Grettstadt
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Ernst des Lebens hat viele Gesichter

Schulanfang, Herbstanfang, Ausbildungseinstieg: Heute beginnt für viele junge Menschen ein neuer Lebensabschnitt. Die Lehrlinge, nach denen in diesem Jahr so mancher Betrieb im Landkreis Haßberge erfolglos suchte, treten an.
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Dominic Götzendörfer weiß, was er will: Der 19-Jährige sitzt gerne hinter dem Steuer eines der 40-Tonner der "Roten Flotte" von Coca-Cola.
Dominic Götzendörfer weiß, was er will: Der 19-Jährige sitzt gerne hinter dem Steuer eines der 40-Tonner der "Roten Flotte" von Coca-Cola.
Erst die böswillige Behauptung, dass die Ausbildung zum Berufskraftfahrer doch nicht so schwer sein könne, lockt Dominic Götzendorfer aus der Reserve. Der 19-Jährige kann seine Verärgerung nur mühsam unterdrücken und kontert: Ob man denn wisse, wie schwierig es sei, mit einem 40-Tonner rückwärts an eine Rampe heranzufahren. Ob man schon mal probiert habe anzukuppeln. Ob man sich überhaupt vorstellen könne, mit einem Fahrzeug, das so breit wie die ganze Straße sei, unterwegs zu sein. Nein, kann man nicht. Das rote Gesicht unter dem blonden Schopf hellt sich auf.

Identifikation mit dem Betrieb


Der "Azubi" aus Grettstadt bei Schweinfurt ist stolz darauf, bei der Coca-Cola Erfrischungsgetränke AG in Knetzgau seine Ausbildung machen zu dürfen. Für ihn hat die Arbeit schon begonnen - für viele jungen Menschen ist heute der erste Arbeitstag in der neuen Umgebung.

Emsig zählt Dominic auf, wie viele Getränkemarken zu dem amerikanischen Konzern gehören. Seine Berufsuniform - graue Hose und rotes T-Shirt - trägt er gerne. Und auf dem riesigen Betriebsgelände bleibt er ordnungsgemäß hinter der knallgelben Linie, die den Fußgängerbereich kennzeichnet. Ja, Dominic Götzendörfer bemüht sich, alles richtig zu machen. Harald Lay, Logistiker und Ansprechpartner für die Auszubildenden, honoriert den Eifer mit einem gutmütigen Lächeln und einem Schulterklopfen.

Während Dominic schon am 1. August seine Ausbildung begonnen hat, beginnt der Vertrag eines zweiten Azubis - wie bei den meisten Auszubildenden - am 1. September. Die zwei jungen Männer werden eine Woche im Monat die Berufsschule in Kulmbach besuchen und die restliche Zeit im Betrieb arbeiten. Die beiden sind die Ersten, die bei Coca-Cola in Knetzgau zu Berufskraftfahrern ausgebildet werden. Drei Jahre lang dauert die Lehre.
"Es wird auch für uns immer schwieriger, qualifiziertes Personal zu finden. Darum haben wir uns entschieden, Nachwuchs für unsere Berufskraftfahrer zu rekrutieren", erklärt Harald Lay. An der Übernahme sei dem Konzern gelegen: "Allein der Lkw-Führerschein kostet 5000 bis 6000 Euro!" argumentiert Lay. Nach einer erfolgreichen Abschlussprüfung garantiert das Unternehmen die Übernahme für mindestens zwölf Monate.
Dominic hatte den Führerschein schon in der Tasche, als er seine Bewerbung im Frühjahr an die Coca-Cola-Zentrale in Berlin schickte. Der 19-Jährige hatte in einem kleinen Betrieb eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer im Fernverkehr begonnen. Nach einem Dreivierteljahr brach er ab. "Ich war alleine in Frankreich, England, Dänemark und Schweden unterwegs und nur an den Wochenenden zuhause. Das war nichts für mich", erklärt er.

Unterwegs mit der "Roten Flotte"


Nun freut er sich darauf, mit der "Roten Flotte" auszurücken. 27 knallrote Lastwagen mit weißem Druck beliefern das Knetzgauer Gebiet, das von der Rhön bis Bayreuth und von Coburg bis Forchheim reicht. Mit den neuen "Azubis" sind insgesamt 34 Fahrer unterwegs.

Die Firmenstrukturen der Stappenbacher-Putz-und-Maler-GmbH in Trossenfurt sind im Vergleich dazu deutlich übersichtlicher. Dabei gehört der Familienbetrieb mit 70 Mann zu den größten im Landkreis Haßberge. Florian Achtziger hat hier während der Hauptschulzeit ein Praktikum gemacht und sich nach seinem Abschluss erfolgreich um einen Ausbildungsplatz als Maler und Lackierer beworben. "Hier hat es mir am besten gefallen", erzählt er, und Tanja Stappenbacher, die daneben steht, freut sich: Die Juniorchefin drückt dem Neuling zur Begrüßung eine nagelneue Werkzeugtasche in die Hand und stellt ihm ein Paar Sicherheitsschuhe vor die Füße. "Deine Dienstkleidung liegt im Spind und wird wöchentlich in die Reinigung gebracht. Da brauchst Du Dich um nichts kümmern." Florian Achtziger quittiert den Service mit einem breiten Grinsen.

Warum er sich für den Beruf entschieden hat? "Der hat was Kreatives", sagt der 15-Jährige. Tanja Stappenbacher führt aus: "Die Farbgestaltung eines Büros muss ganz anders geplant werden als die einer Außenfassade", erklärt sie. Außerdem beherrschten die Maler verschiedene Spachteltechniken und packten beim Bau mit an. "Wir machen Wärmedämmung, Innenputz, Gerüstputz, Außenputz, Trockenbauarbeiten, ...", zählt sie auf, und Florian nickt dazu. Insgesamt drei "Azubis" fangen heute bei Stappenbacher an. Alle haben sich beim Praktikum im Betrieb bewährt. "Ein Maler bei uns braucht Teamgeist, darf keine Angst vor Schmutz und Wetter haben und muss zuhören, wenn ihm der Meister oder Geselle etwas erklärt", führt die Juniorchefin aus. Florian hört ihr mit konzentriertem Gesichtsausdruck zu. Der Ernst des Lebens, er beginnt wohl - jetzt.
Tim Schemm und Felix Graf sehen so aus, als müsste der Ernst des Lebens ganz schön rennen, um sie jemals einzuholen. Der 17-Jährige Tim hat diverse Flesh-Tunnels in den Ohren (Piercings, um die Ohrlöcher zu weiten), der 20-jährige Felix bringt Großstadtflair in die Holzbaufirma Vogel in Obertheres. Beide haben die Waldorfschule besucht - der eine in Haßfurt, der andere in Kassel - und beide wollen Zimmermann werden. Ihre Lehren werden sie wohl gleichzeitig 2014 abschließen. Da Felix Abitur hat, wurde seine Ausbildungszeit von drei auf zwei Jahre verkürzt. Tim dagegen hat bereits ein BGJ (Berufsgrundbildungsjahr) absolviert und darum ebenfalls nur noch zwei Jahre vor sich.
Die jungen Männer werden künftig in der Arbeitshalle der Firma Holz-Vogel Zuschnitte für den Hausbau fertigen und dann auf den Baustellen montieren und bearbeiten. Dafür müssen Tim und Felix recht häufig von Montag bis Donnerstag auf Montage. "Aber das ist kein Problem", schüttelt Felix lässig den Kopf. Der 20-Jährige ist ohnehin sehr flexibel. Seine neue Wohnung im Landkreis hat er erst drei Tage vor Ausbildungsbeginn bezogen. Und Tim? Der will täglich mit seinem Fahrrad in 45 Minuten von Haßfurt nach Obertheres fahren. Eigentlich die besten Voraussetzungen, um auf die Walz zu gehen. Oder? "Neeee", wehrt Tim ab. Ganz so wild sind die Jungs doch nicht.
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