Schweinfurt
Fußball

Restrunde des FC 05 wird zur Casting-Show

Die Schweinfurter wollen in der Regionalliga Bayern Zweiter werden und nächste Saison keine Angst vor überraschender Konkurrenz haben.
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Hand drauf: Trainer Timo Wenzel und Sportleiter Björn Schlicke wollen den FC 05 Schweinfurt am Saisonende wenigstens noch auf Platz zwei sehen. Michael Bauer
Hand drauf: Trainer Timo Wenzel und Sportleiter Björn Schlicke wollen den FC 05 Schweinfurt am Saisonende wenigstens noch auf Platz zwei sehen. Michael Bauer

Wie gestaltet sich das zwölf Spiele währende Saisonfinale für eine Mannschaft, die als Dritter vermeintlich gut dasteht, den Ersten aber nur mit dem Fernglas erhaschen kann? Schwierig, möchte man meinen. "Eine Charakterprüfung" nennt es Björn Schlicke, der neue Sportleiter des FC 05 Schweinfurt - der sich just in dieser Situation befindet. Mit Platz zwei hinter Bayern München II und der damit verbundenen Qualifikation für den DFB-Pokal-Wettbewerb gibt es wenigstens ein sportliches Ziel der Klasse 1b. Doch bevor es für die Schweinfurter am 2. März gegen den FC Augsburg II ernst wird in der Regionalliga Bayern, steht erst noch an diesem Samstag (14 Uhr) ein letzter Test gegen den Bayernligisten ATSV Erlangen auf dem Programm. "Da wollen wir auch Tore schießen", legt Trainer Timo Wenzel den Fokus primär aufs Offensivspiel.

Wohlwissend, dass das keine ganz so einfache Aufgabe wird: "Der Gegner wird sehr tief stehen. Dennoch wollen wir offensive Laufwege trainieren und Bälle hinter die Kette spielen." Da ist Erlangen ein gar nicht so schlechter Gradmesser für die Restrunde, weil sich gegen den FC 05 ja viele Kontrahenten aufs Verteidigen beschränken. Dumm nur: Es wird kaum die Wunschelf nächster Woche auflaufen, dazu sind aktuell zu viele Spieler angeschlagen. Florian Trinks (Entzündung im Sprunggelenk), Marco Fritscher (Trainingsrückstand nach OP), Vincent Waigand (rekonvaleszent) und Ronny Philp (Wade) werden fehlen, ein Fragezeichen steht hinter Steffen Krautschneider (Bauchmuskelzerrung). Bis zum Augsburg-Spiel soll der Kader weitgehend komplett sein. Schlicke und Wenzel sprechen von einer sehr guten Vorbereitung und gehen optimistisch in die Restrunde - davon ausgehend, das Fehlerquellen aus dem alten Jahr auch auf dem Platz der Vergangenheit angehören.

Der Ist-Zustand

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Man habe im Training einen guten Zug in den Einheiten verspüren können, so Wenzel. Natürlich trüben die zahlreichen Verletzten das Bild, "aber wir machen insgesamt einen frischeren Eindruck". Nach den harten Trainingswochen und dem Leistungstief bei den Tests in Abtswind (2:1) und in Ulm (0:2) hat die Mannschaft mit der starken Leistung beim 1:1 gegen Südwest-Regionalligist Elversberg die Kurve zunächst gekriegt. Zusammenspiel, Umschaltbewegung, Unterbinden von Kontern, körperliche Präsenz, Zweikampfverhalten - da hat alles außer Toreschießen funktioniert.

Wenzel ist begeistert vom einzigen Winter-Neuzugang: "Nicolas Andermatt ist ein guter Stabilisator vor der Abwehr." Schlicke macht einen sichtbaren Schritt nach vorn aus: "Die Spieler wirken seit dem Aha-Erlebnis von Ulm deutlich griffiger." Offenbar haben die Akteure registriert, dass es noch um etwas geht - und auch, warum nicht um viel mehr: "Die Mannschaft präsentiert sich um diese zehn Prozent verbessert, die in der bisherigen Runde oft gefehlt haben" - jene Prozentpunkte also, die aus vielen greifbaren Siegen letztlich elf Unentschieden hat herauskommen lassen. Und neun Punkte Rückstand auf den Tabellenzweiten Eichstätt.

Die Aussicht

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Das Ziel wurde mit Platz zwei klar formuliert. Schließlich sind Einnahmen aus der DFB-Pokal-Hauptrunde bereits eingerechnet in die Etat-Planung für 2019/20. Aber neun Punkte in zwölf Spielen aufzuholen, ist kein Selbstläufer. Selbst zwölf Siege wären keine Garantie, da Eichstätt sich nach durchschnittlichem Auftakt zuletzt als konstant erwiesen und bei Liga-Primus Bayern II mit 3:0 gewonnen hat. Zur Erinnerung: Der FC 05 ging da mit 0:4 unter. Björn Schlicke erwartet, dass die Schweinfurter zumindest ihren Teil zur Aufholjagd verlässlich beisteuern: "Die Spieler müssen das als Casting sehen. Zwölf Spiele lang hat jeder die Möglichkeit, zu zeigen, wie er sich anbieten möchte. Ich will die Geilheit auf Siege sehen, auf dem Platz Wille spüren. Ob wir Platz zwei noch schaffen, ist auch eine Charakterfrage."

Was wurde vor der Pause nicht alles diskutiert über mangelnde Einstellung, das Dilemma, nach kleinen Rückschlägen zu schnell die Köpfe hängen zu lassen. Über Abschluss-Schwäche und arglos liegen gelassene Punkte. Das chronische Abwiegeln stellte sich spätestens mit dem 0:4 in München als fatal heraus. Anstatt die Defizite in einem Big-Point-Spiel vergessen zu machen, manövrierte sich der FC 05 in eine beinahe aussichtslose Situation. Timo Wenzel arbeitete alle Baustellen in den letzten Wochen akribisch auf, strapazierte die Nerven seiner Spieler mit langen Videoanalysen.

Der Coach versuchte, mehr Variantenreichtum in die spielbaren Systeme hinein zu bringen, verwarf dieses Vorhaben aber nach dem wenig erfolgversprechenden Versuch in Abtswind: "Man muss schauen, dass man den Spielern nicht zu viele Informationen mit auf den Weg gibt. Es sind nicht alle in der Jugendzeit auf dem gleichen taktischen Niveau ausgebildet worden." Es wird also beim 4-4-2 oder 4-2-3-1 bleiben. Auch, weil die Konteranfälligkeit groß war und die Mannschaft erst einmal Sicherheit gewinnen soll.

Alle Baustellen sind nach der Vorbereitung nicht vom Tisch. Beispiel eins: Der FC 05 schießt zu wenige Tore. Wenzel fordert "mehr Entschlossenheit, aus 18 oder 20 Metern Entfernung einfach drauf zu halten". Beispiel zwei: Der FC 05 hat im Kader keinen Linksverteidiger mit starkem linken Fuß. Das Experiment, Kevin Fery als besten Linksfuß links hinten spielen zu lassen, war beim 1:1 gegen Buchbach gescheitert. Beispiel drei: Auch links offensiv fehlt nach wie vor ein Linksfuß, der Flanken aus vollem Lauf nach innen ziehen kann. Schlicke: "Wir lassen da eine gute Option auf Tore liegen, denn wenn Adam Jabiri in der Sturmmitte Bälle auf den Kopf bekommt, wird's immer gefährlich.

Dritte Liga in der nächste Saison?

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Bisher war die Rechnung der Schweinfurter simpel: Die Würzburger Kickers und der TSV 1860 München bleiben in der Dritten Liga, der FC Bayern München II steigt als designierter Meister dorthin auf. Wer soll dann dem FC 05 in der Spielzeit 2019/20, in der auch noch der Bayern-Meister direkt aufsteigt, gefährlich werden? Doch plötzlich sieht das etwas anders aus. Die kleinen Bayern haben sich als längst nicht so konstant erwiesen, dass einen Relegationserfolg selbstverständlich ist. Die Löwen kommen in der Dritten Liga immer mehr in die Bredouille. Und in der Bayernliga Süd muckt eine Mannschaft auf, der Titel und Regionalliga-Aufstieg kaum noch zu nehmen sind - und die gleich mal Ansprüche auf den Durchmarsch anmeldet: der SV Türkgücü-Ataspor München. Die Münchner wollen sich mit dem Nordost-Regionalligisten Berliner AK um ein von Turkish Airlines für den ersten türkischen Klub im Profifußball ausgelobtes Investment-Paket balgen - und haben für den Aufstiegsfall den Ex-Sechziger Reiner Maurer als Trainer verpflichtet.

Kein weiterer Geldsegen

Schlicke hat es mit Grummeln registriert, sagt aber: "Beim FC 05 hat man in der Vergangenheit zu viel auf Andere geschaut." Schlicke hat die Dritte Liga zum Ziel ausgegeben - "und dann müssen wir unsere Hausaufgaben machen. Türkgücü hat eine gute Bayernliga-Mannschaft, aber Regionalliga ist noch einmal eine andere Hausnummer. Wir haben hier in Schweinfurt die Strukturen, um hoch zu gehen." Auf Biegen und Brechen solle der Aufstieg nächste Saison nicht erzwungen werden. Präsident und Hauptsponsor Markus Wolf hat bereits signalisiert, sein persönliches Engagement nicht ausweiten zu wollen. Weitere Geldgeber in seiner Größenordnung sind nicht in Sicht. Schlicke verspricht - und für die Umsetzung hat man ihn zum 1. Januar dieses Jahr auch als Sportleiter eingestellt - aber "eine schlagkräftige Mannschaft".Michael Bauer

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