Schweinfurt
Wirtschaft

Brauhaus-Aus nach fast 150 Jahren

 Das Brauhaus braut kein Bier mehr. Die betroffenen Wirte werden künftig der Kulmbacher Brauerei anbieten.
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Auf dem Brauhaus-Gelände wird der Geschäftsbetrieb Ende April eingestellt. Foto: Hannes Helferich
Auf dem Brauhaus-Gelände wird der Geschäftsbetrieb Ende April eingestellt. Foto: Hannes Helferich
Am Klingenbrünnle stehen drei alte Schweinfurter, diskutieren über das Brauhaus. Einer sagt, dass das Ende absehbar war. Der Zweite "kann's ned versteh'". Der Dritte fragt nach der Kirchweih, weil "Bürgerverein und Brauhaus "ja irgendwie zusammengehören". Seit dem Wochenende steht das nicht unerwartete Aus nun endgültig fest. Der Geschäftsbetrieb endet am 30. April. Rechtsanwalt Stefan Hermann (BFP Insolvenzverwaltung Würzburg) hat sich bis zuletzt bemüht, nach dem alle überraschenden Absprung eines russischen Investoren doch noch einen Investor zu finden, der den Geschäftsbetrieb des Brauhauses im Ganzen übernimmt.
Weil das misslang, suchte Hermann nach einem Weg, die zur Insolvenzmasse zählenden Gegenstände bestmöglich zu verwerten. Gespräche mit der Kulmbacher Brauerei sind wie berichtet erfolgreich abgeschlossen: Die Oberfranken übernehmen ab Mai die Lieferverpflichtungen, nicht verbrauchte Rohstoffe sowie sämtliche Getränke, die bis Ende April nicht mehr verkauft werden. Auch das Leergut von Kunden des Brauhauses nimmt die Kulmbacher noch bis Ende Juli 2015 zurück. Wo und wie, das wird noch mitgeteilt, hieß es.
Auf dem Gelände ist am Montag noch Betrieb. Die Stimmung ist natürlich im Keller. Mehr als verständlich angesichts des Wechselbades, das die noch 35 Mitarbeiter, viele lange Jahre dabei, durchmachen mussten. "Das muss man erst einmal verkraften", sagt einer. Die meisten schweigen. Wer sich äußert, tut das - warum auch immer - vorsichtig. Man hört von "großer Enttäuschung" "Verzweiflung", einer macht wegen seiner vielen Extra-Einsätze kein Hehl aus seiner Verärgerung. Allen wird betriebsbedingt gekündigt. Der angekündigte Interessenausgleich nebst Sozialplan tröstet nur bedingt.
Die Pleite hat weitere Folgen. Viele Brauhaus-Gaststätten befinden sich in eigenen Immobilien, die die alte Brauhaus GmbH angepachtet hatte. Für die Wirte war das einfach: Für Pacht und Bierlieferung gab es einen Adressaten - Brauhaus. Die Regie für diese Immobilien übernahm aber zum 1. Januar 2014 die Real-Grund GmbH &  Co. Vermögensverwaltung KG (RGV) Die 2003 gegründete RGV ist eine Tochter der Flessabank mit Sitz deshalb auch in der Luitpoldstraße.
Die Umstellung hieß für diese Wirte: Die Pacht geht nun an den Eigentümer der Immobilie. Das Bier lieferte weiter das Brauhaus, mit der die RGV eine Vereinbarung hatte. "Betroffen" waren von der Neuregelung eine Reihe bekannter Gaststätten in der Stadt wie das Weiße Rössl, Brauhaus am Markt oder die Hölle und solche in der Region.
Die Umstellung erklärt der beim Bankhaus für Immobilien zuständige Horst Hübner auf Anfrage so: Die RGV hat die Einrichtungen übernommen und investiert in die Immobilien/Gaststätten wie aktuell bei der Gaststätte Stadt Bad Kissingen (Niederwerrner Straße). Alternative für die Wirte wäre gewesen, statt der reduzierten Pacht eine höhere zu akzeptieren bei dann freier Wahl des Bierlieferanten. Die Wirte blieben beim 1858 gegründeten Brauhaus, für das Geschäftsführer und Gesellschafter Heinrich Weck (seit 2010) aber Ende 2014 die Zahlungsunfähigkeit anmelden musste. Das veranlasste die RGV - zur Sicherstellung der Bierlieferung an die Wirte in RGV-Immobilien - Angebote einzuholen. Den Zuschlag erhielt die Kulmbacher Brauerei. Ausschlaggebend war auch deren Angebotspalette an Bieren, sagt Hübner.

Möglicherweise Wohngebiet

Bezüglich der alkoholfreien Getränke ließ man den Pächtern freie Hand. Um einen günstigeren Preis zu erzielen, bot man eine Sammelbestellung durch Sagasser an. "Kein Wirt ist schlechter gestellt als das bei der Brauhaus-Bindung der Fall war".
Auch die Wirte, die "nur" Bierlieferverträgen haben, werden Produkte der Kulmbacher anbieten, weil diese durch Verträge aufgrund erbrachter Leistungen (neue Theke, Küche saniert, Möbel) längerfristig gebunden sind. Die Antwort auf die oft gestellte Frage, ob das "Brauhaus am Markt" weiter so heißen darf, lautet Ja. Der Begriff ist nicht geschützt und auch die Kulmbacher Gruppe ist ein Brauhaus. Übrigens: Es weht dort schon eine Mönchshof-Flagge und stehen Keiler-Bier-Schirme.
Was geschieht mit dem Brauereigelände? Eine gewerbliche Nutzung ist wegen des Gebietsstatus - Mischgebiet - nahezu ausgeschlossen, bestätigt Hübner. Dass man der "Alternative" Wohnen zuneigt, verhehlt er trotz des frühen Stadiums nicht. Rund 18 000 Quadratmeter groß ist das Gelände und bietet entsprechende Möglichkeiten. Nötig sei aber ein Gesamtkonzept fürs ganze Areal. Sicher erhalten bleibt wohl das historische Sudhaus, wenngleich es derzeit (noch) nicht unter Denkmalschutz steht. Hannes Helferich


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