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Schweinfurt
Strukturwandel

Schweinfurt hat gar keine Zeit für Krisen

In der unterfränkischen Industriemetropole Schweinfurt häufen sich die Hiobsbotschaften: Stellenabbau hier, Insolvenz da. Doch die Wachstumsdynamik ist ungebrochen und der Arbeitsmarkt überaus robust und stabil. Wie geht das? Die Kugellagerstadt rollt auf mehreren Achsen in die Zukunft.
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Rauchende Schornsteine haben das Bild von Schweinfurt geprägt. Der Strukturwandel hat auch das Stadtbild verändert. Auf unserem Bild qualmt nur noch der Schlot des Müllheizkraftwerks, das mehrere Großbetriebe mit Fernwärme versorgt. Foto: Günter Flegel
Rauchende Schornsteine haben das Bild von Schweinfurt geprägt. Der Strukturwandel hat auch das Stadtbild verändert. Auf unserem Bild qualmt nur noch der Schlot des Müllheizkraftwerks, das mehrere Großbetriebe mit Fernwärme versorgt. Foto: Günter Flegel
Krise? Das Wort hört man in Schweinfurt gar nicht gern, und man hat auch gar keine Zeit, sich mit Krisengedanken zu beschäftigen. Abzug der US-Armee, Stellenabbau bei den großen Firmen, Insolvenzen wie jüngst bei Maincor. In anderen Städten würden die Alarmsirenen schrillen. Nicht aber in Schweinfurt. Die Stadt am Main hat schon ganz andere, echte Krisen gemeistert.
Die wohl größte war eine historische, und ihrer wurde in diesen Tagen gedacht: Vor 70 Jahren legten amerikanische Bomber die unterfränkische Industriemetropole in Schutt und Asche.

Phönis aus der Asche

Doch selbst die Demontage der Maschinen nach Kriegsende zwang Schweinfurt nicht in die Knie. Und auch den Kahlschlag in der Metallindustrie in den 1990er Jahren überstand der Phönix aus der Asche.
Seither heißt es nicht mehr Krise in Schweinfurt, wenn es kriselt, sondern "Strukturwandel". Der trifft nicht nur die Stadt selbst, sondern - mehr oder weniger schmerzvoll - auch die Großbetriebe. Bei SKF und Schaeffler/FAG etwa, die zusammen mit ZF Sachs das Gros der mehr als 20.000 Industrie-Arbeitsplätze in der 52.000-Einwohner-Stadt bieten, fasst man sich selbstkritisch an die eigene Nase. "Es gibt Bereiche in unserem Unternehmen, da stimmt die Auslastung nicht", begründet SKF-Geschäftsführer Manfred Neubert, warum sich das Unternehmen bis 2018 von 500 der 4400 Mitarbeiter trennen will - "sozialverträglich", ohne Entlassungen. "Damit sichern wir langfristig den Standort", sagt der Deutschlandchef des Konzerns mit dem Stammsitz im schwedischen Göteborg.

Schlanker und innovativ

Ohne Entlassungen will auch FAG "schlanker" werden, sich von etwa einem Zehntel seiner 6000-köpfigen Belegschaft in Schweinfurt trennen. Das trifft die Automotive-Sparte und damit den Nerv nicht nur der unterfränkischen Großindustrie. "Bei der Radlager-Fertigung schreiben wir seit Jahren rote Zahlen", begründet ein Sprecher des Schaeffler-Konzerns in Herzogenaurach den Aderlass.
Dass damit eine Verlagerung eines Teils der Produktion nach Osteuropa verbunden ist, sieht man bei der IG Metall gar nicht gern. "Den Strukturwandel tragen wir mit, Kahlschläge um des Profits willen gehen mit uns gar nicht", sagt der Erste Bevollmächtigte Peter Kippes. Er verlangt von den Unternehmen, dass sie ihre Hausaufgaben machen, Zahlen auf den Tisch legen. "Wir ziehen an einem Strick, wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit am Standort Schweinfurt geht", sagt Kippes. Deshalb fordert die Gewerkschaft Investitionen in neue Produkte, vor allem aber auch in den Nachwuchs.

Kaserne als Bildungsschmiede

An diesem Punkt entscheidet sich der wundersame Umgang Schweinfurts mit Krisen: Der Stellenabbau läuft annährend synchron mit dem demografischen Wandel; auch die Agentur für Arbeit spricht trotz jüngster Hiobsbotschaften wie der Insolvenz des Rohrherstellers Maincor (600 Arbeitsplätze) von einem "robusten und stabilen" Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenzahlen haben sich in den letzten sieben Jahren halbiert, mit einer Quote von 3,5 Prozent ist nahezu Vollbeschäftigung erreicht.

Und auch den andernorts heftig diskutierten Fachkräftemangel sieht man in Schweinfurt gelassen. Nach dem Abzug der US-Armee 2014 soll auf dem weitläufigen Kasernengelände ein Campus für die Fachhochschule entstehen. Fachkräfte-Nachwuchs "im Eigenbau" und neue Dynamik für die Stadtentwicklung. Das ist ein Teil des Strukturwandels, "in dem wir eine Riesenchance sehen", sagt der Sprecher des Oberbürgermeisters, Martin Baldauf.

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