Nürnberg
Tragödie an S-Bahnhof "Frankenstadion"

Video soll S-Bahn-Drama in Nürnberg zeigen - Bürgermeister warnt vor "grausamen Szenen"

Nach dem S-Bahn-Drama in Nürnberg soll ein Video im Internet kursieren, das das schreckliche Ereignis zeigt, bei dem zwei Jugendliche (beide 16) starben. Der Nürnberger Bürgermeister Klemens Gsell (CSU) hat sich bereits an die Schulleiter der Stadt gewandt.
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Video aufgetaucht: Zwei Jugendliche verloren bei dem S-Bahn-Drama in Nürnberg ihr Leben. Foto: Daniel Karmann/dpa
Video aufgetaucht: Zwei Jugendliche verloren bei dem S-Bahn-Drama in Nürnberg ihr Leben. Foto: Daniel Karmann/dpa
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Video von S-Bahn-Drama in Nürnberg im Umlauf? Bürgermeister warnt Schulleiter: Nach dem S-Bahn-Drama in Nürnberg, bei dem zwei 16-jährige Jugendliche ihr Leben verloren, soll nun ein Video im Umlauf sein, das Grausames zeigt. Der Nürnberger Bürgermeister Klemens Gsell (CSU) wandte sich an die Schulleiter. "Einen generellen Elternbrief haben wir nicht verschickt, um nicht noch mehr Werbung für dieses Video zu machen", sagt Gsell inFranken.de.

Schulleiterin in Nürnberg wendet sich an Eltern und Schüler

Gsell habe die Schulleiter frühzeitig informiert und darum gebeten, besonnen und sensibel auf ein mögliches Auftauchen des Videos zu reagieren. In den vergangenen Tagen sei von dem besagten Video zumindest an der Veit-Stoß-Realschule im Nürnberger Stadtteil Schoppershof verstärkt die Rede gewesen.

Nach Medienberichten soll die Schulleiterin, Siegrun Graff, in Absprache mit dem Nürnberger Schul-Bürgermeister Gsell in einem Schreiben an Eltern und Schüler appelliert haben, die Verteilung des Videos zu beenden, um die Trauer der betroffenen Familien nicht noch zusätzlich zu erhöhen.

Bürgermeister: "Film zeigt grausame Szenen"

In einem anderen Schreiben hatte Gsell die Nürnberger Schulleiter bereits am 30. Januar 2019 vor dem Video gewarnt. Dort stand: "Von dem Unglück am S-Bahnhof Frankenstadion kursiert ein Film, der grausame Szenen zeigt (die Polizei ist informiert). Haben Lehrkräfte Hinweise oder Beobachtungen, dass dieser Film bei ihren Schülerinnen und Schülern ankommt, dann sollten sie die deutliche Gefahr einer Belastung bis hin zur Traumatisierung benennen, wenn sich Jugendliche diesen Film anschauen. Das Ziel ist, sich vor dieser Belastung zu schützen. Deshalb der Rat: Den Film nicht anschauen, nicht weiterleiten und löschen! Dabei geht es auch um Respekt vor der Trauer der Hinterbliebenen."

Mutmaßliche Täter in U-Haft: "Es besteht erhebliche Fluchtgefahr"

Seit dem S-Bahn-Drama sitzen zwei 17-jährige Jugendliche in U-Haft. Laut Staatsanwaltschaft besteht "erhebliche Fluchtgefahr". Beim Haftgrund spiele der Migrationshintergrund der mutmaßlichen Täter aber vermutlich eine untergeordnete Rolle.

Als Grund für die U-Haft führt die Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke vor allem die Schwere der vorgeworfenen Tat an. "Gegen die beiden besteht der dringende Verdacht auf zweifachen Totschlag", erklärt sie. "Je schwerer der Vorwurf, desto höher ist die Fluchtgefahr." Der Migrationshintergrund der beiden 17-Jährigen sei vermutlich nicht ausschlaggebend bei der Entscheidung für die U-Haft gewesen. Die Familien der beiden stammen aus Griechenland und der Türkei, die Jugendlichen haben aber die deutsche Staatsangehörigkeit.

Heimatgemeinde Heroldsberg trauert um getötete 16-Jährige

Mehrere Hundert Angehörige, Freund und Weggefährten der getöteten 16-Jährigen hatten am Samstag im mittelfränkischen Heroldsberg Abschied genommen. Die beiden Jugendlichen sind am vergangenen Wochenende am S-Bahnhof "Frankenstadion" in Nürnberg in der Folge einer Auseinandersetzung ums Leben gekommen.

Zwei 17-jährige Kontrahenten haben die 16-Jährigen aus Heroldsberg in der Nacht auf Samstag (26.01.19) im Streit in die Gleise geschubst. Gegen 00.15 Uhr war es am Samstag laut Polizei zwischen mindestens fünf Jugendlichen am Bahnsteig aus "einem völlig nichtigen Anlass" zu einem Streit. Im Verlauf der Auseinandersetzung gerieten drei Jugendliche - alle 16 Jahre alt - ins Gleisbett. Während sich einer der Jugendlichen noch rechtzeitig aus dem Gleisbett retten konnte, wurden die anderen beiden 16-Jährigen von einer S-Bahn erfasst und mitgerissen. Sie waren sofort tot.

Die Heimatgemeinde Heroldsberg im Kreis Erlangen-Höchstadt trauerte am Samstagmittag. Während eines ökumenischen Trauergottesdienstes sagte der evangelische Pfarrer Thilo Auers in seiner Trauerrede, Gott halte die beiden "unendlich sanft in seinen Händen". Es gebe eine Zuversicht, die die Grenzen des Todes sprenge.

Ermittlungen wegen vorsätzlichen Totschlags

Nach der tödlichen Tragödie wird gegen zwei 17-jährige Jugendliche wegen vorsätzlichen Totschlags ermittelt. Dem bisherigen Kenntnisstand zufolge hätten die beiden jungen Männer billigend in Kauf genommen, dass ihre Kontrahenten von einem herannahenden Zug erfasst werden, sagte Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke der Deutschen Presse-Agentur.

Ein Ermittlungsrichter erließ gegen zwei 17 Jahre alte Jugendliche Haftbefehle wegen zweifachen Totschlags. Sie kamen in Untersuchungshaft.

Weiterhin Zeugen der Tat gesucht

Das Fachkommissariat der Kriminalpolizei Nürnberg richtete schließlich die Ermittlungskommission "Frankenstadion" ein. Es werden weiterhin Zeugen gesucht, die sachdienliche Wahrnehmungen zum Tatgeschehen gemacht haben. Hinweise können rund um die Uhr unter folgender Rufnummer beim Kriminaldauerdienst Mittelfranken hinterlassen werden: 0911/2112-3333.

Sollten zu den Geschehnissen auf dem Bahnsteig "Frankenstadion" digitale Aufzeichnungen in Form von Video- oder Bildmaterial vorhanden sein, bittet die Polizei darum, diese zur Verfügung zu stellen. Hier ist dies anonymisiert möglich.

Passanten oder Fahrgäste, die wegen des Ereignisses auf dem Bahnsteig Hilfe benötigen oder hierdurch in eine seelische Notlage geraten sind, können sich kostenfrei und auf Wunsch anonym an den Krisendienst Mittelfranken wenden. Die Angebote des Krisendienstes unterliegen sowohl der Schweigepflicht als auch dem Datenschutz.

Fußballverein der beiden getöteten Jungen trauert

Die beiden 16-Jährigen, die bei der Tat ums Leben gekommen sind, waren begeisterte Fußballer, wie Fotos der beiden Jungs an der Rathaustreppe in Heroldsberg im Landkreis Erlangen-Höchstadt zeigen. Der Fußballverein des Ortes, bei dem die Jugendlichen aktiv waren, veröffentlichte auf seiner Facebook-Seite ein Foto, das zahlreiche Kerzen und Fotos in Gedenken an die beiden verunglückten Jungen zeigt. Eine für das Wochenende geplante Veranstaltung war wegen des tragischen Unglücks abgesagt worden.

"Es ist nicht in Worte zu fassen. Wir sind in einer gewissen Schockstarre", sagte die erste Vorsitzende des Turn- und Sportvereins Heroldsberg, Stefanie Piegert der Deutschen Presse-Agentur. Die 16-Jährigen hatten dort von Kindesbeinen an Fußball gespielt, zuletzt in der A-Jugend. "Es waren tolle Spieler, nette, freundliche Menschen." Die Spieler der beiden Erwachsenen-Mannschaften würden sich der Mitspieler der Jugendlichen annehmen und bei der Trauerarbeit helfen, sagte Piegert.

Einige Jugendliche, die das Unglück am Samstag hautnah miterlebt hatten, berichten gegenüber BR24 davon, die Bilder der traumatischen Nacht nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen. Auch schliefen sie schlecht. Gesprächsangebote durch Notfallseelsorger oder Krisendienste seien jetzt besonders wichtig, sagte Patrick Nonnell, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie im Kindes- und Jugendalter am Klinikum Nürnberg dem BR.

Der Psychologe hat auch eine Erklärung dafür, warum es häufig Jugendliche und junge Männer sind, die in Gewalt und Schlägereien verwickelt werden. Der Grund: Falsche Rollenvorbilder und Identifikationsfiguren. Gewalt bei Männern werde in der Gesellschaft häufig als positiv dargestellt - zum Beispiel in Filmen oder Serien. Jugendliche wetteifern dann einem starken Helden nach. Auch die Suche nach "Kick-Erlebnissen" spiele laut Nonnell eine gewichtige Rolle.

Heroldsberger beklagen sich über aggressive Journalisten und Kameramänner

Unterdessen beklagen sich einige Einwohner Heroldsbergs (die beiden Opfer stammen aus Heroldsberg im Kreis Erlangen-Höchstadt) über aufdringliche Journalisten und Berichterstatter. Bürgermeister Johannes Schalwig sagte gegenüber den Nürnberger Nachrichten: "Es ist einfach unmöglich, wie versucht wurde, Jugendliche abzufangen und aus ihnen etwas herauszuquetschen". Auch seien Jugendliche bis nach Hause verfolgt worden, um Details zu Samstagnacht zu erfahren. Ebenso ist von aggressiven Kameramännern die Rede, die sich am Rathausplatz positioniert hatten, wo Trauernde auf einer Treppe Lichter für die beiden getöteten Jugendlichen aufstellten. Einer der Kameramänner soll Umstehende beschimpft haben, als sie ihn aufforderten, an dem Ort der Trauer nicht zu filmen.

Laut dem Nürnberger Bericht gehen die Familien der beiden Opfer nun auch gegen die Berichterstattung der "Bild"-Zeitung vor und haben eine Abmahnung geltend gemacht. Die "Bild" hatte Fotos der Verstorbenen veröffentlicht und dabei auch noch die Namen vertauscht. Auch eine Comic-Zeichnung zu dem Unglück empfanden Schüler im Ort als geschmack- und würdelos.

Tragödie in Nürnberg - Schweigeminute bei Club-Spiel

Der Fußball-Bundesligist 1. FC Nürnberg kündigte an eine Schweigeminute am Samstag im Vorfeld des Bundesliga-Heimspiels gegen den SV Werder Bremen (15.30 Uhr) an.

 

 

Was war der Grund für die Auseinandersetzung?

Wie die Jugendlichen ins Gleis gerieten und was den Streit auslöste, ist noch Gegenstand der Ermittlungen. "Es kann noch kein Zwischenstand mitgeteilt werden, um nicht die noch anstehenden weiteren Zeugenvernehmungen zu beeinflussen", erklärte Staatsanwältin Gabriels-Gorsolke.

Zur Tatzeit warteten auf dem Bahnsteig laut Polizei rund 150 vor allem junge Menschen. Sie kamen von einer Party in einer nahegelegenen Diskothek und wollten mit einem der letzten Züge nach Hause fahren. Deswegen seien die Ermittlungen zum genauen Geschehen sehr schwierig, Dutzende Zeugen müssten befragt werden. Die Kripo wertet auch die Videoaufnahmen der Überwachungskameras aus dem Bahnhof aus.

Mehrere Notfallseelsorger und weitere Betreuungskräfte kümmerten sich um die Beteiligten und Betroffenen. Die Verkehrsaktiengesellschaft Nürnberg stellte zwei Linienbusse zum witterungsbedingten Aufenthalt zur Verfügung.

Tödliche Schlägerei an S-Bahnhof in Nürnberg - weitere Bilder

 

 

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Für die Dauer der Tatortaufnahme blieb die Strecke für den Zug- und S-Bahnverkehr über mehrere Stunden gesperrt. Es kam zu massiven Störungen im S-Bahn-Betrieb. ak/dpa

 



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