Grafenrheinfeld
Atomkraftwerk

Als eine Wolke über Grafenrheinfeld zog

Das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld ist Millionen Schülern ein Begriff. Gudrun Pausewang entwarf anhand der Anlage ein erschütterndes Szenario für den größten anzunehmenden Unfall. Jetzt geht das AKW vom Netz. Zufrieden ist die Autorin trotzdem nicht.
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Ein Metallfass mit Atom-Gefahrenkennzeichung steht während einer Protestaktion von Bündnis 90/Die Grünen vor dem Atomkraftwerk Grafenrheinfeld bei Schweinfurt. Foto: David Ebener/dpa
Ein Metallfass mit Atom-Gefahrenkennzeichung steht während einer Protestaktion von Bündnis 90/Die Grünen vor dem Atomkraftwerk Grafenrheinfeld bei Schweinfurt. Foto: David Ebener/dpa
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Gudrun Pausewang wollte mit ihrem Buch "Die Wolke" aufrütteln und warnen. Vor den Gefahren, die von der Atomkraft ausgehen. Unbeschönigt und ohne Happy End beschrieb die heute 87-Jährige vor fast 30 Jahren die Geschichte von einem Gau - einem größten anzunehmenden Unfall in einem Atomkraftwerk (AKW). Die Handlung spielt in Hessen und Nordbayern - die todbringende Wolke zieht über ganz Deutschland hinweg. Etwa 18.000 Menschen sterben. Vorlage für Pausewangs fiktive Geschichte war das Atomkraftwerk im unterfränkischen Grafenrheinfeld. Es ist heute das älteste noch aktive AKW in Deutschland. Am Samstag (27. Juni) soll es endgültig vom Netz gehen.

Das Aus der Anlage läutet die zweite Phase des 2011 beschlossenen Atomausstiegs in Deutschland ein. Nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima wurden acht Meiler sofort abgeschaltet, neun sollen bis 2022 folgen.

Damals, als Pausewang das Buch schrieb, war das Kraftwerk erst seit wenigen Jahren in Betrieb. Die Katastrophe von Tschernobyl lag nur wenige Monate zurück, die Welle der Empörung war groß, Umweltschützer und Bürger stellten sich gegen die Anlagen und die Energiepolitik.

Pausewang war auch Umweltaktivistin. Und Deutschlehrerin. Sie wusste, wie sie ihre Botschaft so eindringlich wie möglich an die nächste Generation weitergeben konnte - mit einem Jugendroman. Also schrieb sie die Geschichte aus der Sicht der 14-jährigen Janna-Berta aus dem osthessischen Schlitz auf, wo Pausewang heute noch wohnt.

Das Mädchen erfährt in der Schule von dem Reaktorunfall in Grafenrheinfeld. Ihre Eltern sind ausgerechnet an dem Tag im nur wenige Kilometer entfernten Schweinfurt zu Besuch. Sie überleben das Unglück nicht. Auch ihre Brüder sterben. Janna-Berta landet im Lazarett, es entsteht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die Überlebenden kämpfen um Nahrungsmittel und Energie, es herrscht Chaos.

"Die Wolke" gewann 1988 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Überreicht wurde er von der damaligen Jugendministerin Rita Süssmuth (CDU), die sich damit nach langem Überlegen gegen die politische Linie ihrer Partei gestellt hatte. "Der Demokratie und der Literatur ist mehr damit gedient, wenn es Grenzfälle gibt, an denen sie sich bewähren müssen, als wenn sie unter den Teppich gekehrt werden", sagte sie dazu.

Das Buch wird später Schullektüre. Rund 1,4 Millionen Mal wurde es bis heute verkauft und in 16 weitere Sprachen übersetzt. "Der Titel zählt für uns im Bereich Jugendliteratur zu den meistverkauften im Verlag. Zusammen mit "Die Welle" und "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"", sagt eine Sprecherin des Ravensburger Verlages.

Pausewang geht davon aus, dass ihre Warnungen damit zum Teil auch bei den jungen Leuten angekommen sind. "Ich glaube, die Lehrer, die es als Klassenlektüre eingesetzt haben, machten die Jugendlichen neugierig und hatten auch Erfolg", sagt die Autorin. Mit der aktuellen Protestkultur ist sie aber nicht glücklich. Gleichgültig sei die heutige Generation, kämpfe viel zu wenig gegen Atomkraft und Umweltzerstörung, sagt sie.

"Man kann nur staunen, wie wenig Widerstand da geleistet wird. Es geht doch vor allem um das Wohl unserer Nachkommen", sagt sie mit Blick auf unerfüllte Klimaversprechen und atomare Unfälle wie 2011 im japanischen Fukushima. Der Protest sei in den 70er- und 80er-Jahren noch viel größer gewesen. "Ich brauche nur an Wackersdorf und die vielen Anti-Atom-Demos zu denken. Ein großer Teil des Widerstands ist heute eingeschlafen." Die Gründe dafür seien vielfältig. "Ich glaube, viele denken, dass Widerstand ja doch keinen Zweck hat. Anderen ist Widerstand zu anstrengend. Wieder andere sind der Meinung: Es wird schon nichts passieren."

Diese Einstellung ärgert die Schriftstellerin sehr. "Wir dürfen nicht alle negativen Entwicklungen, zum Beispiel auch die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels, auf die kommenden Generationen abwälzen. Es geht doch nicht um irgendetwas Nebensächliches. Es geht doch um das Wohl unserer Nachkommen."

Pausewang wünscht sich, dass das Verantwortungsbewusstsein dafür wieder zunimmt. In ihrem Buch lässt sie nach dem Gau einen älteren Mann sagen: "Die Menschheit ist übermütig geworden. Sie hat einen Dämpfer nötig gehabt, den hat sie jetzt bekommen." Für die heutige Gesellschaft hofft sie, dass sie auch ohne Dämpfer das Richtige tun wird.

Dass "ihr" Atomkraftwerk in Grafenrheinfeld nun endlich vom Netz geht, ist für sie zunächst ein Anfang vom Anfang. "Es ist ein ganz kleiner Schritt, der sich auch nur auf Deutschland bezieht."

Von Christiane Gläser, dpa
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