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Wiesentheid
Interview

Superfood: Werbung oder Wahrheit?

Apothekerin aus Franken verrät, weshalb es ihr das Herz bricht, wenn Knoblauch stundenlang in der Pfanne schmoren muss.
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Apothekerin Anja Fahrmeier schaut ganz genau hin. Ist Superfood wirklich super? Diana Fuchs
Apothekerin Anja Fahrmeier schaut ganz genau hin. Ist Superfood wirklich super? Diana Fuchs
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S ie sollen schön machen, vital und leistungsfähig. Und am besten noch Krankheiten wie Krebs, Kreislauf- und Herzleiden vorbeugen. Aber machen "Superfoods" ihrem Namen auch wirklich Ehre? Fakt ist: Der Markt für meist exotische Pflanzen und Früchte wie Açai, Goji oder Chia explodiert regelrecht, "Superfood"-Produkte wie Säfte, Pulver für Smoothies, Kapseln und Pillen gibt es mittlerweile nicht nur in Reformhäusern und Feinkostläden, sondern in jedem Discounter und jeder Drogerie. Apothekerin Anja Fahrmeier begegnet dem Hype mit gesundem Menschenverstand und viel Fachwissen.

Was genau bedeutet der Begriff "Superfood"?
Anja Fahrmeier: Den Begriff Superfood hat die Lebensmittel-Branche erfunden. Er soll suggerieren: Diese Nahrung ist super. Vor gut zehn Jahren hat die EU verboten, mit der gesundheitsfördernden Wirkung einzelner Lebensmittel zu werben - es sei denn, der Nutzen ist von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit geprüft worden und wissenschaftlich nachgewiesen. Eine solche Prüfung ist aber ein langwieriges und teures Unterfangen. Deshalb umgehen viele Nahrungsmittel-Konzerne diesen Weg und setzen lieber auf zugkräftige Worte wie "Superfood". Der Begriff ist nicht geschützt, eine genaue Definition gibt es nicht.

Warum fahren viele Menschen trotzdem so auf den Begriff ab?
Weil er so wunderbar klingt, nehme ich an. Wäre doch toll, wenn es ein "Superfood" gäbe, das man einfach nur zu sich nimmt - und alles ist gut. Wäre doch toll, wenn man täglich Schweinebraten mit Klößen essen könnte und trotzdem jugendliche Cholesterin-Werte hätte...

Das geht also nicht? So nach dem Motto: Ich esse täglich eine Handvoll Goji-Beeren und bin für immer kerngesund?
Nein, das klappt so nicht. So einen Heilsbringer für Faule gibt es nicht. Wer allerdings auf Vielfalt und Qualität achtet, der kann seinem Körper viel Gutes tun.

Sie sehen "Superfoods" also nicht grundsätzlich negativ?
Nein, keinesfalls! Grundsätzlich ist es ja sehr gut, dass das Bewusstsein wächst, wie man sich "Medizin" aus der Natur holt. Es gibt wirklich tolle Lebensmittel, darunter Kräuter, Gewürze, Gräser und Pseudo-Getreide, die unsere Gesundheit aktiv fördern. Dazu gehören nicht nur Lebensmittel von weither, sondern auch welche aus unserer Region. Man muss halt aufpassen, wo was herkommt und wie es verarbeitet wurde. Denn überall, wo auf einmal viel Geld verdient wird, gibt es auch minderwertige Ware und menschliche Verlierer. Es geht darum, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Was meinen Sie mit "Spreu"?
Goji-Beeren zum Beispiel können extrem mit Pestiziden belastet sein. Auch andere "Superfoods" sind kürzlich bei einer Ökotest-Prüfung durchgefallen, sie waren mit Schwermetallen und Schimmelpilzen belastet. Zur gesundheitlichen Problematik kommt bei manchen exotischen Lebensmitteln eine ökologische dazu: Wildsammler der Camu-Camu-Beere gefährden mittlerweile eine ganze Region am Amazonas, wo die Beere wächst. Dort droht das ökologische System zusammenzubrechen.

Wenn man trotzdem gerne exotisches "Superfood" testen möchte, wie entkommt man dann diesem Dilemma?
Indem man sich genau anschaut, wo welches Produkt herkommt - oder es im Zweifelsfall selbst anbaut. Das klappt bei mehr Pflanzen, als man zunächst denkt. Ich habe zum Beispiel einen Aronia-Strauch im Garten. Im Herbst ernte ich die Beeren, esse sie roh und setze Aronia-Essig an. Auch Goji- und Schisandra-Beeren wachsen bei uns. Schisandra wird in der Traditionellen Chinesischen Medizin "Wu wei zi" genannt und spielt dort eine große Rolle. Sie gehört zu den wenigen Nahrungsmitteln der Welt, die alle fünf Geschmacksrichtungen aufweisen: Sie schmeckt süß und sauer, bitter, scharf und salzig. In der chinesischen Medizin heißt es, dass sie die Lebensenergie fördert.

Gibt es auch "Superfoods", die von Natur aus bei uns wachsen?
Jede Menge sogar. Die Aronia-Beere ist ein heimisches Apfelgewächs, das zwar aus Nordamerika stammt, aber längst bei uns in Deutschland zu Hause ist. Sie ist ein hervorragender Radikalen-Fänger. Die Beeren der Berberitze sind echte Vitaminbomben, auch getrocknet. Oder Leinsamen! Leinsamen ist reich an Omega-3-Fettsäuren und Lignanen, die Brust- und Prostatakrebs vorbeugen.

Dann sollte ich mir also ab und zu ein paar Leinsamenkörner übers Müsli oder in den Salat streuen?
Das würde nicht viel nützen! Der Körper würde die kleinen Leinsamen unverdaut wieder ausscheiden. Um an die wertvollen Lignane und Omega-3-Fettsäuren heranzukommen, muss man den Leinsamen vor dem Essen schroten, ebenso wie Chia.

Wenn man keine Mühle hat, könnte man die Körnchen dann nicht auch einfach einweichen?
Bei Leinsamen und Chia funktioniert das leider nicht. Bei Hanfkörnchen zum Beispiel schon. Nach einigen Tagen in Wasser eingeweicht, werden durch den Keimvorgang die Inhaltsstoffe mobilisiert. Man kann diese "Hanfsprossen" dann super in den Salat geben. Schmeckt gut und ist gesund. Das gilt übrigens auch für Vogelmiere, jungen Spinat und junge, frische Gierschblätter - ja, das "Unkraut" ist tatsächlich ein recht heilsames Kraut!

Kann man bei der Dosierung von "Superfoods" irgendwas falsch machen?
Die Novel-Food-Behörde hat tatsächlich Dosierungsbegrenzungen herausgegeben, die man nicht überschreiten sollte. Aber viele "Superfoods" sind im natürlichen Zustand sowieso nicht so lecker, so dass Überdosierungen unwahrscheinlich sind. Nehmen wir als Beispiel den Aronia-Saft. Der hat mehr Tannine und Gerbstoffe als Rotwein, so dass man freiwillig bestimmt keine fünf Gläser trinkt. Die Gefahr einer falschen Dosierung besteht vor allem bei Pulvern und Pillen, von denen ich ohnehin kein Freund bin. Die frische oder getrocknete Pflanze gesehen zu haben, ist mir ganz wichtig. Ich frage mich oft, welche Wirkung getrocknete, haltbar gemachte und pulverisierte Pflanzen noch haben sollen.

Haben Sie ein persönliches "Superfood", das Sie besonders schätzen?
Ja! Sehr gern mag ich Pilze und Vitalpilze. Einige habe ich im getrockneten Zustand zuhause, aber mittlerweile gibt es einige auch frisch zu kaufen, zum Beispiel den Igelstachelbart oder den Shitake, die seit Jahrhunderten zum Bespiel in der Traditionellen Chinesischen Medizin zum Einsatz kommen. Die getrockneten Vitalpilze weiche ich ein, schneide sie klein und vermenge sie mit Gemüsereis - ein Gedicht. Und ich liebe frischen Knoblauch! Mit der "Knobi-Leidenschaft" habe ich schon meine ganze Familie angesteckt. Hätte ich keine Kollegen, würde ich wahrscheinlich jeden Tag frischen Knoblauch essen. Ich glaube, ohne könnte ich gar nicht mehr leben. Der Knoblauch ist ein echter Alleskönner, er kann sogar Schwermetalle aus dem Körper ausleiten.

Würzen Sie damit Ihre Speisen oder essen Sie den Knoblauch roh?
Ich mag beides. Besonders liebe ich Spaghetti mit Knoblauch und Öl. Allerdings würde es mir das Herz brechen, wenn ich ihn - wie viele Menschen - schon gleich zu Beginn des Kochens in der Pfanne anrösten würde. Ich möchte ihn ganz frisch und unbehandelt genießen. Deshalb nehme ich den Topf mit der fertigen Tomatensoße vom Herd und gebe den Knoblauch frisch geschnitten hinein. Das riecht man dann natürlich auch. (lacht)


Zur Person: Anja Fahrmeier, Apothekerin aus Dettelbach (Unterfranken), hat sich intensiv mit verschiedensten Studien über "Superfood" befasst und weiß, dass nur wenige wissenschaftlich stichhaltig sind. Persönlich ernährt sich die 46-Jährige seit langem bevorzugt regional und saisonal. "Das ist aber kein Dogma. Ich nehme auch manche importierten Lebensmittel zu mir, wenn sie ökologisch vertretbar produziert und angeliefert wurden." Auf ihren täglichen Liter grünen Tee beispielsweise möchte sie nicht verzichten. "Ich schwöre auf seine Antioxidantien."
Vortrag: Am Montag, 14. Mai, lädt die Marien-Apotheke Wiesentheid ab 19 Uhr zu dem Vortrag "Alles super - oder was?" ins historische Pfarrhaus von Wiesentheid ein. Als Wegweiserin durch den "Superfood"-Dschungel wird Anja Fahrmeier über Lebensmittel und ihren Mehrwert informieren. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird unter Tel. 09383/ 97310 gebeten.