Nürnberg
Buchvorstellung

Über die Liebe zum Club und die Auswüchse der Kommerzialisierung

Absurdistan in und um Berlin: "Heilige Scheiße" ist ein Buch über die Liebe zum Club und die Auswüchse der Kommerzialisierung im Profifußball.
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The Disorder Foto: dk
The Disorder Foto: dk

Absurdistan in und um Berlin: "Heilige Scheiße" ist ein Buch über die Liebe zum Club und die Auswüchse der Kommerzialisierung im Profifußball. Unser Mitarbeiter Dirk Kaiser hat es gelesen.

Der 1. FC Nürnberg steht am Abgrund - mal wieder. In der Relegation für die Bundesligasaison 2038/2039 bekommt es der von Hanno Behrens betreute Club in der dritten und entscheidenden K.o.-Runde mit dem Hamburger SV und dessen Cheftrainer Julian Nagelsmann zu tun. Zuvor hatten sich die Nürnberger, bei denen Marek Mintal den Posten des Sportvorstands bekleidet, gegen Merkur Fortuna Düsseldorf und Werder Becks Bremen durchgesetzt. Die Hanseaten wiederum hatten auf dem Weg in den Showdown den FC Störtebecker Pauli und Arminia Oetker Bielefeld in die Zweitklassigkeit geschickt.

Im saudi-arabischen Riad geht es für beide Mannschaften um nichts weniger als den Verbleib in der Beletage. Denn nur der Sieger des Endspiels gehört auch weiterhin zum elitären Zirkel der 24 Erstligisten, die die Kommerzialisierung längst auf die Spitze getrieben haben: Aus dem einst ruhmreichen FC Schalke 04 ist der FC Gazprom 04 geworden, der VfB Stuttgart firmiert unter dem Namen VfB Porsche Stuttgart, und selbst die Kieler "Störche" haben ihr Namensrecht veräußert und laufen unter dem Label Holstein Dataport Kiel auf.

Während der 1. FC Nürnberg und der Hamburger SV im Nahen Osten im Einsatz sind und so ihren Beitrag zur Vermarktung des deutschen Fußballs leisten, findet parallel im Berliner ICE-Olympiastadion zum dritten Mal das Final Four um die deutsche Meisterschaft statt. Mit von der Partie sind die besten vier Mannschaften der Hauptrunde: der FC Telekom München mit seinem 52 Jahre alten Trainer Manuel Neuer, RedBull Leipzig, Hertha Deutsche Bahn SC und RedBull Kaiserslautern. Angesichts dieses herausragenden sportlichen Ereignisses befindet sich die Millionenmetropole im Ausnahmezustand - was unter anderem zur Folge hat, dass der Ausschank von Alkohol im gesamten Stadtgebiet vom Berliner Senat per einstweiliger Verfügung untersagt wurde.

Eine kleine Gruppe eingefleischter Clubfans, die sich im "Max und Marek" im Berliner Bezirk Wedding eingefunden hat, um ihren "Glubb" im fernen Riad live im Free-TV zu verfolgen, hat jedoch einen raffinierten Plan ausgetüftelt, wie das Alkoholverbot umgangen werden kann. Doch ein ehemaliger Weltmeister, der falsch spielt, eine wilde Verfolgungsjagd mitten durch Berlin, eine verhängnisvolle Begegnung im Wald vor den Toren der Hauptstadt, zwei vertauschte Taschen und ein großer Haufen menschlicher Exkremente sorgen für ein totales Durcheinander und lösen eine Kettenreaktion kleinerer und größer Katastrophen aus. An deren Ende ist der moderne Fußball in seinen Grundfesten erschüttert - und der 1. FC Nürnberg hat 70 Jahre nach seinem letzten Titelgewinn eine echte Chance auf seine zehnte Meisterschaft.

"Heilige Scheiße", so der Titel des Romans von "The Disorder" , ist eine bunte, aberwitzige Mischung aus Abstrusem, Science Fiction mit Bezug zur Gegenwart und nicht zuletzt eine Hommage an den Fußball - wenngleich sich die Kritik an den Auswüchsen der Kommerzialisierung wie ein roter Faden durch die 266 Seiten zieht. Obschon sich "The Disorder" in manchen Passagen deutlich kürzer hätte fassen können (was der Dynamik und dem Tempo der Erzählung gutgetan hätte), ist es insbesondere für Clubfans ein interessanter und lesenswerter Roman - weil die Protagonisten bekannt sind.

"Heilige Scheiße" ist kein literarisches Hoch-Reck und nicht immer stimmig - so liegt Düsseldorf keineswegs in Rheinland-Pfalz, wohin "The Disorder" die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt verortet hat -, aber mit viel Liebe zum Detail und unterhaltsam geschrieben.

Über den Autor

The Disorder, 1969 in Berlin geboren, ist seit Ende der 70er Jahre Fan des 1. FC Nürnberg und seit über zehn Jahren Vorsitzender des Berliner Hauptstadt-Fanclubs Clubberer 04 Berlin und Brandenburg. "Heilige Scheiße", erschienen im traumaweb-Verlag Berlin, ist sein dritter Roman, jedoch der erste mit Bezug zum Fußball. 2015 drehte er als Regisseur die Dokumentation "Ferne Liebe" - ein Film über Exilfans in der Hauptstadt (siehe auch: www.disorderuniverse.com).



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