Von 1987 bis 1994 bestritt der "Allrounder", wie er sich selbst bezeichnet, 150 Bundesliga-Partien - in der Abwehr und im Mittelfeld. Noch heute kickt er in der Traditions-Mannschaft des Club und berichtet als Fan-Reporter von den Spielen - für Blinde oder Menschen mit Sehbehinderung. Sein nächstes Projekt ist der Aufbau einer eigenen Fußballschule zusammen mit dem ehemaligen DDR-Profi Dieter Kurth (BSG Motor Suhl). Im folgenden Interview äußert sich der vierfache Vater und fünffache Großvater, der beiin Dietersdorf nahe Coburg lebt, über die positiven wie negativen Aspekte der Club-Hinrunde, seine schweren Verletzungen in seiner aktiven Zeit und seinen einstigen Job als Bundestrainer.

Was ist Ihnen nach der Club-Hinrunde positiv im Gedächtnis haften geblieben?

Jörg Dittwar: Dass wir noch nicht abgeschlagen sind. Vor Saisonbeginn habe ich gesagt: Wenn wir vor dem 34. Spieltag auf einem Relegationsplatz stehen, können wir zufrieden sein. Damals wurde ich für diese Aussage ich belächelt. Fakt ist aber, dass in der Mannschaft, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, nur Talente ohne Bundesliga-Erfahrung stehen. Und die bekommen nun zu spüren, dass die Bundesliga ein anderes Kaliber als die Zweite Liga ist.

Wer oder was hat Sie am meisten enttäuscht?

Dass die Laufleistung in einigen Begegnungen zwei bis drei Kilometer hinter denen des Gegners zurückgeblieben ist. Wenn du hinten drinstehst, musst du den inneren Schweinehund überwinden und über den Kampf kommen. Die Jungs müssen mehr laufen und Zweikämpfe gewinnen - so wie im Training, wo richtig Zug dahinter ist. Und noch etwas...

Ja, bitte...

Die Jungs spielen keinen schlechten Fußball, im Gegenteil. Sie versuchen zumeist, spielerische Lösungen zu finden, so wie es Michael Köllner, den ich schon sehr lange kenne, vorgibt. Das geht allerdings nur bis 20 Meter vor dem Tor gut, danach geht leider nicht mehr viel. Erschwerend kommt hinzu, dass die Stürmer zu wenig treffen.

Sollte der Club noch ein oder zwei Transfers tätigen?

Verstärkungen sind nie verkehrt. Es stellt sich aber die Frage, ob die finanziellen Möglichkeiten vorhanden sind und ob auf dem Spielermarkt die Spieler vorhanden sind, die dem Club weiterhelfen können und die zudem über Spielpraxis verfügen.

Was muss passieren, damit die Nürnberger den Klassenerhalt schaffen?

Das Team sollte verinnerlichen, insbesondere hinten noch energischer zu kämpfen. Fortuna Düsseldorf hat gegen Borussia Dortmund vorgemacht, wie es gehen kann. Die haben sich mit Mann und Maus in alles hineingeworfen und sind dafür belohnt worden.

Wie häufig gehen Sie ins Max-Morlock-Stadion und welche Hobbys bestimmen Ihr Leben?

Ich habe drei oder vier Spiele live gesehen, die anderen im Pay-TV. Ansonsten bin ich mit meiner Aufgabe als Sportlicher Leiter bei der SG Ebersdorf, ein Zusammenschluss aus Frohnlach, Ebersdorf und Großgarnstadt, ziemlich gut ausgelastet. Ich kümmere mich an sieben Tagen in der Woche um den Nachwuchs von der G- bis zur A-Jugend und trainiere alle Mannschaften mit. Fußball ist mein Beruf.

Sie standen 1990 auf dem Sprung in die Nationalmannschaft, doch eine Verletzung bremste sie aus...

Das stimmt. Ich hatte mir im Winter einen Mittelfußbruch zugezogen - und bis dahin war auch alles gut gelaufen. Als ich nach der Verletzung zurückgekommen bin, war es jedoch schwer, wieder Fuß zu fassen. Hinzu kam, dass sich die sportliche Ausgangslage geändert hatte: Nürnberg kämpfte gegen den Abstieg. Das war es dann. Aber ich bin immerhin einer der wenigen Club-Spieler, die im Notizbuch von Franz Beckenbauer gestanden haben.

1994 endete Ihre Bundesliga-Karriere abrupt. Was war der Grund?

Im Spiel gegen den FC Bayern München hatte mir Michael Sternkopf aufs Knie getreten. Nachdem ich ein Jahr lang gekämpft habe und mir die Ärzte schließlich mitgeteilt haben, dass mein Knie, das ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden war, nicht mehr bundesligatauglich sei, bin ich Sport-Invalide geworden. Das war damals ein Nadelstich, der manchmal auch heute noch, wenn ich im Stadion sitze, wehtut. Ich habe für den Sport gelebt; um Geld ist es mir nie gegangen.

Von 2009 bis 2016 waren Sie Bundestrainer der Fußballer mit intellektueller Beeinträchtigung. Wie sind Sie dazu gekommen?

Zu meiner Zeit als Profi habe ich regelmäßig Behinderten-Werkstätten besucht, dort Autogramme gegeben und mich über die Arbeit in diesen Einrichtungen informiert. Mir hat imponiert, wie engagiert diese Menschen, deren IQ in der Regel nicht höher als 75 ist, an ihre Aufgaben herangegangen sind. Und ich habe gemerkt, dass sie mit ganzem Herzen dabei waren. Das alles hat mich motiviert, den Job des Bundestrainers anzunehmen.