Arberg
Sommerserie (2)

Letzte Ruhe und Schiff ahoi

Unweit des Altmühlsees bei Gunzenhausen erleben wir die Trauer um den besten Freund des Menschen auf eindrucksvolle Weise. Das Gewässer selbst zeigt sich an diesem heißen Tag sehr geruhsam. Es erfüllt zwei wichtige Aufgaben.
Artikel drucken Artikel einbetten
Alfred Amslinger am Steuer der MS Altmühl Foto: Ronald Rinklef
Alfred Amslinger am Steuer der MS Altmühl Foto: Ronald Rinklef
+25 Bilder

Nein, da ist nichts mehr. Vor allem kein Weg. Fotograf Ronald Rinklef und ich laufen über das eingezäunte Areal am Rand eines Wäldchens, etwa so groß wie ein halber Fußballplatz. Das verzinkte Tor war nicht abgeschlossen. Beinhohe Gräser und Wildkräuter haben sich die Fläche zurückgeholt. Ein paar etwa acht Meter hohe Lebensbäume wirken wie Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit.

Hier ist er also, der Tierfriedhof am Altmühlsee. Die Karte im Internet hatte darauf hingewiesen, an der Stelle, wo unser Pfeil beim Spicken gelandet war.

"Keine Ahnung, warum die Nachbarn das aufgegeben haben", hatte uns Josef Heumann bei unserem Eintreffen in Oberschönau (Kreis Ansbach) erzählt. 30 Einwohner hat der kleine Ort. Man kennt sich. Die Betreiber des Tierfriedhofs seien weggezogen. Der Sohn habe das Wohnhaus im Ort übernommen. An diesem Vormittag ist er allerdings nicht anzutreffen. "Ich glaube, der Friedhof war ein Geschäftsmodell", erzählt der Oberschönauer weiter. Er sei genehmigt gewesen, jährlich seien 20 bis 30 Tiere bestattet worden. Seit zwei Jahren sei aber Schluss, warum auch immer.

"Was hängst Du Dich denn da so hin?"

Wir stehen zwischen Gräsern, Heuschrecken und Mäuselöchern und wollen das überwucherte Areal gerade verlassen, da fährt ein Auto an den hinteren Rand der Einzäunung. Zwei ältere Herrschaften steigen aus. Sie treten durch das zweite Tor ein. In den Händen Eimer, Rechen und ein Wassergefäß. Jetzt erst sehen wir: Da ist noch ein Grab. "Mandy" ist auf dem Schild zwischen einer Thuja und ein paar Blumen in Töpfen zu lesen. Der Rasen ringsherum scheint regelmäßig gemäht.

"Sie war ein Bild von einem Hund", erzählt die Frau. Edeltraud Kelsch und ihr Mann Herbert haben hier im Februar 1996 ihre Schäferhündin begraben. "Wir wohnen in Ansbach. Es gab damals keine anderen Tierfriedhöfe." Der Hund sei ganz überraschend gestorben, zehneinhalb Jahre alt. "Das war furchtbar für mich. Sie war ein Familienmitglied", sagt Edeltraud Kelsch mit versteinerter Miene.

Es ist nicht so, dass die Kelschs sonst keine Familienmitglieder hätten. Sohn und Tochter haben auch schon längst Kinder. "Was hängst Du Dich denn da so hin?", erzählt Edeltraud Kelsch, werde sie immer wieder mal gefragt. "Das Ganze ist ein wenig umstritten", sagt ihr Mann sanft, fast ein wenig entschuldigend. "Tierliebe über den Tod hinaus oder nicht? Aber wenn wir ihn hier nicht beerdigt hätten, wäre unser Hund einfach ,entsorgt‘ worden."

Friedhof bleibt bis zum Lebensende

Wunderschön sei der Friedhof früher gewesen, immer gemäht. Jetzt soll wieder Wald angepflanzt werden. "Die Eigentümerin hat uns versprochen, dass wir das Grab, solange wir leben, noch pflegen können", berichtet Frau Kelsch. Alle 14 Tage kämen Sie hierher. "Wir fahren gleichzeitig immer an den Altmühlsee. Das verdanken wir unserem Hund."

Auch wir machen uns auf den Weg Richtung See. Bei Mörsach treffen wir auf den fünf Kilometer langen Altmühlseezuleiter. Wie ein Kanal verbindet dieser die Altmühl mit dem See. Einige hundert Meter mit dem Auto am Zuleiter entlang treffen wir bei Streudorf auf eine Brücke mit Wehr. Wenn die Altmühl Hochwasser führt, werden die Schleusen geöffnet und das Wasser fließt in den See.

"Das Wasserwirtschaftsamt Ansbach steuert das alles", erklärt uns Hilde Bickel. Mittlerweile sind wir im Altmühlsee-Informationszentrum in Muhr am See angekommen. Touristikangestellte Bickel von der Gemeinde kümmert sich hier montags bis freitags um die Fragen der Gäste, die den Altmühlsee im Fränkischen Seenland ansteuern. Ebenso wie der Brombachsee sei der Altmühlsee künstlich angelegt worden, von 1975 bis 1986. Beide Seen, elf Kilometer voneinander entfernt, seien miteinander verbunden, teilweise unterirdisch.

Wasser für Franken

Bickel geht mit uns ins Nachbargebäude. Dort befindet sich die Umweltstation des Landesbundes für Vogelschutz (LBV). Hier steht eine Modelllandschaft mit Flüssen, Bergen und Tälern. Zusammen mit den beiden LBV-Bundesfreiwilligen-Mädels Lea Kießling und Nina Luicke drückt sie abwechselnd ein paar Knöpfe. Kleine Lichter in der Landschaft leuchten auf. "Sehen Sie, so fließt das Wasser bei Trockenheit aus dem Altmühlsee über den Kleinen und Großen Brombachsee ins Regnitz-Main-Gebiet", sagt Bickel. "Und jetzt drückt mal ihr", fordert sie die LBV-Mädels auf. Eine andere Lichterkette blinkt - von Kelheim über den Main-Donau-Kanal bis zum Rothsee. "Hier wird Donauwasser nach Franken geleitet, völlig getrennt von der anderen Verbindung."

Jetzt geht's an Bord

Beeindruckt machen wir uns auf den Weg zum Seeufer. Wir wollen aufs Schiff, die MS Altmühl. Es ist 13 Uhr. Die Sonne brennt bei 35 Grad. Am Altmühlsee ist es ruhig, sehr ruhig. Nichts ist auf dem See zu sehen, die Segelboote liegen reglos im Hafen. Nur ein Blässhuhn zieht 20 Meter entfernt seine Bahn. Muhr am See ist eine von fünf Anlegestellen der MS Altmühl. Wir sind die einzigen an der Haltestelle. Acht Minuten später taucht das Schiff auf. Es legt an. Wir dürfen mitfahren, sagen Kapitän Alfred Amslinger und Servicekraft Kornelia Wechsler. Der 61-jährige Schiffführer fährt hin und wieder aushilfsweise. "Ich bin eigentlich Gästeführer im Seenland und Altmühltal." Das Schiff mit seiner Kapazität von 120 Gästen ist fast leer. "Jetzt habe ich Hunger", sagt Amslinger bald und geht zwei Haltestellen später von Bord. Kollege Rüdiger Schmidt übernimmt. "Das Problem sind die Algen, schon seit Jahren", sagt dieser. Das schrecke Badende ab. "Der See hat im Moment 28 Grad."

Den Vögeln auf der Vogelinsel im See ist es egal. Seltene Exemplare brüten und rasten hier. Hätten wir doch nur ein Fernglas mitgenommen.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren