Nürnberg
Filmpremiere

WM-Heldenepos "Die Mannschaft" schießt daneben

In dem Kinofilm "Die Mannschaft" setzt der Deutsche Fußball-Bund seinen WM-Helden ein blasses cineastisches Denkmal. Der Siegeszug der deutschen Elf wird in bunten Bilder ohne Tiefgang dokumentiert.
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Jubelszenen mit Mats Hummels (oben) oder Lukas Podolski (unten links) und Bastian Schweinsteiger sollen in dem Film die Emotionen transportieren. Foto: DFB
Jubelszenen mit Mats Hummels (oben) oder Lukas Podolski (unten links) und Bastian Schweinsteiger sollen in dem Film die Emotionen transportieren. Foto: DFB
Es gibt Wörter, die kann man nicht übersetzen. Kindergarten oder Schadenfreude zum Beispiel. Seit dem WM-Sommer ist auch "die Mannschaft" weltweit zum geflügelten, deutschen Wort geworden. "Brasilien hat Neymar. Argentinien hat Messi. Portugal hat Ronaldo. Deutschland hat eine Mannschaft!", twitterte die englische Fußball-Legende Steven Gerrard nach Deutschlands phänomenalem Halbfinalsieg gegen Brasilien.

Nun also bringt der DFB einen Streifen mit dem Titel "Die Mannschaft" in die deutschen Kinos, um der erfolgreichen Elf ein filmisches Denkmal zu setzen. Wie ein Fan im Stadion drückt auch der Zuschauer im Kinosessel den verehrten Helden in kurzen Hosen die Daumen. Schließlich hofft man als Deutschland-Fan inständig, dass Jogis Jungs auch dieses Spiel gewinnen.

Gleich nach dem Anstoß legt die Elf gleich richtig los. Thomas Müller macht im Trainingslager das Kasperl im Dirndl. Dann die Ankunft in Brasilien. Mit der Fähre gleiten die Waden der Nation ins exotische Mannschaftslager. Lukas Podolski strahlt. Die Sonnenbrillen sitzen perfekt. Sami Khedira erzählt, er habe sich in dem Luxus-Ressort gleich heimisch gefühlt. Der Fan im Kinosessel atmet zum ersten Mal auf. Sie fühlen sich also heimisch, die Jungs, im fernen Campo Bahia.

Oliver Bierhoff klopft sich aus dem Off verbal selber auf die Schulter. Wie toll er das gemacht habe, die Sache mit der Auswahl des Hotels. Dass man extra bei Tageslicht eintreffen wollte, damit die Kicker etwas von der Magie des Ortes in sich aufnehmen könnten. Dieses gesalbte Gerede plaudert Bierhoff nicht an Ort und Stelle in die Kamera. Wie in einem staatstragenden Dokumentarfilm werden die nachträglich aufgezeichneten Statements der Mannschaft zwischen die WM-Bilder aus Brasilien montiert.

Der Spannung tut das gar nicht gut. Hinterher weiß schließlich jeder mehr. Man befürchtet zum ersten Mal, bei diesem Auftritt der DFB-Elf könnte es sich eher um ein müdes Freundschaftsspiel handeln. Die Musik, die Helmut Zerlett ausgewählt hat, tut leider ein übriges. In Verbindung mit den bunten Bildern wirken die poppigen Klänge wie der Soundteppich eines Werbeclips.

Bierhoff aus dem Off
Nach den bunten Urlaubsimpressionen wird endlich trainiert. Aber nur kurz und wieder im Stakkato. Danach tanzt die Mannschaft mit kostümierten Indianern und besucht eine Schule. Bastian Schweinsteiger muss in den Bus getragen werden, weil er auf den PR-Termin offensichtlich "keinen Bock" hat. Der Mannschaft fliegen die Herzen der Kinder trotzdem entgegen. Bierhoff schwärmt wieder aus dem Off, wie toll sich die Mannschaft auch neben dem Platz verhalten habe. Sympathie-Punkte und so. Botschaft: Wir igeln uns auf unserer Insel nicht ein.

Nach dem Anfangsgeplänkel rollt endlich die Murmel gegen Portugal. Weil der DFB den Film in Koproduktion mit dem ins Gerede gekommenen Weltverband Fifa produziert hat, dürfen wohl auch die vier Tore in voller Länge gezeigt werden. Spät in der Nacht kehrt die Mannschaft triumphierend zurück in ihre Oase. Christoph Kramer stimmt unter dem romantischen Sternenhimmel ein Liedchen an. Die Mannschaft trällert siegestrunken mit.


Golf-Trip ohne Kamera
Müller darf am nächsten Tag mit dem Helikopter zum Golfen fliegen. Wie die netten Fußball-Millionäre von nebenan schauen die jungen Kicker im Golfdress nicht mehr aus. Mit ihren Schirmmützen wirken sie eher wie die abgehobenen Sprösslinge eines absolutistischen Herrscherhauses. Den netten, kleinen Golf-Trip mit seiner Kamera begleiten durfte Martin Christ freilich nicht. Hier liegt wohl das Grundproblem dieses Films.

Der bekannte Kameramann hat zahlreiche Dokumentationen mit Titeln wie "Alltag im Vatikan" oder "Kampf um Germanien" gedreht. Keine Frage: Christ liefert auch für den Streifen des DFB schöne Aufnahmen. Als Autor mit eigener Handschrift tritt er bei seinem Regie-Debüt allerdings nicht auf. So wird man das Gefühl nicht los, als versuche der DFB hier seine Version der WM-Geschichte unters Volk zu bringen. Die ist leider trotz aller schönen Augenblicke ziemlich glatt und oberflächlich.

Mit den Zauber-Toren von Götze, Müller & Co. hat sich die Elf auf dem Platz durchgesetzt. Mit ihrer Leistung hat die Mannschaft auch den Wortschatz weltweit erweitert. Dass die Mannschaft auch Kino-Geschichte schreiben wird, dürfte so unwahrscheinlich sein wie eine Niederlage gegen Gibraltar. Das Spiel auf der Leinwand funktioniert eben nach anderen Regeln. Der DFB hätte gut daran getan, das Filmgeschäft den Filmleuten zu überlassen. Dieser Streifen verdient keinen Weltpokal. Die Zuschauer sollten dem Film die rote Karte zeigen.





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