Nürnberg
Umgestaltung

Stadtgarten entsteht am früheren Quelle-Gelände

Die Insolvenz des Versandhauses Quelle hat eine traurige Brache in Nürnbergs Westen gerissen. Doch mittendrin gedeiht das Projekt "Stadtgarten". Wo früher Nürnberger Quelle-Mitarbeiter ihre Autos abstellten, parkt jetzt Großstadtgemüse.
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Gartensofas aus Paletten fürs Feierabendbierchen. Fotos: Ronald Rinklef
Gartensofas aus Paletten fürs Feierabendbierchen. Fotos: Ronald Rinklef
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Trübe Fenster eines 50er-Jahre-Zweckbaus schlucken die letzte Augustsonne. Der 90 Meter hohe Turm mit dem weißen Q auf blauem Grund macht Reklame. Immer noch. Aber das Versandhaus Quelle gibt es seit 2009 nicht mehr. Fast elf Hektar umfasst das Areal, das die Stadt Nürnberg mit Wohn- und Grünflächen wieder beleben will. Noch sieht es so aus: Die Parkplätze wurden als Schutthalde missbraucht, ein paar Kids verbummeln ihre Ferien, kicken Flaschen herum, rauchen.

Ein Parkplatz fällt aus dem Schema. Hier tummeln sich Schmetterlinge, Bienen, Marienkäfer und Menschen unterschiedlichen Alters zwischen Sonnenblumen in Plastikboxen, Bamberger Hörnla, die in Säcken wachsen, zwischen Salaten, die in ausrangierten Badewannen sprießen. Der Quelle-Insolvenzverwalter hat den Parkplatz für 3500 Euro im Jahr an die Organisation "Stadtgarten" verpachtet. Wenn es eine andere Nutzung gibt, müssen Apfelbäumchen und Kartoffeln umziehen. Deshalb die Behälter. Die Pflanzen in der Wandererstraße sind mobil. Großstadtnomaden mit Wurzeln.

Grüne Großstadtnomaden

"Pflanzen gehören in die Erde", sagt Armin Brünner. Er nickt in Richtung der Häuserschluchten, die den Parkplatz säumen. "Aber was machste, wenn du in so'm Scheißblock wohnst?" Brünner ist der einzige richtige Gärtner im ersten mobilen, ökologisch bewirtschafteten Gemeinschaftsgarten Nürnbergs. Vergangenes Jahr wurde der Garten vom Verein Bluepingu eröffnet, und er ist ein Experiment, an dem jeder teilnehmen kann. Weil sich Städter nicht über Nacht in Naturkenner verwandeln, wurde Profi Brünner dazugeholt.

Joanna Nogly sagt, dass hier viele eben nur die Großstadt kennen. "Die allermeisten sind", sie zögert, grinst: "Dilettanten!" Die 24-jährige Studentin gehört zum Kernteam, das den Garten ehrenamtlich bewirtschaftet. Seit Jahren fördert Bluepingu mit verschiedenen Projekten ökologisches und nachhaltiges Leben in der Stadt. Als der Verein 2011 eine Fläche für einen Gemeinschaftsgarten suchte, sprach einiges für den 3500-Quadratmeter großen Parkplatz in Eberhardshof. "Über den Stadtteil wird viel gesprochen", sagt Nogly. Nicht nur wegen des Quelle-Areals, auch wegen des hohen Ausländer- und Arbeitslosenanteils in der Weststadt.

"Wir würden so was nicht in einem Stadtteil machen, wo jeder einen eigenen Garten hat. Ziel ist auch, die Bevölkerung in der näheren Umgebung anzusprechen." Sie winkt einem weißhaarigen Mann, der eine Gießkanne über den Asphalt schleppt. "Er hat hier seine Aufgabe gefunden. Inzwischen hat er echt ein großes Wissen - eine richtige Schatztruhe."

Heißer Asphalt, kühles Bier

Viele, die hier täglich gärtnern, wohnen ums Eck. "Aber wir haben auch einige, die aus ganz Nürnberg kommen. Viele finden das Projekt einfach faszinierend." Die Gründe sind verschieden: Manche interessiert vor allem um die biologische Esskultur, die Idee, zu wissen, woher Lebensmittel kommen und welche es gibt. Etwa 240 verschiedene Pflanzen wachsen auf dem Parkplatz, darunter viele alte Sorten, die im Handel nicht verkauft werden.

"So eine Vielfalt ist in einem Privatgarten nicht möglich", sagt Nogly. "Außerdem haben viele keinen Garten, finden es aber schön, etwas zu pflanzen, zuzuschauen, wie es wächst und zu ernten." Das Obst und Gemüse wird dann aufgeteilt. Im Stadtgarten gehört alles allen. Pflanzen, Erde, Saatgut und Werkzeug wird zur Verfügung gestellt, finanziert durch Beetpatenschaften, Sponsoren und Spenden.

Eigene Beete gibt es nicht. Hier geht's nicht darum, sich eine private Oase zu schaffen. "Das Miteinander spielt eine große Rolle, wir wollen keinen Parzellengarten."Auf bunt angemalten und zu Gartensofas zusammengestellten Paletten entspannen schon ein paar Stadtgärtner, Nogly ruft rüber, dass sie auch gleich auf ein Bierchen vorbeikommt. "Küche und ein Café sind in Planung", erklärt sie. Das Projekt wächst. Neuerdings hat sich eine Arbeitsgruppe die Begrünung trister Nürnberger Hinterhöfe vorgenommen.

"Der Stadtgarten ist eine Experimentierfläche, so was wie einen Masterplan gibt es nicht." Jeder bringt sich ein, wie er kann und mag. "Es geht auch darum, öffentlichen Raum als Bürger aktiv zu gestalten und zu bespielen."

Nogly schlendert an einem Berg aus Tontöpfen vorbei, der intensiven Kaffeeduft verströmt. Darunter liegt ein anderer, leicht erdiger Geruch. Einer der Stadtgärtner hatte die Idee, dass sich hier Pilze sehr gut anbauen lassen. Auf Kaffeesatz, der auf heißem Parkplatzasphalt kompostiert.
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