Schweinfurt

Für Frankens Brücken wird es immer enger

Wer sich über die vielen Baustellen auf den Autobahnen ärgert, tut den Straßenbauern Unrecht: Sie hinken dem Sanierungsstau hinterher, aber sie tun was. Für Landkreise und Gemeinden tut sich ein Milliardengrab auf. Überall bröckelt es.
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Foto: Günter Flegel
Foto: Günter Flegel
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Brücken können schön sein. Nach Venedig reisen Touristen ja vor allem, weil die Stadt so nahe am Wasser gebaut ist und über dementsprechend viele alte und schöne Brücken verfügt. Unter der Seufzerbrücke küssen sich die Verliebten. Deutsche Brücken sind dagegen in der Mehrzahl weder alt noch allzu schön. Und seufzen tun nur die Straßenbauer.

Liest man die wachsende Zahl der Studien zum Zustand der bundesdeutschen Infrastruktur, muss man den Eindruck gewinnen, die Verkehrswege hierzulande seien nicht am Wasser, sondern auf Sand gebaut. Ein großer Teil der Straßen- und Eisenbahnbrücken ist marode, viele so sehr, dass sie nicht mehr zu retten sind.


Der Sanierungs-Stau

Das Problem ist weder neu, noch lässt es sich auf die Schnelle beheben. Die Auflösung des Sanierungs-Staus wird den Steuerzahler Milliarden kosten, Jahrzehnte werden ins Land gehen, und ehe die Brückenbauer Feierabend machen, werden sie wieder von vorne anfangen.

Jeder, der betriebswirtschaftlich denkt, weiß: Eine Investition kostet dreimal: Erstens muss man die Anschaffung bezahlen, zweitens ebenso viel Geld für die Pflege und Erhaltung ausgeben und drittens schon wieder das Geld für die Neuanschaffung zurücklegen, wenn trotz Pflege am Ende nichts mehr zu retten ist.


Der Kosten-Faktor

Im Fall von großen Bauten wie Brücken ist die Rechnung sogar noch um ein Vielfaches teurer. Denn die Brücke, die am Tag X mal den Betrag Y gekostet hat, muss, wenn ihr die Stunde schlägt, für eine Summe neu gebaut werden, die ein Vielfaches von Y beträgt. Den Beleg liefert eine Großbrücke in Unterfranken: Die rund einen Kilometer lange Mainbrücke der A70 bei Eltmann wurde in zwei Etappen gebaut: Die erste kostete 1987 gut zehn Millionen Euro, der zweite Arm dann knapp 20 Jahre später, 2006, mit mehr als 18 Millionen Euro schon fast das Doppelte. Wie diese Rechnung aussieht, wenn Brücken nach 60, 70 Jahren ihr Leben aushauchen, kann man sich vorstellen.


130 000 Brücken

Auf gut 130 000 schätzen Verkehrsplaner die Zahl der Brücken in Deutschland. Sie haben einen Wert von 80 Milliarden Euro. Um alle Brücken neu zu bauen, müsste der Staat ein Drittel des Bundeshaushalts alleine dafür ausgeben! Das ist keine Horrorvision, das steht so auf den Internetseiten des Bundesverkehrsministeriums.
Natürlich müssen nicht alle Brücken neu gebaut werden. Viele wurden, vor allem im Zuge der Deutschen Einheit, erst in den letzten 25 Jahren neu errichtet und haben noch ein langes Leben vor sich. Wie lange? Bislang gingen die Straßentechniker davon aus, dass eine Stahlbetonbrücke erst nach 80 bis 100 Jahren ihr Leben aushaucht.
Inzwischen rasseln aber auch schon viele Bauwerke durch den Brücken-TÜV, die kaum 50 Jahre alt sind. Das betrifft vor allem Großbrücken aus den Jahren des Wirtschaftswunders, aus den 50er und 60er Jahren. Sie leiden nach einer Studie, die der Bundesverband der Industrie (BDI) in Auftrag gegeben hatte, flächendeckend unter Verschleiß: Konstruktionsmängel und teils ungeeignetes Baumaterial, Umwelteinflüsse, Streusalz und die erhöhte Verkehrsbelastung insbesondere durch den Gütertransport haben die "Halbwertszeiten" dramatisch verkürzt.
Was eine Brücke heute aushalten muss, konnten die Verkehrsplaner vor 50 Jahren nicht vorhersehen. Der Auto- und vor allem der Schwerverkehr haben sich vervielfacht, und jede Prognose hinkt der Realität hinterher. Schon stehen die Gigaliner in den Startlöchern - noch mehr Stress für die Brücken.


Mehr Spuren, neue Brücken

Die A3, Frankens wichtigste Autobahn auf der Ost-West-Route, ist die Blaupause für das, was in den nächsten Jahren auf vielen Fernstraßen in Deutschland passieren wird: Alle Brücken werden hier erneuert, nicht nur wegen des sechsstreifigen Ausbaus, der den Verkehrsinfarkt verhindern soll.
Laut der BDI-Studie sind ein Fünftel bis ein Viertel der Brücken in Deutschland so marode, dass sie ersetzt werden müssen. Das betrifft rund 15 000 der 67 000 kommunalen Straßenbrücken, 7000 der 26 000 Fernstraßenbrücken und 10 000 der 39 000 Bahnbrücken.
Die Kosten? Geht man alleine von den 1850 Autobahnbrücken in Nordbayern aus, wären bei 500 Neubauten und Kosten von durchschnittlich zehn Millionen Euro fünf Milliarden Euro fällig. Brücke ist nicht gleich Brücke. Venedig hat eine Seufzerbrücke, Deutschland ein paar tausend.

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