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TV-Kritik: So gut ist der neue Franken-Tatort

"Ich töte niemand" ist eine filmische Reise in das dunkle Herz Frankens. Die vierte Franken-Tatort ist der bislang mit Abstand beste.
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Die  fränkischen Tatort-Ermittler  geraten     dieses Mal an ihre Grenzen.Fotos: Bayerisches Fernsehen
Die fränkischen Tatort-Ermittler geraten dieses Mal an ihre Grenzen.Fotos: Bayerisches Fernsehen
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Selbst wenn die fränkischen Ermittler ausgelassen feiern, sind Tod und Verzweiflung nur einen Anruf entfernt. Dann ersterben die Gespräche, dann blicken die Kommissare gedankenverloren ins Nichts, dann ist das, was gerade noch eine Gemeinschaft gut gelaunter Kollegen war, nur noch eine Ansammlung einsamer Individuen.

Dann fühlt sich jeder in dem bestätigt, was er vom Leben ohnehin zu wissen glaubt: "Ich finde das ganze Leben, und wie es sich entwickelt, mega-, megascheiße", sagt Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs).


Lauter erschöpfte Menschen

Mit "Ich töte niemand" etabliert Regisseur Max Färberböck die fränkischen Ermittler endgültig als abgeschlagene, vom Leben erschöpfte und aufgezehrte Menschen.

So entwickelt der drei Episoden lang eher unentschlossen vor sich hin stolpernde Franken-Tatort endlich eine präzise Vorstellung von sich selbst. Es ist insofern stimmig, dass auch das Franken so gar nichts mit jenem sinnenfrohen Landstrich zu tun hat, den Menschen in aller Welt aus ihren Reiseführern kennen. Das Franken im "Tatort" ist düster und bedrohlich, bewohnt von wund gescheuerten Menschen. Die Räume, in denen sie ihre Leben über sich ergehen lassen, sind voll lebensfeindlich zugezogener Vorhänge und schwerer Möbel. Es sind "schwarze Räume", wie Voss sagt.


"Damit werden wir berühmt"

Gesprochen wird wenig, und schon gar nicht über die eigenen Gefühle. Auch deshalb liegen sechs Menschen tot in ihrem Blut. Ein Libyer und seine Schwester sind die ersten, grausam erschlagen, ihre Leichen eingepackt in weiße Säcke.

Die Gesellschaft, von der Flüchtlingskrise kognitiv überfordert und moralisch überhitzt, fordert schnelle Antworten. "Zwei tote Libyer. Auf die widerwärtigste Art und Weise erschlagen. Damit werden wir berühmt", sagt der von Matthias Egersdörfer als bärbeißiger Phlegmatiker gespielte Spurensicherer Schatz.

Wie schon der in Bamberg spielende dritte Franken-Tatort ist auch "Ich töte niemand" die filmische Erkundung einer verunsicherten, wütenden Gesellschaft. Hier die Deutschen, dort die Libyer und mittendrin die immer einen Schritt zu spät kommenden Kommissare. "Es geht um etwas, wovon Sie nicht wirklich etwas verstehen: Ehre", sagt einer der Libyer.

Darin aber täuscht er sich. Auch Deutsche kennen einen ins Perverse getriebenen Ehrbegriff, der den Tod als notwendiges Übel banalisiert. In ihrer schicksalsergebenen Kaltherzigkeit verbindet die beiden Seiten mehr als sie trennt.

"Sie stehen ja schon wieder. Ist das nicht grausam?", fragt Voss am Ende eine Frau, die wie alle Figuren beides zugleich ist: Täter und Opfer. Als Voss dies sagt, liegt seine Kollegin Ringelhahn (Dagmar Manzel) am Boden neben ihm. Fertig mit sich und der Welt. Angekommen am Nullpunkt ihrer Existenz. Nach 90 aufwühlenden Fernsehminuten würde man sich in diesem Moment sehr gern neben sie legen.


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