Schweinfurt

Run auf die erste Mahlzeit

Die erste Vesperkirche Bayerns wurde am Sonntag in Schweinfurt eröffnet.
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275 Essen wurden bei der ersten Vesperkirche ausgegeben.
275 Essen wurden bei der ersten Vesperkirche ausgegeben.
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"Lasst uns Vesperkirche sein". Diese Worte stellte Dekan Oliver Bruckmann am Sonntagmorgen an den Anfang seiner Begrüßung zu einem besonderen Gottesdienst: der Eröffnung der ersten
Vesperkirche in Bayern. Exakt eine Stunde später stellte er mit Diakoniechef Jochen Keßler-Rosa die Kirche Sankt Johannis für die nächsten drei Wochen "in den Dienst einer Vesperkirche". Um ein 22-tägiges friedliches Fest bat Keßler-Rosa.
Zum Auftakt gab es als Vorspeise eine Gemüsesuppe, als Hauptgericht Spießbraten mit Kartoffelknödel, für die Vegetarier Tortellini mit Käsefüllung. Für die Premiere waren gut 200 Essen in der Leo-Küche bestellt worden. Das Interesse war mit über 275 Gästen aber so groß, dass nachgeordert werden musste.

"Ort menschlicher Wärme"

Schon der Auftakt verhieß das Besondere: "Feiern wir ein Fest" sangen die Jungen Stimmen, an der Orgel begleitet von Chorleiterin Andrea Balzer, von der Empore hinunter in die zum "Gastraum" umgestaltete, voll besetzte Kirche.
Diakoniepräsident Michael Bammessel aus Nürnberg beschrieb die Vesperkirche in seiner Predigt als einen "Ort menschlicher Wärme mitten im kalten Winter", als ein "Gastmahl für Menschen, für die es nicht selbstverständlich ist, als Gäste willkommen zu sein".
Als die "Erfinder" der Vesperkirche nannte Bammessel die Baden-Württemberger. Dort gibt es heute 20 Vesperkirchen. Vor vielen Jahren habe ihn eine Frau - begeistert von der ersten Vesperkirche in Stuttgart - aufgefordert, eine solche auch in Nürnberg einzurichten. Der Impuls versandete, umso mehr "bin ich voll Bewunderung für Schweinfurt, das heute die erste Vesperkirche in Bayern eröffnet".
Bammessel ging auf die in der Lesung gehörte Geschichte der Bibel ein, die davon berichtet, wie Jesus von Nazareth als Gast einer Hochzeitsfeier in Kana Wasser in Wein verwandelte. Einige aus dem damals noch kleinen Jüngerkreis hätten dies als Zeichen angesehen: Das muss der lang erwartete Messias sein, denn zu seinem Markenzeichen gehöre das große Festmahl.
Die Vesperkirche habe auch etwas von einem "Wunder live, sie ist ein mehrfaches Wunder der Verwandlung", sagte der Diakoniepräsident. Äußerlich, weil sich ein ehrwürdiger Kirchen- in einen Gastraum verwandele. Der eine oder andere werde sich auch fragen: Wird nicht dadurch ein heiliger Ort entweiht? "Nein", antwortete Bammessels in Erinnerung an die ersten Christen, die verblüfft gewesen wären, wie man Gottesdienst und Gastmahl, Seelenspeise und Leibesnahrung, Kirche und Diakonie überhaupt so stark trennen könne.
Eine Vesperkirche verändere aber auch den Charakter einer Gemeinde. Bammessel hatte die Lacher auf seiner Seite, als er von einem Mädchen berichtete, das gerade lesen lernte. Sie entzifferte das Schild an einer Gaststätte als "gut bürgerliche Kirche". An Gaststätten könne man die Werbung für eine Küche, die gut bürgerlich sei, heute nurmehr selten finden. Aber für unsere Kirchengemeinden treffe es doch häufig zu: "Wir haben eine einseitige Prägung als Mittelschichtsgemeinde."

"Bewirtung mit Stil"

Menschen mit einem anderen Hintergrund, die durchaus Mitglieder der Kirchen seien, "fühlen sich in diesem Mittelschichtsmilieu nicht wirklich willkommen". In einer Vesperkirche sei das aber anders. Es kämen Leute, die bei den üblichen Angeboten einer Kirchengemeinde eher abwinkten.
Bammessel stellte aber klar, dass eine Vesperkirche keine Armenspeisung, sondern eine Bewirtung mit Stil sei. Es bestehe neben der Zeit zum Gespräch auch die Möglichkeit, Ruhe zu finden für den, der sie sucht. "Ja, die Vesperkirche ist auch für Leute, die sich keinen Restaurantbesuch leisten können", sagte er. Sie seien nun aber in St. Johannis willkommen, wenn es hier auch "aus guten Gründen" keinen Alkohol, keinen Wein gebe.
1,50 Euro kostet das Mittagessen (50 Cent für Kinder). Die meisten Besucher am Sonntag zahlten viel mehr, helfen damit, die noch offenen 20 000 Euro der Gesamtsumme von 90 000 Euro aufzubringen. Es klappte auch dank der Schulungen der Ehrenamtlichen bei der Premiere alles wie am Schnürchen. 180 Freiwillige haben sich gemeldet, am Sonntag waren 50 im Einsatz, im Spüldienst, als Platzanweiser, Bedienung, bei der Essensausgabe.

13-mal Dienst, acht Kuchen

"Das ist eine gute Sache und ich habe Zeit", "ich finde das toll" und "engagiere mich deshalb für diese gute neue Sache", sind Aussagen der drei Helferinnen Beate Riedel, Irmtraud Schleemilch und Karolina Sängerlaub. Ähnlich hat es Erna Gründwald formuliert, die 13-mal Dienst schieben wird und acht Kuchen backen will.
Unter den Gästen waren Adolf und Ingrid Schwach auszumachen. Sie sind katholisch, wollen mehrere Male kommen, um diese "gute Idee zu unterstützen". Dietrich Josef Pressing war auch nicht nur zum Auftakt da, weil er meint, mit Gesprächen dem einen oder anderen helfen zu können.

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