Grafenrheinfeld
Atommüll

Wie lange bleibt der Atommüll in Grafenrheinfeld liegen?

40 Jahre sollte das strahlende Erbe der Kernkraft in Grafenrheinfeld liegen bleiben. Doch aus dem Zwischenlager wird eine Lösung mit längerer Laufzeit.
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Bella, das Zwischenlager in Grafenrheinfeld Foto: Matthias Hoch
Bella, das Zwischenlager in Grafenrheinfeld Foto: Matthias Hoch
Wir schreiben das Jahr 2170: Erst zu diesem Zeitpunkt könnte im schlimmsten Fall das Atomzeitalter in Grafenrheinfeld enden. Denn so lange, 154 Jahre, werden wohl die Suche nach einem Endlager, sein Ausbau, seine Bestückung und seine Fertigstellung noch dauern. Und das heißt in Grafenrheinfeld: Die 40 Jahre, für die das Zwischenlager auf dem Gelände des seit einem Jahr abgeschalteten Kernkraftwerks genehmigt ist, reichen niemals.

Das ist 365 Tage nach der von Umweltverbänden bejubelten Abschaltung des einzigen fränkischen Atommeilers eine ernüchternde Nachricht: Zwar wird in dem Reaktor kein neuer strahlender Abfall mehr produziert, die "Mülltonnen" von 33 Jahren Betrieb stehen aber noch da; und zwar sicher weitaus länger als diese 33 Jahre.

An jedem Tag wurden in Grafenrheinfeld neben dem Strom rund 40 Kilogramm hoch radioaktiver Abfall erzeugt, der für lange Zeit, sehr sehr lange Zeit, sicher gelagert werden muss. Dafür gibt es eine grüne Betonhalle, das Zwischenlager, das einen schönen Namen hat: Bella, kurz für Brennelementelager. Hier ist Platz für 88 Atommülltonnen: Castor ("cask for storage and transport of radioactive material"). 31 Castoren stehen da schon, jeder ist 110 Tonnen schwer und mit 19 abgebrannten Brennelementen gefüllt.


Fukushima in Franken

Die Radioaktivität in jedem Fass entspricht laut Greenpeace in etwa der Menge, die bei der Reaktorkatastrophe von Fukushima freigesetzt wurde. 31 Mal Fukushima in Grafenrheinfeld. Das beruhigt ein Jahr nach der Stunde Null nicht wirklich.

Aber gut: Bella und Castor sind ja nicht für die Ewigkeit gedacht. Der Müll, den das Atomzeitalter in Deutschland hinterlässt, kommt in ein Endlager. Wann? Wo? Wie? Diese Fragen sind noch offen, aber der erste Schritt ist gemacht, denn in diesen Tagen beendet die Endlager-Suchkommission ihre Arbeit.

Anders als der Name vermuten lässt, hat die Kommission noch kein Endlager gefunden. Genau genommen hat sie nicht einmal gesucht. Das 34-köpfige Gremium mit Vertretern der Politik, der Wissenschaft und gesellschaftlicher Gruppen hatte 2014 vom Bundestag den Auftrag bekommen, die Kriterien für die Suche nach einem Endlager in Deutschland festzulegen.

Nachdem man sich lange auf den ehemaligen Salzstock in Gorleben fixiert hatte, soll die Suche "ergebnisoffen" stattfinden, ohne Vorgaben. "Wir betrachten Deutschland als weiße Landkarte", sagt Michael Müller (SPD), einer der beiden Vorsitzenden. Aber schon Müller hat an der Ergebnisoffenheit gerüttelt, als er verkündete, ein Ziel der Kommission sei es gewesen, Gorleben zu "erledigen". Für diese Vor-Festlegung bezog der ehemalige Umwelt-Staatssekretär Prügel aus der Union.

Aber auch der Union gefällt die "weiße Landkarte" nicht, soweit Bayern betroffen ist. Die CSU lässt via Umweltministerium in München wissen, dass der Freistaat bei der Endlager-Suche bitte auszuklammern ist. "Die in Bayern anstehenden kristallinen Gesteine eignen sich aufgrund ihrer porösen Struktur nicht."


Gorleben im Fichtelgebirge?

Das ist eine Reaktion auf einen Vorstoß der bayerischen Grünen, die jüngst den stillgelegten Uranerz-Stollen "Christa" bei Wunsiedel im Fichtelgebirge als Standort für ein Endlager ins Spiel gebracht hatten.

Die Endlager-Suche wird also politisch bleiben, und das heißt: Sie wird dauern. Im Jahr 2170, so hieß es zuletzt aus der Kommission, könnte das Lager fertig sein und das Eine-Million-Jahre-Projekt "sichere Verstauung" starten. Bis dahin müssen wohl die Zwischen- als Beinahe-Endlager herhalten. Auch Bella in Grafenrheinfeld.

Castor-Behälter sind dafür ausgelegt, den Atommüll 40 Jahre lang unter Verschluss zu halten. Wenn ihr Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, kann man Castoren nicht gut wegschmeißen wie ein Päckchen Käse. Wohin damit, wie und wo reparieren? Keiner weiß das heute. Aber 2170 ist die Menschheit sicher schlauer.


Atommüll

Menge Weltweit entstehen laut World Nuclear Association jedes Jahr rund 12 000 Tonnen hochradioaktive Abfälle. Bis heute sind weltweit 350 000 Tonnen angefallen. In der Bundesrepublik werden es laut Greenpeace 15 000 Tonnen sein, wenn 2022 das letzte Kernkraftwerk vom Netz geht. Um ein Vielfaches größer ist die Menge des schwach und mittelradioaktiven Abfalls.

Risiko Die strahlenden Abfälle, die in Kernkraftwerken, Wiederaufbereitungsanlagen und bei der Waffenproduktion entstehen, machen den kleinsten Teil des radioaktiven Mülls aus. Die größten Mengen entstehen im Uranbergbau oder beim Abbau kerntechnischer Anlagen. In den neuen Bundesländern gibt es zahlreiche Altlasten, die der Uranbergbau für das zivile und militärische sowjetische Atomprogramm in der DDR hinterlassen hat (SDAG Wismut).

Halbwertszeit Dieser Wert gibt an, wie schnell die Radioaktivität eines Stoffes abnimmt, genauer: wie viel Zeit vergeht, bis die Strahlung nur noch die Hälfte des Ausgangswertes beträgt. Die Spannbreite reicht vonMinuten bis zu hunderttausenden Jahren, wobei in der Regel stark strahlende Stoffe im Verhältnis eher schnell "abkühlen", weniger aktive Substanzen dagegen über lange Zeiträume strahlen. Plutonium 239, einer der gefährlichsten strahlenden und giftigsten Stoffe auf der Erde, hat eine Halbwertszeit von 24 000 Jahren.

Konzepte Es gibt viele Ideen, wie man strahlenden Müll entsorgen könnte. Die großteils wieder verworfenen Konzepte reichen vom Einfrieren im (leider wohl nicht ewigen) Eis der Antarktis bis zur Versenkung im Meer. Stand der Technik ist der Einbau in Bergwerken. Durchaus ernst gemeint ist der Vorschlag, den Müll ins Weltall oder gar in die Sonne zu schießen und ihn so endgültig los zu werden; bei Kosten von 4000 Euro pro Kilogramm Raumfracht und den Risiken beim Raketenstart ist dies wohl Science Fiction. gf


Kommentar: Zahlenspiele

Wer kennt den Josefspfennig? Das ist ein mathematisches Rätsel zum Effekt von Zins und Zinseszins, mit dem Wissenschaftler gern den unterschätzten Effekt langer Zeiträume illustrieren: exponenzielles Wachstum.
Legt man derlei Zahlenspiele den Gedankenspielen zur "sicheren Endlagerung" atomarer Abfälle zu Grunde, bekommt man das kalte Grausen: Man spricht heute über ein technisches Großprojekt, das in mehr als hundert Jahren abgeschlossen sein soll, und von Kosten, die von 50 auf 70 Milliarden Euro steigen könnten. Warum nicht 100 oder 100 Milliarden? Es gibt wohl kaum ein öffentliches Bauprojekt, das sich nicht bereits binnen weniger Jahre verteuert, verzögert und weiter verteuert ... wie will man so weit in die Zukunft planen?

Egal, was sie am Ende kostet: 100 Prozent Sicherheit wird keine Endlager-Lösung bieten. Denn da redet man über einen Zeitraum von einer Million Jahren. Das sind geologische Dimensionen. Erst vor 12 000 Jahren ist die Ostsee entstanden, das Schwarze Meer wurde 5000 vor Christus geflutet und etwa zur gleichen Zeit England zur Insel. Die ältesten Gebäude der Menschheit haben ebenfalls um die 7000 Jahre überstanden und sehen nicht mehr Vertrauen erweckend aus. Welches Bauwerk kann denn noch sicher sein in 1 000 000 Jahren?

Der Josefspfennig zeigt, wie schwer lange Zeiträume zu fassen sind: Josef legt bei der Geburt Jesu einen Cent aufs Sparbuch, zu fünf Prozent Zinsen. 2000 Jahre später kommt Jesus zurück auf die Erde und hebt sein Geld ab. Mit Zins und Zinseszins wurden - bitte genau hinschauen - aus einem Cent 24.000.000.000.000.000.000.
000.000.000.000.000.000.000 Euro! Fünf Prozent verdoppeln das Kapital alle 14 Jahre, in 2000 Jahren also 143 Mal. Will man für diese Summe Gold kaufen, dann bekommt man 421 Milliarden goldene Erden!

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