Bad Königshofen im Grabfeld

Das Fahrrad wurde zweimal erfunden

Gedenkjahr 200 Jahre Fahrrad - der Radfahrerverein Grabfeld Untereßfeld feiert mit
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35 interessante Exponate mit geschichtlichem Hintergrund, eine Radlerstube und vieles mehr befinden sich im Radlerheim in Untereßfeld, hier mit den beiden Vorsitzenden Wolfgang Dippert (rechts) und Ambros Stahl.  Foto: Regina Vossenkaul
35 interessante Exponate mit geschichtlichem Hintergrund, eine Radlerstube und vieles mehr befinden sich im Radlerheim in Untereßfeld, hier mit den beiden Vorsitzenden Wolfgang Dippert (rechts) und Ambros Stahl. Foto: Regina Vossenkaul
Am 12. Juni 1817 fuhr Karl Drais erstmals auf einem Laufrad durch Mannheim, deshalb gedenkt man 2017 dieser bahnbrechenden Erfindung vor 200 Jahren, aus der sich das moderne Fahrrad entwickelt hat. Die Vorsitzenden des Radfahrervereins Grabfeld Untereßfeld, Wolfgang Dippert und Ambros Stahl, sind sich jedoch sicher: Das Fahrrad wurde mindestens zweimal erfunden.

Das Laufrad gilt als die Urform des Fahrrads, für das nach mehreren, teilweise wieder verworfenen Entwicklungen optimale, bedarfsgerechte Lösungen für Kraftübertragung, Bereifung und Lenkung gefunden wurden. Schon lange vor Karl Drais hat jedoch ein Vorfahre des Bad Königshöfer Dr. Gert Kaßler, ein findiger Bauer und Stellmacher namens Michael Kaßler um 1761 in Braunsdorf (heute Braunsbedra in Sachsen-Anhalt) ein Laufrad erfunden. Diese Tatsache berücksichtigt die Stadt sogar in ihrem Wappen. Überliefert ist der Anstoß zur Idee. Da Kaßler wohl öfter mal zu spät bei seiner Herrschaft erschien, wurde er ermahnt: "Kerl, mache er sich Räder unter die Beine, dann geht es schneller, wenn ich ihn rufe." Die Idee des Erfinders "hinten wie `ne Karre, vorn wie "ne Kutsche", funktionierte, war aber mit rund 75 Kilo im Gegensatz zur Erfindung von Drais wesentlich schwerer. Zwischen den zwei eisenbeschlagenen Rädern war ein Sitz so tief eingepasst, dass die Füße den Boden berührten. Weil dann aber die Lenkung, die senkrecht direkt mit der Vorderachse verbunden war, mit den Armen nicht erreichbar war, baute er einen zweiten Lenker ein und ein Gestänge, das beide miteinander verband. Mit seinem Tod endete die Entwicklung anscheinend, später wurde ein Nachbau angefertigt.
Karl Drais hat sich laut Überlieferung eher an einem "hölzernen Pferd" orientiert. Dafür spricht, dass es zur Zeit seiner Erfindung 1817 Missernten gab und Futter sehr teuer war. Klar war dem Erfinder, dass seine "Laufmaschine" einen festen hinteren Teil und einen lenkbaren vorderen Teil haben muss und dass eine gewisse Geschwindigkeit Voraussetzung für das Balancieren ist. Heute - nach rund 200 Jahren - ist das Fahrrad weltweit Sport- und Freizeitgerät und Transportmittel, da feiert der Radfahrerverein, der das Radmuseum in seinem Radlerheim in Untereßfeld betreibt, natürlich mit. Eine entsprechende Festlichkeit im Sommer wird rechtzeitig angekündigt.
Rund 35 Fahrräder, die ältesten aus dem Jahr 1885 sind im Radlerheim ausgestellt, auf Informationstafeln wird die Geschichte des Fahrrads und des Vereins aufgezeigt. Nach der Gründung im Jahr 1920 schaffte der Verein sich 1923 eine bestickte Standarte an, die im Radlerheim zu sehen ist. Der Verein zählt heute rund 30 Mitglieder, führt Touren, Ausstellungen und Frühschoppen durch. Es werden auch Führungen durch das Radmuseum angeboten, nach telefonischer Anmeldung bei Vorsitzendem Wolfgang Dippert, Tel.: 09763/629. Das Gebäude gehört der Stadt Bad Königshofen und diente zuletzt als Armenhaus. Da es in Dipperts Garage keinen Platz mehr gab für die interessanten Fahrräder, die der Verein schon angeschafft hatte, entrümpelten und renovierten die Mitglieder in über 4.000 Stunden freiwilliger Arbeitsleistungen das Gebäude, in dem sich neben den Ausstellungsräumen auch eine Radlerstube und eine Werkstatt für die Krippenbauer befindet. Die Einweihung des Radlerheims erfolgte im Juni 2003.
Die Besucher können dort viel lernen über die Geschichte des Fahrrads und unter anderem das fast noch original erhaltene Hochrad von 1885, das mit einer besonderen Auf- und Abstiegstechnik benutzt wurde, bewundern. Als er Freilauf 1903 von Ernst Sachs in Schweinfurt erfunden wurde (vorher drehten sich die Pedale immer mit), wurden die Aufstiegshilfen am Hinterrad überflüssig.
Stolz sind die Mitglieder auch auf den vom Untereßfelder Schreiner Siegfried Ebner angefertigten Nachbau eines Laufrads, das auf die heutige Größe der Fahrradfahrer angepasst wurde und schon mehrmals bei Ausstellungen und Veranstaltungen zu sehen war. Interessantes wie das Rennrad im Koffer, angefertigt für den Porsche, ein Tandem, ein Tridem, ein Krankenstuhl, ein Dreirad als Transportmittel für fahrende Händler, ein Rad, das sich auf und ab bewegt wie der Pferderücken können sich die Besucher erklären lassen. Auch aus der Neuzeit gibt es interessante Exemplare, darunter auch Kinderräder. Das Bonanza-Fahrrad, mit hohem Lenker wie bei "Easy Rider" und dem langen Sattel mit Rückenlehne war der letzte Schrei in den 1960er Jahren.
Egal, wer es zuerst gefunden hat: Das Fahrrad ist es wert, gebührend gefeiert zu werden. Seine Erfindung war deshalb ein wichtiger Schritt, weil daraus viele weitere Entwicklungen folgten: Freilauf, Kugellager, Speichenrad, luftgefüllte Reifen, Federungen, leichte Materialien und glatte Straßen - alles Voraussetzungen für die Entwicklung von Fahrrädern und später von Automobilen. Infos über Michael Kaßler unter www.kassler-laufrad.de. vos

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