Nürnberg
Surfen

Die Welle schwappt von Nürnberg nach Tokio

Bei Olympia 2020 sind fünf Sportarten zum ersten Mal im Programm, darunter Surfen. Der Nürnberger Paul Flesch erklärt, warum der Sport zugleich faszinierend und unangenehm ist.
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Pail Flesch
Pail Flesch
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Welle und Ostasien? Da war doch was! Zum Jahreswechsel 2004/2005 verbannten die Radiosender hierzulande den Hit "Perfekte Welle" von der Band Juli aus Pietätsgründen vorübergehend aus dem Programm. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 hatte ein Erdbeben vor der Küste Indonesiens einen Tsunami ausgelöst, dem mehr als 200 000 Menschen zum Opfer fielen. Im März 2011 sorgte eine Erschütterung am Meeresgrund für eine Flutwelle und damit einhergehende Kernschmelze im japanischen Atomkraftwerk Fukushima.

Mehr Aufmerksamkeit für Surfen

Inzwischen läuft die "Perfekte Welle" längst wieder im Radio, die Menschen kehren nach und nach an die einst zerstörten bzw. radioaktiv verseuchten Orte zurück. Und das bisher negativ assoziierte Begriffspaar Welle und Japan könnte bald für erfreulichere Schlagzeilen sorgen: Surfen wurde in das olympische Programm für Tokio 2020 aufgenommen.

"Da ich nicht zu den besten Surfern Deutschlands gehöre, wirkt sich die Entscheidung auf mich nicht direkt aus. Weil diese Sportart allerdings meine Leidenschaft ist, freut es mich, dass ihr mehr Aufmerksamkeit zukommt und sie in einer Kategorie mit den klassischen Sportarten steht", sagt Paul Flesch aus Nürnberg.

Die Elite kommt nach Meinung des 33-Jährigen aus Hawaii, wo Surfen Nationalsport ist, sowie aus Brasilien, Australien und Frankreich. "Wir werden bei Olympia wohl im hinteren Mittelfeld landen. Es gibt nur eine Hand voll Deutscher, die vom Surfen leben kann. Das sind dann meist welche, die am Meer aufgewachsen sind", erklärt Flesch. Das einzige, das der Nürnberger mit seinem Hobby schon gewonnen hat, seien "Erfahrung und Freundschaften".

Obwohl er erst ein Jahr zuvor über Stand-Up-Paddling (SUP) zum Surfen gekommen war, hat er 2015 immerhin schon an einem Contest auf Sylt teilgenommen, wo die deutsche Wiege der Sportart liegt. "Ich bin aber im ersten Heat rausgeflogen", erzählt Flesch. Bei der deutschen SUP-Wave-Meisterschaft 2017 in Portugal sprang sogar Platz 7 heraus. Wenn der 33-Jährige seiner Leidenschaft nachgehen will, muss der Eigentümer einer Firma für Textildruck, Beschriftungen und Fahrzeugbeklebung allerdings Urlaub nehmen. "Ich bin meistens drei bis vier Mal im Jahr unterwegs. Überwiegend am Atlantik: auf den Kanaren, in Portugal oder Frankreich."

Große Abhängigkeit von der Natur

Die Zeit nimmt er sich gerne: "Das Faszinierendste und zugleich Unangenehmste am Surfen ist die Abhängigkeit von der Natur. Jeder Ort und jede Welle sind anders. Es ist für mich immer eine Herausforderung, die richtige Welle abzuwarten und zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Fleck bereit zu sein." Wenn es zu wenig Seegang gibt, packt Flesch seine "Foil"-Ausrüstung aus - ein Surfbrett, an dem ein Gestänge etwa einen Meter nach unten reicht und mit dem man auch bei kleineren Wellen übers Wasser schweben kann. "Es ist aber anstrengender und schwieriger."

Damit die Surfer ihr Sportgerät nicht an den Ozean verlieren, befestigen sie es mit einer Schnur am Fußgelenk. Ein - im wahrsten Sinne des Wortes - Brett vor dem Kopf verhindert diese Verbindung namens "Leash" zwar nicht, "bis auf eine Finne im Rücken und kleinere Prellungen ist mir aber noch nichts passiert", sagt Flesch.

Wenn das Zeitfenster nur einen Kurztrip zulässt (Flesch verkauft und repariert nebenbei Surfbretter und SUPs), reitet er auf einer der drei stehenden Wellen in München. In Franken gibt es am Main in Wasserskibereichen die Möglichkeit, in der Bootswelle zu surfen. "Bei uns in Nürnberg soll ab Ende kommenden Jahres auf einer künstlich erzeugten Welle beim Fuchsloch in der Pegnitz gesurft werden können", erzählt Flesch. Bayern um Ministerpräsident Markus Söder aus Nürnberg fördert das Projekt zu 50 Prozent, maximal aber 250 000 Euro.

Spenden für die perfekte Welle

Für die ausstehende knapp eine Million Euro sucht der gemeinnützige Verein Nürnberger Dauerwelle Sponsoren und sammelt auf seiner Homepage Geld per Crowdfunding. Wenn alles gut geht, hat Paul Flesch also bald vor seiner Haustür die perfekte Welle.

So läuft der Wettbewerb bei Olympia 2020

Bei Olympia wird auf Shortboards gesurft. Das sind die kleinsten und somit wendigsten, aber auch am schwierigsten zu kontrollierenden Bretter (zw. 183 und 213 cm). Je mehr Volumen das Board hat, umso einfacher ist das Anpaddeln der Welle. Die Sportgeräte bestehen meist aus einem Styroporkern, haben teilweise einen schmalen Holzstreifen von der Spitze bis zum Ende und sind mit Glasfaser und/oder Karbon laminiert. Finnen führen das Board durchs Wasser. Das Gewicht darf der Surfer frei wählen.

Um die besten Wellen zu garantieren, wird der Contest mit einer Wartezeit von 16 Tagen - also den kompletten olympischen Spielen - durchgeführt. Ist der Wettbewerb mit je 20 Männern und Frauen einmal gestartet, soll er innerhalb von zwei Tagen ausgetragen werden. Jeweils vier Surfer treten in einem Durchgang (etwa 30 Minuten) an und nehmen nacheinander so viele Wellen wie möglich. Gewertet werden die besten zwei. Kriterien sind unter anderem Geschwindigkeit, Dauer, Schwierigkeit und Vielfalt.

Wer hat's erfunden? Die Polynesier

Hawaii gilt als Geburtsort des Surfens. Tatsächlich breitete sich der Sport von dort in die Welt aus und ist noch heute Nationalsport Nummer 1, doch die Anfänge reichen weiter zurück. Vermutet wird, dass die Polynesier bereits in der Zeit vor Christus so etwas wie Wellenreiten machten. Als heidnische und unsittliche Zeitverschwendung wurde Surfen 1823 auf dem Inselreich verboten. Erst mit der Gründung des ersten hawaiianischen Surfclubs 1908 erfolgte der endgültige Durchbruch.

Hollywood trägt zur Verbreitung bei

Der Hawaiianer Duke Kahanamoku brachte das Wellenreiten im 20. Jahrhundert nach Australien. Der Kalifornier Tom Blake setzte sich in den USA für die Sportart ein und der Hollywood-Drehbuchautor Peter Viertel begeisterte die Franzosen bei Filmarbeiten in Biarritz vom Surfen. Aus den Holzbrettern wurden Unterlagen aus Schaumstoff; mit und ohne Finnen; dazu Wachs für besseren Halt.

Rettungsschwimmer zeigen Kreativität

Mitte der 50er Jahre wurden die Rettungsschwimmer von Sylt für ihre Arbeit mit Brettern ausgestattet. Obwohl fürs Surfen ungeeignet, versuchten sie sich im Wellenreiten und gründeten 1966 den "Surfing Club Sylt". 1977 etablierten Kölner Sportstudenten an der spanisch-französischen Grenze am Atlantik die erste deutsche Surfschule. Mehrere Surfvereine gründeten 1991 in Köln den deutschen Wellenreitverband DWV. 1996 fand in Cap de l'Homy an der französischen Atlantikküste die erste deutsche Meisterschaft statt.

Das IOC gibt grünes Licht für Tokio 2020

Das Exekutivkomitee des internationalen olympischen Komitees (IOC) entschied 2016 in Lausanne, dem Vorschlag der japanischen Organisatoren zu folgen und Surfen neben Skateboarding, Baseball, Karate und Klettern ins Programm für die Spiele in Tokio 2020 aufzunehmen. Alle 90 Mitglieder der Vollversammlung des IOC stimmten am 3. August desselben Jahres in Rio de Janeiro zu.

Wer qualifiziert sich wie für Olympia in Japan?

Um vom 24. Juli bis 9. August 2020 in Tokio dabei zu sein, müssen sich deutsche Surfer bei der deutschen Meisterschaft vom 21. bis 28. September 2019 in Frankreich qualifizieren. Alternativ schlägt der DWV Sportler vor, die in der Vergangenheit besonders erfolgreich an Wettbewerben teilgenommen haben. Pro Nation dürfen maximal zwei Männer und Frauen starten. Ein Franke wird Schwarz-Rot-Gold wohl nicht vertreten. Der DWV nominiert seine Kandidaten spätestens einen Monat vor Beginn der Spiele. Gesurft wird bei Olympia am Shidashita-Strand etwa 65 Kilometer von Tokio entfernt. Bei den Paralympics zwei Wochen später ist Surfen nicht im Programm.

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