Schweinfurt
Justiz

Ein Hahn namens Beethoven

Das Krähen eines Hahns in Ober- lauringen sorgt für Ärger in der Nachbarschaft. Der Fall landet bald vor Gericht.
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Beethoven, ein Maranshahn im Farbschlag blau-kupfer, inmitten seiner Hühnerschar. Foto: Julia Haug
Beethoven, ein Maranshahn im Farbschlag blau-kupfer, inmitten seiner Hühnerschar. Foto: Julia Haug
Dass Beethoven kräht, als die Reporterin ihn in seinem Gehege inmitten seiner 20 Hennen stört, ist wahrscheinlich der Aufregung geschuldet. Halterin Claudia Seitz will jedenfalls nicht, dass dadurch ein falscher Eindruck entsteht: Beethoven sei ein ganz normaler Hahn, er krähe morgens und abends und tagsüber die meiste Zeit gar nicht. Tatsächlich ist von dem zweieinhalbjährigen Beethoven, einem kupfer-blauen Hahn der Rasse Marans, die folgende Gesprächsstunde über auch nichts mehr zu hören.
Die nachmittägliche Stichprobe der Presse aber nützt Seitz nichts. Nicht mehr lange, dann landet sie mit ihrem Beethoven vor Gericht: Eine Nachbarin ihres Grundstücks im Stadtlauringer Ortsteil Oberlauringen (Lkr. Schweinfurt) hat Klage beim Amtsgericht eingereicht. Es geht ihr um die Nachtruhe. Inzwischen kommunizieren nur noch die Anwälte. Mehr will die Klägerin auf Nachfrage zum Fall auch nicht sagen. Wie Claudia Seitz erzählt, hat die Klägerin noch vier Unterstützer im Umkreis des Hauses. Immer wieder kam es schon zu Nachbarschaftsstreitigkeiten anderer Natur. "Die gehen nicht gegen meinen Hahn, sondern gegen mich", meint Seitz.


Mit Dämmwolle und Styropor

Seit elf Jahren wohnt Familie Seitz mit zwei inzwischen erwachsenen Kindern im Eigenheim in der Dr.-Burghard-Straße etwas im Tal am Ortsende von Oberlauringen - die Anhöhe hinauf stehen zahlreiche Häuser. 50 Meter weiter, und man blickt auf freies Feld. Seit 2013 hält Claudia Seitz Hühner, 2014 kam Beethoven dazu. Die Zahl von 20 Hühnern haben Gerichte in anderen Fällen schon als angemessen bewertet. Dabei noch ein Zwerghahn, der aber keinen hörbaren Mucks von sich gibt.
Beethoven wohnt in einem U-förmigen Freigehege und nachts im kleinen holzgezimmerten Hühnerstall, von innen verkleidet mit Dämmwolle und Styropor. Zwischen den Osterfeiertagen will Familie Seitz noch mal aufstocken an Geräuschdämmung: Mit Dachziegeln verstärken, und die Fenster, die sie jeden Abend mit Dämmwolle abhängen, nur auf eine Seite versetzen. Laut Anklage stört die Nachbarn auch Beethovens Krähen aus dem Stall heraus. "Ich lasse ihn immer erst um 8.30 Uhr raus", sagt Seitz. "In Ausnahmen übernehmen das meine Kinder - wenn ich arbeiten muss. Dann schon um 6.30 Uhr."


Schriftliche Befragung

Die zulässigen nächtlichen Geräuschhöchstwerte gelten zwischen 22 und 6 Uhr, erklärt Christian Frank vom Landratsamt Schweinfurt, Leiter der Abteilung Umwelt und Bau, in deren Zuständigkeit auch der Emissionsschutz durch Geräusche fällt. Eine Amtsmitarbeiterin sei im Sommer 2015 "wegen der Nachbarschaftsstreitigkeiten" vor Ort gewesen und hatte "orientierende Messungen" durchgeführt. Vor Gericht sind die laut Frank aber wegen der fehlenden festen Parameter nicht als Beweis zulässig. "Alles im grünen Bereich", hatte Claudia Seitz damals zu hören bekommen. Der krähende Hahn habe an einem Kinderzimmerfenster eine Lautstärke von 65 Dezibel (dB) erreicht. Kurze Geräusche dürften in der Spitze 90 dB laut werden, nachts immerhin 65, sagt Frank. "Damit hatten wir gehofft, dass das erledigt ist."
Bis Ende März mussten alle Nachweise bei Gericht eingereicht werden. Weil sich keiner der wohlwollenden Nachbarn für Seitz äußern will, hat sie die morgendlichen Spaziergänger schriftlich um Meinung gefragt: "Ich wohne in derselben Straße und habe den Hahn noch nie gehört", schreibt da einer. Oder: "Ich werde nicht vom genannten Hahn gestört, außerdem ist ein Hahn Bestandteil eines Dorfes."


Fünf Hähne im Ort

Bei einem Rundgang im Ortsteil hat Seitz fünf Hähne gezählt. Tatsächlich lebt Familie Seitz laut Bebauungsplan in einem "Dorfgebiet". "Für Grundstücke in diesem Geltungsbereich ist Tierhaltung in gewissem Maße grundsätzlich möglich", sagt Frank. Pro Jahr hätten es seine Mitarbeiter zehn bis 15 Mal im Landkreis Schweinfurt mit Beschwerden wegen zu lauter Tierhaltung zu tun. Und wenn nicht um Hundegebell, geht es meistens um Hühnerhaltung. Julia Haug

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