Bad Königshofen im Grabfeld
Nepal

Blauer Himmel über Kathmandu: Ärztin aus Bad Königshofen in Nepal

Erdbeben zerstörten viele Städte und Dörfer in Nepal. Birgit Kirsch aus Bad Königshofen befand sich mitten in der Katastrophe. Seit vielen Jahren hilft die Ärztin ehrenamtlich im Amppipal Hospital in Kathmandu.
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Traditionelle Begrüßung durch die Kinder der Schule von Phera mit Übergabe einer Kattha, einem Seidenschal an die deutsche Ärztin aus Bad Königshofen. Foto: Privat
Traditionelle Begrüßung durch die Kinder der Schule von Phera mit Übergabe einer Kattha, einem Seidenschal an die deutsche Ärztin aus Bad Königshofen. Foto: Privat
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Im April und Mai diesen Jahres zerstörten Erdbeben viele Städte und Dörfer in Nepal. Birgit Kirsch aus Bad Königshofen befand sich damals mitten in der Katastrophe. Seit vielen Jahren fliegt die Ärztin aus Bad Königshofen im Urlaub nach Nepal um dort ehrenamtlich im Amppipal Hospital in Kathmandu mit zu arbeiten. Auch jetzt war die Ärztin wieder vor Ort.

Die Chirurgin arbeitet normalerweise an der Herz- und Gefäßklinik des Rhönklinikums in Bad Neustadt, zudem kommt sie im Raum Bad Königshofen als Notärztin zum Einsatz. Jetzt war sie wieder in Kathmandu unterwegs - im Gepäck hatte sie unter anderem orthopädische Implantate dabei. Diese lieferte sie gleich am ersten Tag im Grande Hospital ab.

"Besonders betroffen ist Nepal vom Embargo der indischen Regierung.
Das stürzt die Erdbebenregion in eine tiefe Krise und behindert den Wiederaufbau", beschreibt die Ärztin die Situation vor Ort. Bereits einen Tag nach ihrer Ankunft machte sie sich zu einer ersten Bestandsaufnahme im Dorf Phera auf. Insgesamt vier Tage war sie mit ihren Helfern unterwegs, besichtigte und fotografierte beschädigte Häuser, sprach mit Bewohnern und erstellte eine Dokumentation. Es handelt sich um eine Großgemeinde, die sich weitläufig über einen Hang erstreckt, weit abgelegen im Distrikt Solu. 81 Häuser gibt es und seit einem Jahr elektrischen Strom, erzeugt von einem kleinen Wasserkraftwerk. Die Elektrifizierung haben die Bewohner aus eigenem Antrieb und in Eigenleistung zu Wege gebracht.

Das erste Erdbeben vom 25. April hat in Phera noch relativ wenig Schaden angerichtet. Das zweite, vom 12. Mai, aber umso mehr: Alle Häuser sind beschädigt, viele sind so instabil, dass sie neu aufgebaut werden müssen. Die Bewohner der Häuser leben nach wie vor in selbst fabrizierten Notunterkünften. Häufig wurde das Vieh ausquartiert und der Stall als vorübergehendes Wohnhaus eingerichtet. Zudem wurde das Dorf von einer Raupenplage heimgesucht, die einen Großteil der Ernte an Mais und Kartoffeln vernichtet hat. In einem eigenen Komitee zum Wiederaufbau des Dorfes wurde entschieden, dass 25 besonders stark betroffene Häuser saniert werden. Dazu gibt es einen finanziellen Zuschuss. "Ich darf an dieser Stelle den tiefen Dank der Einwohner von Phera übermitteln, insbesondere an unsere Sponsoren wie den Lionsklub und den Pfarrgemeinderat von Bad Königshofen und an viele andere", so Kirsch. Jetzt fand Dashain - das wichtigste Fest im Jahr - statt. Birgit Kirsch war bei Bekannten eingeladen und weil sie ordnungsgemäß gekleidet sein wollte, trug sie ein Salwar Kameez. Das ist ein längeres Hemd, das locker über einer Hose (Salwar) getragen wird und ab der Hüfte abwärts geschlitzt ist, Frauen tragen noch eine Dupatta, einen langen, breiten Schal, der über eine Schulter, um den Hals oder über den Kopf gelegt wird. Doch das ist Nebensache. Kirsch versuchte auf dem Fest eine Firma als Lieferant für Katheter und Zubehör an Land zu ziehen. Zur katastrophalen medizinischen Versorgung kommt immer noch die Lebensmittelknappheit dazu und im Kathmandu Valley wird das Wasser knapp. Die Telefongesellschaften melden, dass sie den Betrieb nicht mehr lange aufrecht erhalten können. Das könnte dazu führen, dass es bald kein Internet und Telefon mehr gibt. Schulen schließen, weil die Schulbusse mangels Benzin nicht mehr fahren können und die Schulkantinen kein Gas mehr zum Kochen haben. In 40 Prozent der Restaurants gibt es kein Essen mehr, weil diese auch kein Gas zum Kochen haben.

Für Birgit Kirsch steht fest: Indien missachtet mit seinem Embargo internationales Recht. Dort gibt es wohl einen Passus für Länder, die keinen Zugang zu einem Seehafen haben. " Der zielt darauf ab, genau solche Situationen zu verhindern, wie sie jetzt vorherrschen: Ein Land wird aufgrund seiner Binnenlage erpressbar. Die Ärztin weiss, dass es Verhandlungen mit Bangla Desh gab, Sprit einzufliegen. "Ist schon komisch, dass der Rest der Welt so gar keine Notiz davon nimmt, was hier gerade passiert. Ein Sprecher des Nepal Medical Council (Anm. der Redaktion: nepalische Ärztekammer) ließ in der Zeitung verlauten, dass, sollte das Embargo noch ein paar Tage anhalten, auch die Kliniken in Kathmandu schließen müssten. Patienten aus dem Umland können schon länger nicht mehr behandelt werden, weil es keine Transportmöglichkeiten in die Stadt gibt. Auch die Medikamente gehen aus. "Es ist kaum noch Verkehr in den Straßen. Noch nie war der Himmel über Kathmandu so klar! Und noch nie die Bergsicht so genial", schreibt die Ärztin in einer Mail. Sie befürchtet, die Situation könne sich zuspitzen und es könnte Krieg geben. Eine deutsche Hebamme, die für drei Monate in Amppipal arbeiten wollte, hat schon die Flucht zurück nach Deutschland ergriffen. Der Bus, in dem sie saß, war in Damauli beschossen worden, allerdings hatte dies keinen politischen Hintergrund.
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