Werneck
Brücken

Vor einem Jahr stürzte Brücke bei Werneck ein: Was ist seitdem passiert?

Zwölf Monate sind vergangen, seit das Traggerüst des Neubaus der Schraudenbach-Brücke an der A7 eingestürzt ist und ein Bauarbeiter starb.
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Ein Jahr nach dem Einsturz steckt die Südbrücke im Juni 2017 im fünften von sechs Bauabschnitten. Beweisstücke des eingestürzten Traggerüsts liegen immer noch aufgereiht am südlichen Ende der Baustelle. Foto: Anand Anders
Ein Jahr nach dem Einsturz steckt die Südbrücke im Juni 2017 im fünften von sechs Bauabschnitten. Beweisstücke des eingestürzten Traggerüsts liegen immer noch aufgereiht am südlichen Ende der Baustelle. Foto: Anand Anders
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Etwas Vergleichbares hat keiner der Bauingenieure zuvor erlebt. In seinen 25 Jahren im Beruf kann sich Alexander Leis an kein Unglück dieses Ausmaßes erinnern. Der Leiter der Würzburger Dienststelle der Autobahndirektion Nordbayern ist ein Jahr später wieder zur Baustelle Schraudenbach-Brücke an der Autobahn 7 nahe der Anschlussstelle Kreuz Werneck im Landkreis Schweinfurt in Unterfranken gekommen. Diesmal zum Ortstermin mit dieser Redaktion.

Am 15. Juni 2016 dagegen eilt er hierher, weil ihn eine dramatische Nachricht erreicht: Gegen 15.50 Uhr war beim Betonieren von Abschnitt drei das Traggerüst eingebrochen. Bauarbeiter stürzen bis zu 20 Meter in die Tiefe. Ein 38-jähriger Kroate, ein Familienvater, überlebt den Sturz nicht, elf seiner Kollegen werden schwer, drei leicht verletzt. Die Polizei Unterfranken bestätigt später zudem einen verletzten Passanten, der auf dem Weg zu einem "Aussichtspunkt" gewesen war.


Am Unglückstag lief alles ganz normal

Rund 1500 Tonnen Beton bringen das Stahlgerüst zum Einknicken. Bauabschnitt drei, ein 42 Meter langes Feld, in das der Flüssigbeton fließt, verläuft unmittelbar über der Kreisstraße 12, die die Orte Zeuzleben und Schraudenbach verbindet. Mehrere Stunden ist deshalb nicht klar, ob unter dem Haufen aus Gerüstteilen auch noch ein Auto oder Spaziergänger lebendig begraben sind. Das bestätigt sich zum Glück nicht.

Auch Christian Ganz erinnert sich gut an den 15. Juni 2016: "Bis zur Havarie war es ein ganz normaler Tag wie jeder andere." Keine Vorkommnisse, die zur Vorsicht gemahnt hätten. Der 32-Jährige ist damals wie heute zuständiger Projektleiter der Baufirma Max Bögl. Rückblickend erzählte ein Arbeiter von einem leichten Wackeln kurz vor Einsturz.



Dauerregen über mehrere Tage, Materialfehler oder menschliches Versagen?

Spekulieren über die Unglücksursache will keiner der Beteiligten. "Wir sind stark interessiert, vom Sachverständigen zu erfahren, warum die Brücke eingestürzt ist", sagt Alexander Leis. Denn weshalb das Traggerüst einstürzte - das steht selbst ein Jahr nach dem Unglück nicht fest. Auch die Staatsanwaltschaft wartet auf das Gutachten der Sachverständigen.

Für die Baufirma Bögl heißt die Konsequenz, solange die Ursache nicht bekannt ist: Mehr hilft mehr. "Wir heben den Sicherheitsstandard bei jeglichen Dingen, die wir machen, soweit in die Höhe, dass wir zu fast 100 Prozent ausschließen können, dass noch einmal etwas passiert", sagt Bauleiter Ganz.



Hier geht es zum Video "Brückeneinsturz bei Werneck"

Zwei Vermessungsingenieure prüfen das Traggerüst nun während jeder Betonage. Außerdem gebe es Notfallpläne, falls etwas außerhalb der Norm liege. Für den eingestürzten Bauabschnitt drei wurden beim Wiederaufbau zusätzliche Gründungen gebohrt, das Traggerüst erhielt hier mehr Material als rechnerisch notwendig.
Neun Monate im Verzug liegt die Baustelle Schraudenbach seit dem Unglück laut Autobahndirektion.

Das Hinweisschild für Autofahrer führt neuerdings den aktualisierten Termin: Ende der Baumaßnahme ist im November 2018. Einschließlich eines Rückhaltebeckens, dessen Bau mit der Brücke nichts zu tun hat. Im Juni 2017 steckt die Südbrücke im fünften von sechs Bauabschnitten.

Noch vor der Winterpause soll sie fertig werden, erklärt Alexander Leis. Der Verkehr, der bisher auf der Nordbrücke rollte, wird dann auf die Südbrücke überführt. "Ende 2018 ist die Baustelle dann komplett fertig." Ein knappes Jahr also ab Januar für Abbruch und Neubau der Nordbrücke, die Autofahrer Richtung Würzburg führt.


Wer bezahlt, hängt vom Gutachten ab

Zeitplan gerissen, was bedeutet das für die 14,4 Millionen Euro Baukosten? Solange kein Gutachten Verantwortliche benennt, hält die Auftrag gebende Autobahndirektion die Baufirma in der Pflicht. "Wir haben eine Brücke bestellt und die Brücke zahlen wir", sagt Leis. Zum jetzigen Stand lägen die Mehrkosten "im Risikobereich der Firma".

Die Baufirma geht derzeit Ganz zufolge mit einem "Millionenbetrag" in Vorleistung. Man warte "wie auf glühenden Kohlen" auf das Gutachten. Keine Versicherung zahle zum jetzigen Zeitpunkt, wo kein Schuldiger benannt ist. Neubauten werden in der Regel neben anderen mit einer Bauleistungsversicherung versehen, die zum Beispiel schützt vor Schäden höherer Gewalt durch Hochwasser oder Sturm. Aber auch Vandalismus, Konstruktions- und Materialfehler, Böswilligkeit oder Fahrlässigkeit können abgedeckt sein.

Der Neubau Schraudenbach-Brücke ist Teil des Sonderprogramms Brückenertüchtigung des Bundes. Vielfahrer zwischen Würzburg und Bad Kissingen merken es an immer mehr Baustellen. Auslöser für das Bauprogramm waren steigende Belastungen durch den Schwerlastverkehr, dem die rund 50 Jahre alten Brücken nicht gewachsen sind.

100 Millionen Euro Bundesmittel fließen damit Leis zufolge in insgesamt fünf Großbaustellen an der A 7, die im Zuständigkeitsbereich der Autobahndirektion Nordbayern liegen: die Talbrücke Klöffelsberg bei Hammelburg (Lkr. Bad Kissingen), die Talbrücke Schraudenbach, die Talbrücke Pleichach zwischen den Anschlussstellen Gramschatzer Wald und Estenfeld, die Talbrücke Kürnach zwischen Würzburg/Estenfeld und Kreuz Biebelried sowie die Talbrücke Rothof (alle drei im Lkr. Würzburg).



Hier geht´s zum Video Unglück an der A7 bei Werneck

Konsequenzen für die Arbeit an den anderen vier Baustellen zieht die Autobahndirektion aus der Schraudenbach-Havarie nicht. Dazu gebe es keinen Anlass. "Wir gehen davon aus, dass das Unglück einem Restrisiko jeder technischen Maßnahme geschuldet ist", sagt Alexander Leis.

Auch an den Brücken Pleichach und Kürnach ist Max Bögl die ausführende Baufirma. An den Neubauten Klöffelsberg und Rothof hatte dagegen je eine andere Baufirma nach der öffentlichen Ausschreibung den Zuschlag für das wirtschaftlichste Angebot erhalten.

Einzig an der Schraudenbach-Brücke arbeitet Max Bögl mit der Firma Viadukt zusammen. An den anderen Bögl-Brücken Pleichach und Kürnach beauftragte die Baufirma ein anderes Subunternehmen. "Zum Zeitpunkt der Vergabe der Leistungen hatte die Firma Viadukt keine Kapazitäten zur Verfügung", sagt eine Unternehmenssprecherin dazu.

Ein Jahr nach dem Unglück sind auch an der Schraudenbach-Brücke die Arbeiter andere. "Wir haben es jeglichen Firmen und Baustellenpersonal freigestellt, weiter zu arbeiten oder versetzt zu werden, soweit wir das machen können", sagt Bögl-Projektleiter Ganz. Zum neuen Baustart im November 2016 kamen neue Arbeiter auf die Baustelle. Von dem Unglück fünf Monate zuvor erfuhren sie nur aus Gesprächen, erzählen sie auf dem Weg in den Feierabend.

Der Heimweg der Arbeiter ist keine 100 Meter lang. Auf der Schraudenbacher Seite der Baustelle, unweit der Ingenieur-Bürocontainer, stehen ihre Wohncontainer. In den Wochen nach dem 15. Juni dienten sie auch als Unterkunft für Angehörige, die ihren Liebsten im Krankenhaus beistehen wollten. Julia Haug


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