Nürnberg
Videobeweis

Club-Coach Köllner: Keine 100-prozentige Sicherheit

Michael Köllner hält Unterbrechungen und Korrekturen im Fußball für schwierig. Im Basketball soll es künftig sogar weniger "Absicherungen" geben.
Artikel drucken Artikel einbetten
Schiedsrichter Guido Winkmann (Mitte) gestikuliert neben dem Nürnberger Mikael Ishak (li.) und dem Mainzer Pierre Kunde Malong. Der Aufsteiger und die Rheinland-Pfälzer trennten sich am Samstag 1:1.  Fotos: Timm Schamberger/dpa
Schiedsrichter Guido Winkmann (Mitte) gestikuliert neben dem Nürnberger Mikael Ishak (li.) und dem Mainzer Pierre Kunde Malong. Der Aufsteiger und die Rheinland-Pfälzer trennten sich am Samstag 1:1. Fotos: Timm Schamberger/dpa
+1 Bild

Der Videobeweis in der Fußball-Bundesliga: Er erhitzt die Gemüter - und hat bereits erste personelle Konsequenzen nach sich gezogen: Wolfgang Stark, zwei Mal "Schiedsrichter des Jahres" und nun als Video Assistent Referee (VAR) tätig, wurde von Jochen Drees, der ab 1. Oktober für den Bereich Videobeweis im DFB-Video-Zentrum in Köln hauptverantwortlich zeichnet, zunächst einmal auf die "Ersatzbank" befördert. Stark hatte in der Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und Schalke 04 am ersten Spieltag zwei Mal bei der Frage rote Karte oder nicht eingegriffen und Schiedsrichter Patrick Ittrich ganz offensichtlich aus der Spur gebracht.

"Richtig und nachvollziehbar"

;

"Beim Spiel in Wolfsburg war es tatsächlich so, dass nach meiner persönlichen Auffassung in beiden Szenen die ursprüngliche Entscheidung, die der Schiedsrichter und seine Assistenten auf dem Platz getroffen haben, für mich richtig und nachvollziehbar war", hatte Drees gegenüber dem TV-Sender Sky gesagt - und in diesem Zusammenhang noch einmal verdeutlicht, dass es sich bei den Personen in Köln, in der Regel ehemalige Referees aus der Bundesliga, um Video-Assistenten und nicht um Video-Schiedsrichter handelt.

Für Jens Staudenmayer, einst nationaler Spitzen-Unparteiischer in der Basketball-Bundesliga, "sollte es nicht sein, dass in irgendeinem Keller jemand sitzt, der nicht unmittelbar mit dem Geschehen auf dem Platz zu tun hat und mitunter dennoch entscheidend eingreift". Auch wenn die Entscheidungsgewalt, so Staudenmayer, weiterhin beim Schiedsrichter liege, so führe das Eingreifen von außen dazu, dass die Referees "weniger selbstentscheidungsfähig" würden - "weil das Überprüfen mit Souffleur gegenüber der ursprünglich getroffenen Entscheidung offensichtlich Priorität hat". In seiner Funktion als sportlicher Leiter und Mitglied des Schiedsrichterreferats der Basketball-Bundesliga war der gebürtige Berliner vor vier Jahren für die Installation des Instant Replay Systems (IRS) in der BBL verantwortlich.

"Fehler wird es immer geben"

;

Für Michael Köllner, den Trainer des 1. FC Nürnberg, steht fest, dass es selbst "mit einer weiteren Meinung, einer weiteren Einschätzung, nie zu einer 100 Prozent zweifelsfreien Entscheidung kommen wird". "Denn", dessen ist sich Köllner bewusst, "Fehler wird es immer geben". Um die Emotionalität des Spielgeschehens beizubehalten und den Spielfluss zu gewährleisten ("Im Gegensatz zu einer sequentiellen Sportart wie American Football handelt es sich beim Fußball um eine fließende Sportart - deswegen halte ich Unterbrechungen und Korrekturen für schwierig"), könnte sich der 48-Jährige ein System wie in der Champions League vorstellen. In diesem Wettbewerb decken die zusätzlichen Schiedsrichter den "kritischen Strafraum" ab.

Köllners Trainer-Kollege Sandro Schwarz vom FSV Mainz 05 versucht, mit den Irritationen und Debatten um den Videobeweis pragmatisch umzugehen: "Irren ist menschlich - und letztlich sitzen in Köln an den Monitoren auch nur Menschen. Von daher gehe ich davon aus, dass auch in der laufenden Saison wieder Fehler passieren werden. Aber jeder Fehler bietet die Möglichkeit, sich zu verbessern."

Verbesserungen mit Blick auf die Nutzung des IRS erhofft sich auch Staudenmayer. Weil es zuletzt viel häufiger in Anspruch genommen worden war als in der Premieren-Saison, wurden die bisher geltenden Kriterien noch einmal dezidiert verfeinert - "weil wir festgestellt haben, dass die Unterbrechungen durch die Absicherungen teilweise zu einer Scheingenauigkeit geführt haben". Das sei für das Produkt nicht förderlich, argumentiert der 50-Jährige. Er bestätigt, dass es selbst mit der Hinzunahme von Bildern "keine hundertprozentige Fehlervermeidung" geben wird, sondern "lediglich die Gerechtigkeitslücke weiter geschlossen werden kann".

Blick zum Basketball: Weniger Unterbrechungen dank neuer Kriterien?

;

Mit dem Einstieg der Deutschen Telekom als Medienpartner in der Saison 2014/2015 wurde in der Basketball-Bundesliga das Instant Replay System (IRS) eingeführt. Dabei haben die Schiedsrichter die Möglichkeit, anhand klar definierter Vorgaben eine getroffene Entscheidung am Wettkampf-Tisch nochmal zu überprüfen. Dies geschieht mittels eines Tablets, auf dem das TV-Signal eingespeist wird.

Perspektive frei wählbar

;

Mit Beginn der Spielzeit 2018/19 kommen erstmals bis zu sieben TV-Signale am Wettkampftisch an. Damit kann der Schiedsrichter seine IRS-Perspektive über das IRS-Tablet frei wählen. Bisher war er für weitere Perspektiven auf den TV-Regisseur angewiesen. Des Weiteren wurden die Kriterien für die Nutzung des IRS dahingehend überarbeitet und optimiert, dass der Spielfluss gewährleistet bleibt und die Unterbrechungen reduziert werden. Eine Auswertung der vergangenen vier Spielzeiten hatte ergeben, dass sich die Nutzung des IRS mehr als verdoppelt hat - von 25 Prozent in der Premieren-Saison auf 53 in der vergangenen Spielzeit. Ein relevanter Grund, sich weitere Gedanken über die Ausgestaltung des IRS zu machen.

Drei Arten der Anwendung

;

Ab Ende September wird unterschieden, in welchen Situationen das IRS "jederzeit", "gegen Ende der Spielperiode" sowie "in den letzten zwei Minuten des vierten Viertels und in der Verlängerung" zur Anwendung kommt:

Anwendung "jederzeit":

;

Zur Überprüfung, ob der Werfer nach einem erfolgreichen Korbwurf zwei oder drei Punkte erhält. Zur Überprüfung, ob der Werfer nach einem erfolglosen Korbwurf zwei oder drei Freiwürfe erhält, wenn er beim Korbwurf gefoult wurde.

Zur Überprüfung, ob ein persönliches, unsportliches oder disqualifizierendes Foul up- oder downgegraded wird. Gleiches gilt für die Umwandlung eines Kontaktfouls in ein technisches Foul.

Zur Identifizierung des richtigen Freiwerfers.

Zur Identifizierung der involvierten Spieler im Falle einer Rudelbildung (Fighting-Situation).

Anwendung "gegen Ende der Spielperiode":

;

Zur Überprüfung, ob der Ball bei einem erfolgreichen Wurf die Hand des Werfers verlassen hatte, bevor das Signal zu Ende des Abschnitts ertönte. Zur Überprüfung, ob und auf welche Zeit die Spieluhr zu korrigieren ist, falls

- der Werfer im Aus war,

- die 24-Sekunden-Regel überschritten wurde,

- die Acht-Sekunden-Regel überschritten wurde,

- ein Foul vor Ende des Spielabschnitts begangen wurde.

Anwendung "in den letzten zwei Minuten des letzten Viertels und in der Verlängerung":

;

Zur Überprüfung, ob der Ball bei einem erfolgreichen Korbwurf die Hand des Werfers verlassen hatte, bevor das Signal der Shot Clock ertönte.

Zur Überprüfung, ob der Ball bei einem Korbwurf die Hand des Werfers verlassen hat, bevor ein Foul begangen wurde.

Zur Überprüfung, welcher Spieler einen Ausball verursacht hat. Zur Überprüfung, ob bei einer Regelübertretung wegen Goaltending oder Goalinterference richtig entschieden wurde.

Die Auswertungen des Schiedsrichterreferats der BBL haben darüber hinaus ergeben, dass die Schiedsrichter den Einsatz des IRS in 88,5 Prozent der Fälle (Durchschnitt über die vier Spielzeiten) als "hilfreich" erachtet haben und sich dadurch die Quote der korrigierten Fehlentscheidungen von 43 (Saison 14/15) auf 56 Prozent (17/18) erhöht hat. Oder anders ausgedrückt: Es gab 170 Fehlentscheidungen weniger.

Am häufigsten (32 %) wurde das IRS zur Korrektur der Spieluhr/24-Sekunden-Uhr genutzt. In 31 Prozent der Fälle wurde überprüft, ob die Spieluhr/24-Sekunden-Uhr abgelaufen war oder nicht. Mit 21 Prozent folgte die Klärung, ob es sich um einen Zwei-Punkte- oder Drei-Punkte-Wurf gehandelt hat. dk



was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren