Schweinfurt
Politik

Sektenähnlich und mit kollektiver Psychose: AfD-Aussteigerin hält Partei für "unwiderruflich verloren"

Während sich in der Ufra-Messehalle in Schweinfurt die Unterstützer der AfD trafen, sprach nur 2000 Meter weiter Franziska Schreiber ihren ehemaligen Parteikollegen ein vernichtendes Urteil aus.
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Zwei führende Köpfe der AfD: Alexander Gauland (l) und Jörg Meuthen. Ihre ehemalige Parteikollegin  Franziska Schreiber sparte bei einer Lesung in Schweinfurt nicht an Kritik an der Partei und ihrem Führungskader. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Zwei führende Köpfe der AfD: Alexander Gauland (l) und Jörg Meuthen. Ihre ehemalige Parteikollegin Franziska Schreiber sparte bei einer Lesung in Schweinfurt nicht an Kritik an der Partei und ihrem Führungskader. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Franziska Schreiber trat 2013 in die AfD ein. Die Dresdnerin war damals 23 Jahre alt und die AfD unter dem wirtschaftsliberalen Hochschulprofessor Bernd Lucke noch eine europakritische Gruppierung; fünf Jahre später geben in der AfD völkische Nationalisten den Ton an. So sieht es jedenfalls Schreiber, die einst Vorsitzende der Jungen Alternative in Sachsen und im Bundesvorstand des AfD-Nachwuchses war und kurz vor der Bundestagswahl 2017 der AfD wegen der innerparteilichen Entwicklung den Rücken kehrte. Nun gewährte sie in Schweinfurt Einblicke in das Innenleben der AfD, die aus ihrer Sicht "unwiderruflich verloren" ist.

Rund 70 Interessierte folgten der Einladung des Bündnisses "Schweinfurt ist bunt" ins Pfarrzentrum St. Kilian, wo Schreiber aus ihrem Enthüllungsbuch "Inside AfD" las. Ihre ehemaligen Parteifreunde trafen sich zeitgleich keine 2000 Meter entfernt. In der Ufra-Messehalle fand eine Wahlkampfveranstaltung der Unterfranken-AfD mit Jörg Meuthen statt.

Der Einfluss der Höcke-Getreuen

Über zwei Stunden warteten die rund 200 Besucher im Festzelt auf den Co-Parteichef. Bevor Meuthen ans Mikrofon trat, durften erst Kandidaten aus der Region, der bayerische AfD-Chef Martin Sichert sowie Andreas Kalbitz, Fraktionsvorsitzender in Brandenburg, Reden halten. Letzterer wurde von zwei jungen Frauen unterbrochen, die "Nazis raus" riefen. Ein Ordner brachte die beiden aus dem Zelt, wütende Pfiffe und "Verpisst euch"-Rufe begleiteten sie.

Mit ihrem Enthüllungsbuch zur AfD will Schreiber aufwecken.

Nein, als "Nazis" wollen AfDler auf keinen Fall bezeichnet werden. In seiner Partei seien keine Nazis, sollte Meuthen später sagen. Für Schreiber besteht die AfD dagegen "zu 15 Prozent aus Neonazis, 20 Prozent Nationalromantischen mit Kaiserreichsaffinität und 15 Prozent Mitläufern". Dem stehe ein zerstrittenes gemäßigtes Lager gegenüber. Der rechtsnationale Flügel um Björn Höcke, den Schreiber als "überzeugten Nationalsozialisten" bezeichnet, stelle "in absoluten Zahlen den stärksten zusammenhängenden Teil der Anhängerschaft". Mit entsprechend großem Einfluss: "Wer in der AfD was werden will, braucht den Segen von Höcke."

Meuthen schimpft auf Markus Söder

Im Gegensatz zu Höcke sei Meuthen "kein Überzeugungstäter", so Schreiber. "Die Partei ersetzt seinen Hörsaal." Der Professor wolle, dass man ihm applaudiert. Bei ihm habe sie "immer das Gefühl gehabt", er erkundige sich ständig, "wie er sprechen muss, damit ihn alle gern haben. Leider hat er es jetzt herausgefunden."

"Wir brauchen eine Festung Europa", rief Meuthen einen Katzensprung entfernt ins Mikrofon. Aufbrandender Applaus. Und er teilte gegen alle etablierten Parteien aus. Merkel habe das Land verraten, die SPD sei nur am Machterhalt interessiert. "Ein Intelligenzquotient von 150 ist eine super Sache, nur blöd wenn ihn sich eine ganze Partei teilen muss", polterte Meuthen über die Grünen. Die Grenzpolitik der CSU kritisierte er scharf und heizte damit die Stimmung auf. "Blöd, blöder, Söder", schimpfte Meuthen und sorgte so für "AfD"-Sprechchöre.

Wie passt eine solche Rhetorik zu einem sonst seriös erscheinenden Wirtschaftsprofessor? In der AfD seien Funktionäre "Getriebene", meint Schreiber. Die Basis schätze "die derbe Rede", die "klaren, scharfen Töne". Sie gelten laut Schreiber als Beweis dafür, dass jemand "nicht auf Linie" ist. "Wer sich gemäßigt ausdrückt, ist verdächtig."

Schreiber: Die AfD ist "sektenähnlich"

Ständiges Misstrauen gegenüber Freund und Feind und das Mantra "Alle sind gegen uns" seien in der Partei allgegenwärtig. Die AfD befindet sich laut Schreiber in einer "kollektiven Psychose". "Wer nur umgeben von AfD-Leuten ist, lebt in einer eigenen Welt. Die Außenwelt wird nur durch einen Filter wahrgenommen." Als "sektenähnlich" bezeichnet sie die Partei, Endzeitszenario inklusive. Ihre Realität bilde die AfD vor allem virtuell ab - bei Facebook. Als sie noch in der AfD war, habe sie in dem sozialen Netzwerk 2000 AfD-Freunde gehabt. Die Folge: Ihre Facebook-Startseite "las sich so ausgewogen wie ,Der Stürmer"". Nur Meldungen von kriminellen Ausländern, vergewaltigenden Flüchtlingen und versagenden Politikern.

Bei Meuthen klang das in Schweinfurt so: Man müsse die Grenzen schließen, damit wieder Ordnung herrsche. Migranten nach ein paar Jahren abzuschieben, sei nicht human. Seine Partei wolle sie erst gar nicht reinlassen. "Wenn sie wissen, dass die Grenzen dicht sind, werden sie auch nicht im Mittelmeer ertrinken", so Meuthen. "Wir sind nicht fremdenfeindlich sondern gegen feindliche Fremde", sagte er und bemühte sich anschließend, zu zeigen, dass es für die AfD auch andere Themen als die "illegale Einwanderung" gebe.

Kein Konzept bei der Rente

"Nicht wir, sondern die anderen sind Ein-Themen-Parteien. Ihr einziges Thema ist nämlich die AfD", so Meuthen. Die direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild, Bargelderhalt, Staatsschuldentilgung, die Abschaffung des Rundfunkbeitrages und der Euro-Austritt seien Beispiele für AfD-Vorhaben.

Schreiber attestiert ihrer Ex-Partei indes einen Mangel an Positionen bei wichtigen Themen. "Sprechen Sie die AfD mal auf die Rentenfrage an", riet sie. Sechs Jahre nach ihrer Gründung habe die AfD hier noch immer kein Konzept und sei tief gespalten. Auf andere Fragen habe die Partei bisher bewusst keine Antworten formuliert. "Mir wurde immer gesagt: Es gibt Sachen, die schreibt man nicht ins Parteiprogramm, die tut man, wenn die historische Stunde gekommen ist."

Seit ihrem Austritt ist Schreiber geächtet in der AfD. Als "Polithure" und "Verräterin" wurde sie von einstigen Parteifreunden beschimpft. Einige gaben ihr gar den Rat, gut auf sich aufzupassen. Nach Veröffentlichung ihres Buches folgte der zweite Shitstorm. Dennoch ist die 28-Jährige - die die AfD als "unglaubwürdig" bezeichnet - mit sich im Reinen, geht offen mit ihrer Vergangenheit um. Ihre Hoffnung: "Die AfD spielt mit der Angst und die lässt sich nicht ewig aufrechterhalten", sagt sie. "Jedes Jahr, in dem der Kollaps Deutschlands ausbleibt", sei Zeit, die gegen die AfD spiele.

mit Nicolas Bettinger

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