Grafenrheinfeld
Kernkraftwerk

Wie sicher ist der Abriss des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld?

Der Bund Naturschutz beurteilt die Planunterlagen zum Abriss kritisch - E.on will die Grenzwerte deutlich unterschreiten
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Der Betreiber will das stillgelegte Atomkraftwerk Grafenrheinfeld (im Bild die Kühltürme) so schnell wie möglich abreißen. Der Bund Naturschutz sieht die Planungsunterlagen kritisch. Foto: Theresa Müller
Der Betreiber will das stillgelegte Atomkraftwerk Grafenrheinfeld (im Bild die Kühltürme) so schnell wie möglich abreißen. Der Bund Naturschutz sieht die Planungsunterlagen kritisch. Foto: Theresa Müller
Das stillgelegte Atomkraftwerk soll so abgerissen werden, dass sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Bevölkerung möglichst keine Gefahren entstehen und "keine unzulässigen Mengen" radioaktiver Stoffe freigesetzt werden. Das ist der Kern des Rückbaukonzepts, das Betreiber E.ON mit externen Fachleuten ausgearbeitet hat und das derzeit öffentlich zur Begutachtung ausliegt. Atomkraftgegner äußern allerdings Zweifel an den Inhalten.
Die 400 Seiten starken Unterlagen zum Rückbau, der bis 2030 beendet sein soll, beleuchten über weite Passagen den Sicherheitsaspekt. Dabei sind zwei Phasen besonders wichtig. In jenem Zeitraum bis etwa 2020, in dem sich noch Brennelemente im Abklingbecken befinden, gelten besondere Bedingungen: Alle Abbau- und Stilllegungsarbeiten dürfen keine Auswirkungen auf die Brennelemente haben. Wenn sie herausgeholt sind, soll der Strahlenschutz weiter gewährleistet werden, damit keine unerlaubte Radioaktivität, die noch in Rohrleitungen, Maschinenteilen und Einbauten anhaftet, nach außen gelangt.


Kritik an Freigabe von Abfällen

In der Praxis ist vorgesehen, dass die gewaltigen Teile in die Größe von Bierkästen zerlegt sowie chemisch und mechanisch von radioaktiven Partikeln gereinigt werden. In einer Anlage werden sie "freigemessen" und dürfen den atomaren Kontrollbereich verlassen.
Hier setzt die Kritik der Gegner an. 23 500 Tonnen - das sind drei Viertel des Materials - sollen nach den Plänen uneingeschränkt zur Nutzung freigegeben werden. "Als ganz normaler Schrott", wie Herbert Barthel vom Bund Naturschutz (BN) sagte.
"Das kann nicht sein", ist er sich mit dem BN-Kreisvorsitzenden Edo Günther einig. Sie fordern, dass sämtliche Stoffe der Kennzeichnungspflicht und Rückverfolgbarkeit unterliegen.
3500 Tonnen fallen beim Abbau der Atomanlagen als radioaktiver Restmüll an. Er wird in etwa mannshohe "Mosaik"-Behälter verpackt. Zunächst sollen sie in einer Bereitstellungshalle (BeHa) gelagert werden, die noch vor Ort gebaut werden muss. Diesen Plan befürwortet der BN: "Es muss eine Möglichkeit geben, die Stoffe zwischenzulagern", sagt Edo Günther. Sie nach dem Sankt-Florians-Prinzip an andere Orte zu bringen, lehnt er ab. Allerdings müsse für die BeHa die "bestmögliche Sicherheit" gewährleistet sein.
Ziel der Planung ist es, diese 3500 Tonnen schwach- und mittelradioaktiven Stoffe von Grafenrheinfeld ins Endlager Schacht Konrad zu transportieren. Doch das steht noch nicht zur Verfügung. E.ON-Werksleiter Reinhold Scheuring rechnet damit, dass das Lager 2022 fertiggestellt wird. Edo Günther verweist auf laufende Diskussionen und Untersuchungen, ob der Schacht, der seit neun Jahren umgebaut wird, dann noch dem Stand der neuesten Technik entspricht. Auch das müsse überprüft werden.


Radioaktive Kleinststoffe

Was nur wenige wissen: Während des Betriebs und der jetzigen Stilllegung durfte und darf das Werk Radioaktivität in Kleinstmengen an die Umwelt abgeben: Aerosole (Schwebeteilchen) und Gase über die Luft sowie lösliche und feste Stoffe und Tritium (ein Wasserstoff-Isotop) über das Abwasser. Deren Aktivität darf bis zu einer Billiarde (Zahl mit 15 Nullen) Becquerel pro Jahr betragen. "Selbst bei Ausschöpfung der Werte ergibt sich eine Strahlenexposition, die für alle Einzelpersonen weit unter dem Grenzwert liegt", heißt es dazu im Sicherheitsbericht der Planungsunterlagen. Der Grenzwert liegt bei 0,3 Millisievert.
Dennoch ist Herbert Barthel vom BN skeptisch. E.ON habe für die frei werdenden radioaktiven Stoffe in Luft und Abwasser die gleichen Werte beantragt wie für die Betriebsphase. Dies sei ein Indiz, dass die Minimierung der Strahlenbelastung kein Hauptziel des Konzepts sei. Er fordert eine Reduzierung der erlaubten Menge um den Faktor zehn oder 100.


E.on will Strahlung minimieren

Wie Werksleiter Scheuring geäußert hat, verfolge man beim Abbau das "Zehn-Mikro-Sievert-Konzept", wonach alle Teile, die durch die Freimess-Schleuse aus dem atomaren Werksteil ins Freie gelangen, diesen Wert pro Kalenderjahr nicht überschreiten dürfen. Dieses Verfahren sei international anerkannt. Diese Norm würde den gesetzlichen Grenzwert um den Faktor 300 unterbieten.
Angesichts der Zweifel möchten Babs Günther vom Schweinfurter Anti-Atombündnis und der BN Bürger animieren, Einwendungen gegen den Rückbauplan vorzubringen. Dies ist noch bis 27. Juli möglich.
Die Unterlagen liegen in der Gemeinde Grafenrheinfeld und im Landratsamt Schweinfurt aus und sind beim bayerischen Umweltministerium online einzusehen. Auf den Internet-Präsenzen des BN und des Anti-Atombündnisses gibt es Formulierungshilfen. Josef Schäfer

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