Rüdenhausen
Jagd

Ein weiser Waidmann und seine Tagebücher

Das Fernglas um den Hals und den Filzhut auf dem Kopf, war Fürst Siegfried am liebsten in Feld und Flur unterwegs. Sein Jagdtagebuch verrät, warum.
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Mit Hut & Hund: So behalten alle, die ihn kannten, Fürst Siegfried in Erinnerung.
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E r wusste immer, wo der Bock steht. Als Kopf des Adelshauses Castell-Rüdenhausen war er zwar hauptberuflich Unternehmens-Manager. Aber sobald es ging, entfernte "Seine Durchlaucht" die Krawatte, streifte den Janker über und verschwand im Wald. Seine Jagdethik, seine Achtung vor den Geschöpfen und ihrem Lebensraum, ist heute - fast zehn Jahre nach seinem Tod - aktueller denn je. Das Credo von Fürst Siegfried zu Castell-Rüdenhausen lautete: "Wald mit Wild".
Sein Sohn Karl Graf zu Castell-Rüdenhausen hat nun einen Teil der persönlichen Jagdtagebücher seines Vaters veröffentlicht - die Erlaubnis dazu hatte er einst vom Fürsten erhalten. Sie geben spannende und auch unterhaltsame Einblicke in die Jagd, speziell die Jagd in Franken.

Inwieweit erinnern Sie sich an die Jagdleidenschaft Ihres Vaters, Graf Castell?
Meine sieben Geschwister und ich sind als Kinder oft schon frühmorgens mit ihm auf dem Pferdegespann hoch zum Friedrichsberg gefahren. Und jedes Jahr in den Sommerferien sind wir zusammen mit unseren Eltern ins Salzburger Land gereist, nach Steinwänd, auf das Gut meines Großvaters Georg Graf zu Solms-Laubach. Mit Steinwänd und den vier Jagdhütten im Revier verbinde ich die schönsten Kindheitserinnerungen. Noch heute ist der Ort wie eine zweite Heimat. Aber auch daheim in Rüdenhausen gab es legendäre Hasen- und Entenjagden sowie Hochwild-Jagden im Steigerwald.

War da stets die ganze Familie dabei?
Das nicht, aber die Jagdleidenschaft meines Vaters hat das Familienleben trotzdem stark geprägt - manchmal zum Leidwesen meiner Mutter. So hat mein Vater zum Beispiel sogar die Geburt meines Bruders Rupert verpasst, weil er, wie alle Jahre im Herbst, im Laubacher Wald die Hirschbrunft erlebte. Ich glaube, diese Zeit war für ihn das Allerschönste und nichts, gar nichts, durfte dazwischen kommen.

Was war er für ein Mensch?
Ein wahnsinnig gütiger, warmherziger, freundlicher Mann.

Das ist landläufig nicht die typischste Beschreibung für einen Jäger...
Mein Vater war auch nicht einfach nur Jäger, er war ein Waidmann mit Leib und Seele. Er ist da hineingewachsen, schon meinen Urgroßeltern waren Wald und Forst wichtig. Nach langen dienstlichen Sitzungen ist er immer nochmal mit seinen Hunden raus in die Flur gegangen. Das hat er für sein inneres Gleichgewicht gebraucht.

Apropos Hunde: Im Schloss haben immer auch Jagdhunde gelebt, oder?
Fast immer, ja. Hunde waren für meinen Vater wichtige Begleiter. Außer seinem ersten Vierbeiner, dem Mischling "Butzi", den er als Kind gerettet hatte - sein Besitzer wollte ihn ertränken - , besaß er ausschließlich braune Wachtelhunde. Erst im hohen Alter, nach dem Tod seines Hundes Kiwi, beschloss er, keinen neuen Hund mehr haben zu wollen. Er hatte Angst, vor seinem Vierbeiner zu sterben.

Aber er war unglücklich ohne Hund?
Ja. Die Familie beobachtete ein ganzes Jahr lang, wie er täglich seine weiten Spaziergänge ohne Hund unternahm. Es fehlte ihm einfach etwas. Zusammen mit meinem Bruder Rupert besorgte ich deshalb einen Welpen, einen braun-weiß-gescheckten Wachtelhund, wie er früher gern einen gehabt hätte. Auf die Gefahr hin, dass unser lebendes Präsent abgewiesen würde, legten wir ihm das kleine Hündchen auf den Schoss und ich versprach, mich darum zu kümmern, falls es nötig werden würde. Noch nie, wirklich nie, habe ich meinen Vater so glücklich gesehen. Die beiden waren gut zehn Jahre lang unzertrennlich. Nach Vaters Tod hat "Meise" noch zwei Jahre in meiner Obhut gelebt.

Insgesamt hat Ihr Vater acht Tagebücher geschrieben, aber nur eines haben Sie jetzt veröffentlicht. Warum?
Ich habe das Buch aus den Jahren 1964 bis 1983 veröffentlicht, weil ich das mit der Maschine getippte Werk einfach viel besser entziffern konnte als die älteren, die mit der Hand in alter deutscher Schrift verfasst sind.

Welche Erzählungen fanden Sie besonders interessant?
Zum Beispiel die, in der er erzählt, wie man nach dem Krieg gejagt hat. Damals durfte man keine Waffen führen, auch als Jäger nicht. Also sind die Rüdenhäuser mit der Saufeder - einer Art Spieß - losgezogen.

Gab es auch etwas, das Ihren Vater wütend machte?
Wilderer! In den 60er Jahren verbrachte er einige Nächte im Wald, abwechselnd mit Förstern und Polizisten, bis man den Wilddieben auf die Schliche kam. Außerdem hasste er es, wenn sich jemand im Ausland einen Abschuss erkaufte. Deshalb war er international aktiv - zum Beispiel in der deutschen Delegation der Internationalen Vereinigung zur Rettung wild lebender Tiere, kurz CIC.

Wann und warum hat er beschlossen, nicht mehr auf die Jagd zu gehen?
Das war nach dem Orkan Wiebke, da war er Mitte 70. Wiebke hatte für große Zerstörung im Revier gesorgt. Für meinen Vater ist damals eine Welt zusammengebrochen. Das, was er immer versucht hatte - das Gleichgewicht zwischen Wald und Wild auf natürliche Art herzustellen - , ging nun nicht mehr; es wurden Zäune zur Wiederaufforstung gebaut und Abschusszahlen erhöht. Das war nicht mehr seine Welt. Im Alter zehrte er von seinen niedergeschriebenen Erinnerungen. Und er konnte zu jedem Geweih an der Wand seines Arbeitszimmers - und es waren nicht wenige - eine Geschichte erzählen.


Info: "Jagdtagebuch", Röll-Verlag, 39,90 Euro, ISBN 978-3-89754-483-3, karl@castell-ruedenhausen.de oder Tel. 09383/ 7044


Zur Person :

Siegfried Fürst zu Castell-Rüdenhausen (1916 - 2007) trat zeitlebens für eine waidgerechte Jagd ein, für würdevollen Umgang mit dem Wild. Nach dem Zweiten Weltkrieg half er, das deutsche Jagdwesen neu zu ordnen. Er baute den Bayerischen Jagdverband (BJV) mit auf, indem er drei verschiedene bayerische Jägerschaften einte, und war dessen erster Präsident. 1958 trat unter seiner Führung ein neues Jagdgesetz in Kraft, das unter anderem die Pflichttrophäenschau und das Jagdhundewesen ordnete.
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