Grafenrheinfeld
Atommüll

Tschernobyl lauert überall - auch in Franken

Das Restrisiko der Kernenergie schlummert in Grafenrheinfeld. Neue Studien wecken Zweifel, ob die Castor-Behälter halten, bis das Endlager steht.
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Die neue Schutzhülle für die Atomruine in Tschernobyl Foto: dpa
Die neue Schutzhülle für die Atomruine in Tschernobyl Foto: dpa
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Durchschnittlich alle zehn Jahre ereignet sich ein Nuklearunfall, bei dem es zur Kernschmelze kommt und enorme Mengen radioaktiven Materials freigesetzt werden: Three Mile Island 1979, Tschernobyl 1986, Fukushima 2011. Bei der zivilen Nutzung der Kernenergie kommt es mit tödlicher Sicherheit wieder zu einer solchen Katastrophe - nur nicht in Grafenrheinfeld, denn der fränkische Meiler ist stillgelegt.

Deutschland hat das Kapitel Atomenergie beendet, unmittelbare Gefahr geht nur noch von den teils in die Jahre gekommenen Reaktoren in den Nachbarländern aus. Aber auch die Bundesrepublik muss noch sehr lange mit dem Risiko einer hausgemachten Verstrahlung leben. Ob das Endlager ab dem Tag X tatsächlich eine Million Jahre dicht hält, Eiszeiten und Erdbeben übersteht? Die ältesten Bauwerke der Menschheit haben gerade mal 5000 Jahre überstanden ...


40 Mal Hiroshima

Und bis zum Tag X? Weit länger als geplant müssen die Zwischenlager an den Kraftwerken als vorläufige Endlager dienen. In Grafenrheinfeld ist das Bella, eine Betonhalle für 88 Castor-Behälter. Der Castor ist das Ei des Kolumbus der Atom-Ära: In dem 110 Tonnen schweren Fass aus Eisen werden abgebrannte Brennelemente eingeschlossen, die immer noch Hitze entwickeln und Strahlung freisetzen. In jedem Castor steckt die Energie von 40 Hiroshima-Bomben, 33 Castoren beherbergt Bella heute. Auf den ersten Blick wirkt Bella wie ein Bunker, faktisch bieten die 80 Zentimeter dicken Betonwände eher symbolischen Schutz, am allerwenigsten halten sie Strahlung zurück.

Der Castor muss es richten, dafür wurde er gebaut, und zwar von der GNS, der Gesellschaft für Nuklear-Service. Die Gesellschaft hat vier Mitglieder; die Unternehmen, die die deutschen AKW betreiben oder betrieben haben. Erzeugung und Entsorgung des Atommülls sind in einer Hand. Bis auf den letzten Akt: Das Endlager ist Sache des Staates.


150 statt 40 Jahre

Und da beginnt in Deutschland ein neues Atom-Roulette: Die ernsthafte Suche nach einem Endlager für geschätzt 15 000 Tonnen hoch radioaktiven Abfall hat eben erst begonnen. Sie wird 100, vielleicht 150 Jahre dauern. Da bewegt man sich in historischen Dimensionen, bei den 1 000 000 (1000 x 1000) Jahren, die das Lager halten soll, gar in geologischen Zeiträumen.

So weit hat die Atom-Gesellschaft nicht gedacht, als sie den Castor erfand: Der Behälter ist ebenso wie das Zwischenlager dafür ausgelegt, die gefährlichen Abfälle 40 Jahre lang einzuschließen. 40 Jahre Mindesthaltbarkeit. Aus denen 100 oder 150 Jahre werden.


Die Fässer werden weich

Der Radiologe Rolf Bertram hat schon Alarm geschlagen, als die Castoren nur 40 werden sollten. "Materialkundliche Erkenntnisse sind nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt worden", sagt der Wissenschaftler. Er behauptet, dass die Strahlung das Material der Fässer angreift. Der Wissenschaftler beschreibt: "In das Eisen sind zur Abschirmung der Neutronen Stäbe aus Polyethylen (PE) eingelassen. Durch die Strahlung wird PE zu Wasserstoff und Kohlenstoff zersetzt. Der Wasserstoff entweicht durch den Eisenmantel. Diese Prozesse führen zur Schwächung der Neutronenabschirmung. Durch den Neutronenfluss wird das Eisengefüge verändert. Zusammen mit der durch Wasserstoff verursachten Versprödung kommt es zur Minderung der Stabilität und verstärkter Korrosion." Weichmacher im Castor?

Vielleicht wurde bei der Konstruktion die Sicherheit von außen optimiert, die Gefahr von innen aber unterschätzt. Bei der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) in Berlin stellt man dem Castor aber einen Persilschein aus: Die Behälter müssten bei den Tests mehr aushalten als unter realen Bedingungen:


Feuerprobe für den Castor

Beim BAM setzt man einen Castor ins Feuer und neben den explodierenden Gastank, man lässt ihn aus großer Höhe auf ein massives Fundament fallen und versenkt ihn im Wasser. Das Fass hält das alles aus.

Allerdings: Getestet werden Modelle im Maßstab 1:2, des Handlings wegen, so das BAM. Die Ergebnisse werden hochgerechnet. Kann man Modellrechnungen wirklich 1:1 auf die Realität übertragen: auf ein 110 Tonnen schweres Fass, in dem 40 Hiroshima-Bomben stecken?

Nein, sagen Bertram und andere Atom-Kritiker. Sie sehen in der jahrzehntelangen Lagerung an den Kraftwerken ein unkalkulierbares Risiko. Denn nach dem Abriss der Kraftwerke steht dort kein sicherer Platz mehr zur Verfügung, um einen Castor zu reparieren oder seine Fracht in einen neuen Behälter zu laden. Und wegschaffen kann man ein leckes Atomfass ja auch nicht.


Wer baut die Heiße Zelle?

Die Lösung wäre eine "Heiße Zelle", ein Hochsicherheitslabor als Castorenwerkstatt in jedem Zwischenlager - ein Schildbürgerstreich: Erst reißt man die sicheren Reaktorgebäude ab, dann baut man neue. Dabei ist völlig offen, wer, wenn überhaupt, bauen sollte. Für die Energiekonzerne dürfte eine solche Zelle nicht zum Zwischen-, sondern zum Endlager gehören und folglich Sache des Staates sein.

Einen Plan B gibt es: Sollte der Doppeldeckel eines Castors undicht werden, könnte man einen weiteren Deckel aufsetzen, verschweißen und so Zeit gewinnen. Sicher tüftelt man bei der GNS oder anderswo längst an einem Super-Castor, der ein weich gewordenes Eisenfass fasst.

Der hypothetische Castor-Sarg würde bei 40 Zentimeter dicken Eisenwänden um die 200 Tonnen wiegen, Castor und Sarg zusammen 300 Tonnen. Da würde sich nach geglückter Endlager-Sucheim Jahr 2166 bei 1900 Castoren bundesweit ein gigantisches Transportproblem stellen. Aber auch das ist in 150 Jahren lösbar. Der Sarkophag für in Tschernobyl wiegt 22 000 Tonnen und bewegt sich trotzdem.


Kommentar: Das Märchen vom billigen Atom-Strom

Windräder sind unwirtschaftlich, Solaranlagen produzieren nachts keinen Strom, neue teure Leitungen verschandeln die Landschaft.

Die Energiewende ist ein Zankapfel. Zwar will kaum jemand offen zurück ins Atomzeitalter zurück, und die der Braunkohle geopferten Landschaften sind auch nicht mehr schön. Aber insgeheim denken viele (noch oder wieder), dass die Kernenergie doch gar nicht so schlecht war.

Der Atomstrom, der nie billig war, könnte unbezahlbar werden. Was kostet ein Endlager, das mit 70 Milliarden Euro kalkuliert wird, in 150 Jahren? Beispiel: 1972 begann die Planung für den Schnellen Brüter in Kalkar. Geschätzte Kosten: eine Milliarde Euro. 1985 war das Atomei ausgebrütet, sechs Milliarden Euro waren weg - 600 Prozent mehr in nur 13 Jahren. In Betrieb ging der Brüter nie. Ein Endlager aber brauchen wir, und es wird kosten, was es wolle.


Hintergrund

30 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl in der Ukraine haben Spezialisten in einem historischen Schritt eine gigantische Schutzhülle über die Atomruine geschoben. "Yes, wir haben es geschafft", sagte Staatschef Petro Poroschenko bei einem Festakt am Dienstag nahe des havarierten Atomkraftwerks. Der neue Sarkophag garantiere 100 Jahre Sicherheit vor radioaktiver Strahlung, sagte er.

Am 26. April 1986 war ein Test in Tschernobyl außer Kontrolle geraten, Reaktor 4 explodierte. Die radioaktive Wolke breitete sich von der damaligen Sowjetrepublik über Weißrussland und Teile Russlands auch bis nach Westeuropa aus. Bis heute gelten manche Landstriche als verstrahlt.

Die neue, mehr als 36 000 Tonnen schwere Schutzhülle gilt als Meilenstein im Kampf gegen tödliche Strahlung. Sie soll einen Betonsarkophag ergänzen, der von der Sowjetunion nach der Kernschmelze vor 30 Jahren errichtet worden war.

"Vergleichen Sie das Objekt hinter mir mit dem Eiffelturm oder der Freiheitsstatue", betonte Poroschenko. "Das ist die größte bewegliche Konstruktion, die jemals von der Menschheit gebaut wurde." Ein System aus Hydraulik und Spezialschienen hatte die Hülle in den vergangenen 14 Tagen über die Atomruine geschoben. Die letzten Vorbereitungen verrichteten Arbeiter bei Schneetreiben.

Der ukrainische Umweltminister Ostap Semerak sprach von einem historischen Moment. "Dank dieser Konstruktion wird der Katastrophenort sicher", sagte er. "Ich hoffe, dass in naher Zukunft eine große Fläche des einst verlassenen Territoriums zu einem Zentrum für erneuerbare Energien wird." In der Energiepolitik wolle die Ukraine ein unabhängiger und ökologisch sicherer Staat werden. Die frühere Sowjetrepublik betreibt derzeit noch vier Atomkraftwerke.

"Es ist, wie eine nukleare Wunde zu schließen, die uns alle betrifft", sagte Hans Blix, Ex-Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). Geldgeber hatten für die Konstruktion mehr als zwei Milliarden Euro aufgebracht, vor allem die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD).

Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace lobte die neue Hülle. "Aber damit ist der Wettlauf gegen die Zeit nicht gewonnen", meinte Sprecher Tobias Münchmeyer. Der von der Sowjetunion nach dem Super-GAU von 1986 eilig errichtete Sarkophag drohe einzustürzen, warnte er. "Die ukrainische Regierung muss ihn dringend demontieren. Bricht die alte Hülle zusammen, wird es ungleich komplizierter, teurer und gefährlicher, den Atommüll zu bergen", sagte Münchmeyer.


Chronologie

Am 26. April 1986 kommt es im Reaktor 4 des ukrainischen Atomkraftwerkes Tschernobyl zu einer Explosion, der Reaktorkern schmilzt. Wolken tragen Radioaktivität nach Westeuropa.

28. April 1986: In Polen und Skandinavien wird hohe Radioaktivität gemessen, später auch in Teilen Deutschlands und anderen Ländern Europas. Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass gibt am Abend bekannt, dass sich in Tschernobyl ein Unglück ereignet habe.

29. April 1986: Die Stadt Prypjat mit 50 000 Einwohnern unmittelbar am AKW-Gelände wird geräumt. Bis heute ist sie eine Geisterstadt.

4. Mai 1986: Behörden beginnen mit der Räumung aller Orte in einer 30-Kilometer-Zone. Insgesamt 400 000 Menschen müssen ihre Heimat verlassen.

6. Mai 1986: Das Moskauer Parteiorgan "Prawda" nennt erste Details zum Unglück. In Deutschland verbieten mehrere Bundesländer den Verkauf von Freilandgemüse und sperren Sportplätze.

14. Mai 1986: Kremlchef Michail Gorbatschow informiert mit einer Fernsehansprache zu Tschernobyl die Öffentlichkeit.

29. September 1986: In Tschernobyl geht Reaktorblock 1 wieder in Betrieb, die Blöcke 2 und 3 folgen im November.

15. November 1986: Nach fünf Monaten Bauzeit ist der Betonsarkophag als Schutzmantel um den Unglücksreaktor fertig. Regen, Frost und Sturm setzen dem 65 Meter hohen Provisorium zu. Später bilden sich mehr als 100 Risse, tragende Wände drohen einzustürzen.

15. Dezember 2000: Als letzter Reaktorblock geht Nummer 3 vom Netz. Für die Stilllegung von Tschernobyl bekommt die ukrainische Regierung 3,1 Milliarden DM (knapp 1,6 Milliarden Euro) von der EU.

26. April 2012: Der Bau einer Stahlhülle über dem mehrfach sanierten Sarkophag beginnt. Die Kosten werden auf gut 2,1 Milliarden Euro geschätzt. Der 108 Meter hohe Mantel soll 100 Jahre lang schützen.

15. November 2016: An der Ruine des Atomkraftwerks beginnen Arbeiter mit dem spektakulären Transport des riesigen neuen Schutzmantels. Auf Spezialschienen wird die mehr als 36 000 Tonnen schwere Konstruktion langsam zu dem etwa 330 Meter entfernten Reaktor geschoben.

29. November 2016: Die Hülle wird in Anwesenheit des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko übergeben. Nun soll die Sanierung des explodierten Reaktors erfolgen. Viele Fragen sind aber noch offen.

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