Grafenrheinfeld
Tennet

Steinzeit-Gräber bremsen in Grafenrheinfeld Tennet aus

Ausgerechnet die Steinzeit bremst ein Großprojekt des Netzbetreibers Tennet für die Zukunft der Stromversorgung aus. 4500 Jahre alte Gräber bei Schweinfurt sind eine Sensation für die Wissenschaft.
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Stefanie Berg-Hobohm (Dritte von rechts) ist begeistert: Die Steinzeit-Gräber auf der Baustelle des neuen Umspannwerkes bei Schweinfurt öffnen ein Fenster in die Zeit vor 4500 Jahren. Fotos: Günter Flegel
Stefanie Berg-Hobohm (Dritte von rechts) ist begeistert: Die Steinzeit-Gräber auf der Baustelle des neuen Umspannwerkes bei Schweinfurt öffnen ein Fenster in die Zeit vor 4500 Jahren. Fotos: Günter Flegel
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Dass die Energiewende zu einem Knochenjob werden kann, wissen die Mitarbeiter von Tennet, seit in Unterfranken tausende Bürger gegen neue Hochspannungsleitungen" protestieren. Jetzt hat es der Netzbetreiber tatsächlich mit Knochen zu tun: Ein Gräberfeld aus der Steinzeit hat die Bauarbeiten für ein neues Umspannwerk ausgebremst.

Es ist eine spektakuläre Zeitreise auf dem Acker bei Grafenrheinfeld: Im Schlamm stapft man aus der Steinzeit über das Atomzeitalter direkt in die Ära der "Erneuerbaren". Tennet hat hier das Baufeld für die Zukunft der Energieversorgung abgesteckt - in Sichtweite des Kernkraftwerks, dessen Kühltürme bald ein Symbol für die Vergangenheit sein werden. Die Kernkraft macht sich vom Acker.

Dass das nicht ganz so schnell geht, wie das die Politik fordert (ein Großteil der Politik jedenfalls) und Tennet gerne hätte, liegt an dem, was im Schlamm schlummert: 26 Leichen. Die stammen aus einer Zeit, als die Energieversorgung für die Menschen eine Frage von Leben oder Tod war: Gibt es genug Holz für das Feuer, genug Energie (Nahrung) für Mensch und Tier?

Fenster in die Vergangenheit

Die Leichen, die Tennet auf dem Flurstück mit dem grausigen Namen Galgenellern sozusagen im Keller hat, sind eine archäologische Sensation: Es handelt sich bayernweit um das zweitgrößte Gräberfeld aus der Zeit der "Schnurkeramik" (2800 bis 2300 vor Christus), die den Übergang von der Steinzeit in die Bronzezeit markiert.
Nur ein paar Kilometer weiter sorgte vor einigen Jahren ein ähnlicher, noch größerer Fund für Aufsehen: Was man heute über diese Phase der Besiedlung Mitteleuropas weiß, hat man vor allem aus den Knochen und Scherben in Unterfranken gelernt. "Das ist eine Fundgrube für die Wissenschaft", sagt Stefanie Berg-Hobohm, die das Graben auf dem Gräberfeld im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege leitet. In höchster Not. "Diese Fundstelle wird durch den Bau des Umspannwerkes für immer zerstört", sagt die Archäologin vor Ort.

Tennet muss aus technischen Gründen an dieser Stelle in Rufweite des Kernkraftwerkes bauen und das wellige Gelände einebnen. "Bis zu acht Meter tief wird der Boden abgetragen", sagt Markus Lieberknecht, der Sprecher des staatlichen niederländischen Energieunternehmens mit Sitz in Bayreuth.

100 Millionen Euro plus X

Auf das steinzeitlicher Gräberfeld stießen die Baufirmen bei ersten Erdarbeiten - bis dahin war Galgenellern ein Acker wie jeder andere. Das Denkmalschutzgesetz verpflichtet Bauherren, alles zu tun, damit solche Funde erhalten werden; geht das nicht wie in diesem Fall, müssen die Zeugen der Vergangenheit erfasst, kartografiert und geborgen werden; die Kosten trägt Tennet als "Zustandsstörer".

Das macht zwar bei einer Investition von rund 100 Millionen Euro für das neue Umspannwerk "das Kraut nicht fett"; lästig aber ist die Verzögerung. Tennet braucht die Schaltanlage, um das Stromnetz zu stabilisieren, das nach dem Wegfall der gewaltigen Leistung des Atommeilers unberechenbarer wird.

Unberechenbar: Das Stichwort passt zur Energiewende, nicht nur wegen der politischen Wendungen. Wenn man bei Tennet daran denkt, hunderte Kilometer Hochspannungsleitungen in der geschichtsträchtigen fränkischen Erde zu verbuddeln, ahnt man, dass der wahre Knochenjob erst noch vor den Strippenziehern liegt. Wer weiß, was im Boden schlummert!
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