreme Front National und in Deutschland kann man sich auch gut vorstellen, dass nun auf der rechtspopulistischen Seite diese Sache zynisch ausgeschlachtet wird. Die Tat jetzt wird in Deutschland die Debatte über Flüchtlinge erneut befeuern.

Gibt es Gemeinsamkeiten zu dem Anschlag von Nizza vor nicht einmal einer Woche?
Es scheint das gleiche Muster zu sein. Der Täter ist wieder ein einsamer Wolf, jemand, der sich schnell radikalisiert hat. Und die Tat verlief genau nach Anleitung des IS. Seit September 2014 fordert der IS seine Anhänger auf, etwas auf eigene Faust zu tun, wenn sie nicht nach Syrien kommen können. Auf der Liste der Vorschläge stehen unter anderem, mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren oder Leute mit einem Messer anzugreifen. Das sind genau die zwei Taktiken, die wir nun gesehen haben.
Und das habe ich auch mit dem Satz über die Schönbornstraße vor knapp zwei Jahren gemeint. Glücklicherweise waren die Terroristen in Würzburg nicht ganz so erfolgreich.

Das Gespräch führte Benjamin Stahl.

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