Nürnberg
Transgender

Premiere für deutsche Politik: Abgeordneter Markus Ganserer aus Nürnberg outet sich als Transgender

Frauenkleider statt Vollbart: Der grüne Landtagsabgeordnete Markus Ganserer aus Nürnberg macht als Tessa jetzt auch Politik. Für seine Kollegen kam sein Transgender-Coming-Out völlig überraschend.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Grünen-Abgeordnete Markus Ganserer aus Nürnberg hat sich als erster deutscher Politiker als Transgender geoutet. Foto: Nikolas Pelke
Der Grünen-Abgeordnete Markus Ganserer aus Nürnberg hat sich als erster deutscher Politiker als Transgender geoutet. Foto: Nikolas Pelke

Noch hat Markus Ganserer seinen Twitter-Account nicht geändert. Noch tritt der grüne Landtagsabgeordnete dort mit Themen auf, die den 41-jährigen Förster aus Nürnberg politisch bekannt gemacht haben: Mobilität und Verkehrspolitik, Wald und Forstpolitik.

Schon bald dürfte Ganserer seinen Profilauftritt bei dem Kurznachrichtendienst ergänzen. Nach seinem Coming-out als Transgender-Person, das Ganserer per Münchner Zeitung inklusive Foto im Mini-Rock vor der imposanten Kulisse der Kaiserburg medienwirksam Anfang November als erster Politiker in Deutschland überhaupt publik machte, hat sich viel getan.

Ganserer ist mittlerweile von seiner Fraktion im Bayerischen Landtag zum queerpolitischen Sprecher ernannt worden. Seitdem tritt Markus Ganserer auch als Tessa Ganserer auf. Mit blonder Perücke und hochhackigen Frauenstiefeln wie kürzlich in der Hauptstadt vor dem Reichstag, als Markus alias Tessa unter der Überschrift "Gleiches Recht für jedes Geschlecht" gegen den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur "Dritten Option" im Personenstandsgesetz ein buntes Protestplakat in den Berliner Winterhimmel gehalten hat.

Hier lesen Sie mehr über Markus Ganserer: Mal Mann, mal Frau - Landtagsabgeordneter der Grünen aus Nürnberg outet sich als Transgender

"Mit diesem Gesetzentwurf von CSU-Minister Seehofer werden Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen können, weiterhin diskriminiert", kritisierte Ganserer in Frauenklamotten. Über die eigene Geschlechtsidentität könne nur jeder Mensch für sich selbst verlässlich Auskunft geben, sagte Ganserer und hatte dabei wohl im Hinterkopf, was er selbst bei seinem Coming-out der "Süddeutschen Zeitung" zu Protokoll gegeben hatte: Demnach wechselt Ganserer zwischen zwei Geschlechtern. Mal sei er Mann, mal sei er Frau. Mal will er mit Markus, mal mit Tessa angesprochen werden. Mit und ohne Perücke fühle er sich gleichermaßen wohl. Homosexualität ist demnach wohl nicht automatisch mit von der Partie. Der 41-jährige Ganserer ist verheiratet und hat zwei Kinder. Entscheiden zwischen Männlein und Weiblein will er sich trotzdem nicht müssen.

Markus Ganserer vor dem Berliner Reichstag

Deswegen steht Ganserer nun in den hochhackigen Damenstiefeln und der blonden Perücke in Berlin mit dem Plakat vor dem Reichstag. Es sei an der Zeit, das breite Spektrum der Lebensweisen gesellschaftlich und politisch anzuerkennen und allen Menschen ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Ganserer will, dass sich jeder Mensch frei für sein Geschlecht entscheiden kann. Im Oktober 2017 hatte das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass das derzeit gültige Personenstandsgesetz die Grundrechte verletzt, da es Menschen "dazu zwingt, das Geschlecht zu registrieren, aber keinen anderen positiven Geschlechtseintrag als weiblich oder männlich zulässt".

Deswegen steht Markus alias Tessa Ganserer nun in Frauenklamotten vor dem Reichstag und kritisiert den Gesetzentwurf von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Der würde den dritten positiven Geschlechtseintrag nur denjenigen Personen ermöglichen, die mit einer ärztlichen Bescheinigung nachweisen könnten, dass bei ihnen eine "Variante der Geschlechtsentwicklung" vorliegt. "Damit würde nicht allen intergeschlechtlichen Menschen der Zugang zur ,Dritten Option` eröffnet", betont Markus/Tessa Ganserer und fordert ein Gesetz zur Anerkennung der selbstbestimmten Geschlechtsidentität, das "allen transidenten und intergeschlechtlichen Menschen" Rechnung trägt. Nach der "Ehe für alle" wollen die Grünen nun offensichtlich mit Tessa alias Markus Ganserer verstärkt auf das Thema "gleiche Rechte für alle" setzen.

Mehr aktuelle politische Nachrichten: "Ernsthafte Störung" auf Merkels Flug zum G20-Gipfel - Flugabbruch durch Komplettausfall des Funksystems

Bereits im Juli versprach Claudia Roth, die grüne Bundestagsvizepräsidentin, sich für die Gleichstellung von Regenbogenfamilien und die Abschaffung des Transsexuellengesetzes einzusetzen. "Wir werden, bis es soweit ist, nerven ohne Ende", soll Roth ihren Zuhörern beim "Regenbogensonnentag" im Bayerischen Landtag kurz vor den Wahlen versprochen haben. Damals im Sommer 2018 war noch der grüne Fraktionsvorsitzender Ludwig Hartmann der queerpolitische Sprecher der grünen Landtagsfraktion. Und Markus Ganserer beschäftige sich wahrscheinlich noch hauptsächlich mit Verkehrs- und Forstpolitik.

Heimlich habe er nach eigenem Bekunden schon damals seit ein paar Jahren gerne Frauenkleider getragen. Selbst engste Mitarbeiter wollen von der heimlichen Leidenschaft des Politikers allerdings nichts mitbekommen haben. Viele seiner Wähler dürften erst recht nichts von der Vorliebe des Grünen gewusst haben. Selbst andere grüne Politiker aus Nürnberg wie Stadträtin Elke Leo haben von der heimlichen Leidenschaft des Parteikollegen nichts gewusst. "Ich finde es aber toll, dass er es nun öffentlich gemacht hat", sagt die grüne Stadträtin am Freitag auf Anfrage dieses Medienhauses.

Keine Aufregung über Coming-Out

Parteiintern habe es "überhaupt keine Aufregung" über das Coming-out gegeben, berichtet Leo aus der Partei. "Jeder wird so akzeptiert, wie er ist", betont Leo, Sprecherin für Frauen- und Gleichstellung, weiter. Auch die fränkische Fraktionskollegin im Maximilianeum und grüne Landtagsabgeordnete aus Roth, Verena Osgyan, freut sich über das Coming-out ihres Parteifreundes. "Das ist ein mutiger Schritt, der noch viel in Bewegung setzen wird", ist sich Osgyan sicher. Parteiintern sei das Coming-out nicht diskutiert worden. "Wir sind grün, für uns ist das ganz normal."

Im Wahlkampf hatte sich Ganserer bis zuletzt noch als "ganz normaler" Mann präsentiert. Warum er sich beispielsweise erst nach und nicht vor seiner erfolgreichen Wiederwahl ins Landesparlament für das Coming-out entschiedet hat? Fragen wie diese lässt Ganserer derzeit unbeantwortet. Ein Münchner Mitarbeiter des Nürnberger Abgeordneten lässt via Mail lediglich ausrichten, dass sich Markus Ganserer "zu seiner Transidentität" nicht mehr äußern wolle. Aus seiner Sicht sei "alles gesagt". Selbst über Tessa wolle er nicht mehr sprechen. Nur in deren Kleider schlüpfen will er offensichtlich. Und das nicht nur privat. Sondern auch als Politiker.

Die wichtigsten Infos zu Grünen-Politiker Markus/Tessa Ganserer

Geburt Markus Ganserer wurde 1977 in Zwiesel im Herzen des Bayerischen Waldes geboren.

Beruf Nach dem Hauptschulabschluss absolvierte Ganserer in seiner Heimat zunächst eine Berufsausbildung zum Forstwirt. Nach dem Zivildienst studierte er Wald und Forstwirtschaft an der Fachhochschule Weihenstephan.

Politik 1998 ging Ganserer zu den Grünen. Ein Jahr später gründete er die "Grüne Jugend Regen" und die "Grüne Jugend Niederbayern". Von 2005 bis 2013 arbeitete Ganserer als Mitarbeiter des grünen Landtagsabgeordneten Christian Magerl.

Landtag Nach einer erfolglosen Kandidatur im Jahr 2008 gehört Ganserer seit 2013 ununterbrochen dem Bayerischen Landtag an. Im November hat sich Ganserer als erster Politiker in Deutschland öffentlich zu seiner Transsexualität bekannt. Heute ist der Nürnberger Abgeordnete queerpolitischer Sprecher/in der grünen Landtagsfraktion.

Homepagewww.markus-ganserer.de

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren